Serientäter

«Ginny & Georgia»: Keine Serie über starke Frauen

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«Ginny & Georgia» war in diesem Jahr der Sensationshit von Netflix. Vor allem in den USA hat die Serie so ziemlich alle anderen Serienstarts in den Schatten gestellt und geschlagene 27 Tage die Top-Position der beliebtesten Serien gehalten. Eine zweite Staffel ist längst für 2022 angekündigt. Dabei ist die Serie durchaus kritikwürdig.

Stab

USA 2020/21
SHORWUNNERIN: Sarah Lampert
MUSIK: Lili Hadn, Ben Bromfield
EXECUTIVE PRODUCERS: Debra J. Fisher, Sarah Lampert, Anya Adams, Jeff Tahler u.a.
PRODUCERIN: Claire Welland
KAMERA: Gavin Smith
DARSTELLER: Brianne Howey, Antonia Gentry, Diesel La Torraca, Jennifer Robertson, Felix Mallard, Sara Waisglass, Scott Porter, Raymond Ablack
EPISODEN: 10 (50 bis 58 min)
«Ginny & Georgia» ist die Geschichte der 15 Jahre alten Ginny und ihrer 30 Jahre alten Mutter Georgia. Zur Familie gehört außerdem Ginnys kleiner (Stief-)Bruder Austin. Zusammen führen sie ein unstetes Leben mit dauernden Wohnortwechseln. Nach dem Tod von Ginnys Stiefvater ist es jedoch an der Zeit, endlich Wurzeln zu schlagen. Kaum ein Platz scheint dafür besser geeignet als die Kleinstadt Wellsbury in Neuengland. Wellsbury gehört zu den Städten, in denen nicht viel geschieht. Und das ist genau das, was die Familie braucht. Einen langweiligen Ort, wo man am Wochenende mal ins Kino geht, die Landschaft genießt und die weite Welt höchstens via Internet oder Satellitenfernsehen in den Wohnstuben vorbeischaut.

Es ist aber auch vor allem ein Ort, an dem die Familie endlich Normalität erleben kann. Georgia wurde mit 15 Mutter. Und es sind in den Jahren ihre Teenagerzeit einige Dinge geschehen, die sie daran gehindert haben, ein normales Leben führen zu können. Was alles geschah, das offenbart sich in Rückblicken. Irgendwann jedoch hat sich ihr Leben in halbwegs geordnete Bahnen bewegt, könnte man zumindest meinen. Bis der Tod ihres Mannes erneut eine Wunde gerissen hat. Eine Wunde, die nun in Wellsbuy verheilen soll. Für einen Neuanfang.

So zumindest suggeriert es die erste Episode der Serie. Gleichzeitig aber offenbart sie auch ein ungewöhnliches Mutter-Tochter-Verhältnis. Georgia ist hübsch. Sie weiß, dass sie von Männern als attraktiv, ja begehrenswert betrachtet wird. Und sie spielt mit ihrem Aussehen, setzt es ein. Etwa auf Job-Suche. Warum im Supermarkt Regale einräumen, wenn man auch für den Bürgermeister arbeiten kann? Denn schließlich sind Bürgermeister Politiker und wenn diese in den Wahlkampf ziehen, brauchen sie nicht nur Argumente, sondern auch etwas – zum Anschauen. Bei alledem wirkt Georgia aber immer wieder auch unreif, sehr auf Äußerlichkeiten bedacht. Im Gegensatz zu Ginny, die mit ihren 15 Jahren definitiv den vernünftigeren Parts in der Mutter-Tochter-Beziehung darstellt und die etwa an ihrer neuen Schule als leistungsstarke, selbstbewusste Schülerin auftritt, die mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Intellekt zu überzeugen gedenkt.

Die kurze Inhaltsangabe lässt natürlich Erinnerungen an eine höchst erfolgreiche Serie der frühen 2000er vor dem geistigen Auge erscheinen: «Gilmore Girls». Die Ausgangssituation (Mutter, Anfang 30, etwas wild und „beziehungsgfordert“, lebt mit ihrer vernünftigen Teenager-Tochter in einer netten kleinen Stadt) wirkt erst einmal identisch. Nun hat sich das serielle Erzählen weiterentwickelt, allgemein werden Geschichten dramatischer, komplexer erzählt – folglich braucht es einen dramatischen Einstieg (den Tod des Stiefvaters) und es darf etwas kontroverser werden (Georgias bewusster Einsatz ihrer Äußerlichkeit). Fertig ist «Gilmore Girls 2.0».

Es ist gar nicht auszuschließen, dass dies tatsächlich der Gedanke gewesen ist, mit dem die Planungen an der Serie ihren Anfang genommen haben. Doch irgendwann auf dem Entwicklungsweg hat die Serie dann eine unerwartete Abzweigung genommen, denn schon am Ende des ersten Teils erfahren wir, die Zuschauerschaft, dass Georgia ihren Ehemann kunstvoll ermordet hat.

