Live Hallangen ist tot. Ihr Leichnam liegt auf einem Feld vor der kleinen Stadt Skarnes. Die Polizisten stellen ihren Tod ebenso fest wie der Leichenbestatter, pikanterweise Lives Vater. Auch die Pathologie im Nachbarort bestätigt Lives Ableben. Kaum jedoch setzt die Pathologin das Skalpell auf Lives Brustkorb, schreit die junge Frau vor Schmerzen auf.
Die norwegische Serie «Post Mortem – In Skarnes stirbt niemand» ist eine ziemlich sperrige Angelegenheit. Sie hat tolle Momente und nimmt auf dem kleinen Raum, in dem sie spielt, einige unerwartete Wendungen mit. Immer wieder aber neigt sie zu bleiernem, skandinavischem Sozialdrama-Schwermut: Vor allem die ersten drei Episoden wirken nicht selten, als würde eine tonnenschwere Tragödienlast auf ihnen liegen. Hier und da gibt es ein kurzes Aufblinken von Humor oder gar gruseliger Düsternis, meist aber wirkt die Inszenierung, als habe Ingmar Bergman Hand angelegt, um in schweren, monochromen Bildern die Last des Daseins zu beklagen. Was um so mehr erstaunt, bedenkt man, dass bei genau diesen drei Episoden Harald Zwart hinter der Kamera gestanden hat, der vielleicht bekannteste norwegische Regisseur überhaupt. Zwart, ein gebürtiger Niederländer, der allerdings in Norwegen aufgewachsen ist, hat in Hollywood immerhin Filme wie das «Karate Kid»-Remake und «Chroniken der Unterwelt – City of Bones» in Szene gesetzt. Beides nicht gerade kleine, unscheinbare Independent-Produktionen, sondern lupenreine Studiofilme. Mit «Agent Cody Banks» hat er 2003 als erster Norweger überhaupt einen amerikanischen Studiofilm inszeniert. Um so irritierender, dass seine Episoden nicht wirklich zünden wollen. Dass Netflix nicht zwingend ein Mega-Budget in eine norwegische Netflix-Horror-Drama-Serie investiert, ist durchaus nachvollziehbar. Norwegen hat sich zwar in den letzten 15 Jahren zu einem interessanten Filmland entwickelt, ist aber weit davon entfernt, eine Filmmacht zu sein. Dass «Post Mortem» dennoch kaum über den Look einer deutschen Vorabendserie hinaus kommt, das überrascht dennoch, denn Harald Zwart ist eben nicht irgendein Regisseur. Als jemand, der auch in der Werbung arbeitet, ist er ein versierter Visualist. Das beweist er etwa in dem Moment, in dem Live zum ersten Mal etwas in sich spürt. Einen Hunger nach Blut. Live versteht nicht, was in diesem Moment mit ihr geschieht. Doch in ihr ist ein Funken zum Leben erweckt worden, der sie zu etwas antreibt, das sie sich nicht erklären kann.
Momente wie dieser stechen inszenatorisch hervor, sie bleiben jedoch nur Blinklichter in einer Inszenierung, die es nicht leicht macht, schlicht dranzubleiben. Gerade in einem Zeitalter, in dem immer irgendwo das nächste Seriengroßereignis seine Schatten vorauswirft, muss eine Serie von Anfang an Schlaglichter werfen. «Post Mortem» aber gelingt dies erst mit Episode 4 – dank eines von Episode 3 mitgenommenen Cliffhangers, der die Story in eine vollkommen unerwartete Richtung führt und eine krachende Wendung einleitet. Die zweite Hälfte der Serie ist dann auch deutlich kompakter inszeniert; vor allem aber findet sie endlich ein Genre. Können sich die ersten Episoden überhaupt nicht entscheiden, ob sie Drama, Dramedy, Komödie, Sozialtragödie, ja irgendetwas Konkretes sein möchten, definiert sich die Serie ab Episode 4 ganz klar als eine Mystery-, vielleicht sogar Horrorserie mit einem sanften, dramatischen Touch.
Auf der Haben-Seite stehen die Charaktere. Live etwa ist Altenpflegerin. Sie ist der Typus von Mensch, der nebenan wohnt. Sie ist keine Superheldin oder Superschurkin. Live ist einfach eine Frau, der etwas sehr seltsames widerfährt und die einige sehr seltsame Veränderungen an sich wahr nimmt. Veränderungen, die sie vor der Welt verstecken muss. Hauptdarstellerin Kathrine Thorborg Johansen ist allerdings nicht das emotionale Zentrum der Serie. Das ist Elias Holmen Sørensen, der Darsteller ihres Bruders Odd, auf den sich der Untertitel der Serie, «In Skarnes stirbt niemand», bezieht. Nach dem Tod seines Vaters erbt Odd nicht nur dessen Betrieb, sondern auch dessen Schulden. Nach fünf Generationen steht das Unternehmen auf der Kippe. Es trägt sich nicht, da in dem kleinen Ort nahe der schwedischen Grenze einfach nicht genug gestorben wird, um die laufende Kosten decken zu können. Darüber hinaus ist Odd einfach ein liebenswerter, netter Kerl. Er ist jemand, der nicht lügen kann, der immer ehrlich bleibt, der seiner Frau Rose einfach ein guter Ehemann sei will und der für seine Schwester da ist, wenn die ihn braucht. Man würde ihm fast gönnen, etwas mehr Arbeit zu bekommen, wenn er nicht gerade dem Bestatterhandwerk nachgehen würde. 

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