Warum?
Das ist das Problem der Serie, über das noch gesprochen werden wird. So sollen erst einmal die Positiva genannt werden. Wie die Dialoge zwischen Mutter und Tochter, die stets geschliffen geschrieben sind. Und da sind die beiden Hauptdarstellerinnen Brianne Howey (Georgia) und Antonia Gentry (Ginny), die bemerkenswert aufspielen. In Brianne Howeys Darstellung der Georgia schwankt diese zwischen einem extrem extrovertierten Wesen und einer überraschenden Unreife. Einer Unreife gegenüber ihrer Kindern, denen sie entweder als Freundin gegenübertritt – oder als regelrechte Glucke, die sie umklammert und auf diese Weise hindert, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können (dass dies klammernde Verhalten im Grunde genommen egoistisch ist, darauf wird im Verlauf dieses Textes noch eingegangen). Sie agiert zwischen zwei Extremen, wo eine gesunde Mitte angebracht wäre. Auf der anderen Seite ist Ginny anzumerken, dass sie um diese Extreme weiß. Sie versucht das Beste aus der Situation zu machen – inklusive der Übernahme mütterlicher Pflichten gegenüber ihrem Bruder. Antonia Gentry war bei den Dreharbeiten übrigens 22 Jahre alt, dennoch gibt es nie einen Zweifel daran, dass sie ein 15 Jahre altes Mädchen darstellt.

Vom Ton her wechseln sich Drama und – durchaus – schwarzer Humor ab. Das alles ist temporeich inszeniert. Was also gibt es an der Serie zu kritisieren, einer Serie, die, siehe Texteinstieg, ungemein erfolgreich für Netflix gelaufen ist?

«Ginny & Georgia» hat ein gewaltiges Problem mit der Figurenzeichnung der Georgia, die auch Brianne Howey nicht überspielen kann. So ist es ohne jeden Zweifel amüsant anzuschauen, wie diese Georgia ihre Vorzüge offensiv zum eigenen Nutzen einsetzt in einer Zeit, die von sich behauptet, Äußerlichkeiten überwunden zu haben und welche Diversität feiert. Georgia entlarvt durch ihr Verhalten diese gesellschaftliche Selbstgewissheit als einen Selbstbetrug. Leider aber setzen die Autorinnen und Autoren an dieser Stelle der Geschichte keinen Punkt. Statt Georgia einfach handeln zu lassen wie sie handelt – weil sie verstanden hat, wie die Gesellschaft funktioniert – braucht sie eine Geschichte, die ihr Handeln entschuldigt. Sie braucht einen Grund für ihr Tun. Es reicht nicht aus, sie einfach „sein“ zu lassen. Also gibt es da ihre schwierige Teenagerzeit, während der sie einige schlimme Dinge erlebt hat. Traumata sind dramaturgisch immer noch der einfachste Weg, das Handeln einer Figur zu entschuldigen.

Das Problem ist nur, dass diese Traumata keine Singularität bleiben, Momente der Vergangenheit, die abgeschlossen sind und aus denen Georgia für die Gegenwart und Zukunft Erfahrungen gesammelt hat. Die Autorinnen und Autoren basteln eine Welt, in der ständig Gefahren für Frauen wie Georgia lauern. Wo Männer grundsätzlich nicht gut sind, wo Menschen wie Georgia, die mal von der Spur abgekommen sind, sich im Grunde ihr Leben lang dafür rechtfertigen müssen. Was bedeutet, dass, egal, was Georgia auch anstellt – eine Entschuldigung auf sie wartet. Um diesen Gedanken interpretatorisch auf die Spitze zu treiben: Georgia wird als ein Opfer dargestellt, das doch nur zurückschlägt, weil es kein Opfer mehr sein will - was dann auch ihr Morde entschuldigt.

Ja, Mehrzahl. Georgia hat nicht nur ihren Ehemann ermordet, sie wird im Laufe der ersten Staffel einen zweiten Mord begehen. Und es sind beides Morde, denn beide Taten sind wohl geplant, eiskalt ausgeführt und sie sind nicht notwendig (notwendig in einem literarischen, klassisch-dramaturgischen Sinne, der eine handelnde Figur in eine Enge treibt, aus der nur noch die ultimative Verteidigung einen Ausbruch ermöglichen kann). Nein, die Morde sind eigentlich die einfachsten Wege, sich ihrer Probleme zu entledigen.

Was bedeutet, … dass «Ginny & Georgia» in Wirklichkeit eine Serie über eine Teenagertochter und ihre Mördermutter ist? Nun, «Ginny & Georgia» ist schon etwas mehr, es ist ja auch eine Coming-of-Age-Serie bezüglich der Ginny. Aber ja, es ist auch die Geschichte einer Mörderin, die, wenn sie in der nächsten Staffel einen weiteren Mord begehen sollte, sogar als Serienkillerin bezeichnet werden darf. Was die Serie jedoch als eine Art Nebensächlichkeit betrachtet. Ja, Georgia neigt zu radikalen Problemlösungen, aber das muss man verstehen, sie hatte eine schwere Jugend.

Stellen wir mal einen Gedanken in den Raum und die Serie hieße «Ginny & George» und George wäre ein attraktiver George Clooney von 30 Jahren, der für seine Teenagerkinder einen Neustart plant, sich einer Bürgermeisterin andient und der seine Ehefrau umbringen würde (aus Gründen, die sogar im Laufe der Staffel erklärt würden): Wie käme solch eine Serie beim Publikum wohl an? Wohl nicht gut. Zumindest dann nicht, wenn der Ton der Serie der gleiche wäre wie der von

«Ginny & Georgia», also durchaus humorvoll, sarkastisch, immer wieder auch gemein. Es heißt nicht umsonst, dass der Ton die Musik macht. Eine Musik, die hier ziemlich quer spielt. Dass Georgia darüber hinaus eine fürchterliche Egoistin ist, die behauptet, für ihre Kinder zu handeln, in Wirklichkeit aber nur an sich denkt, selbst dann, wenn sie sich an sich klammert (die Betonung liegt auf „sich“)... Das sei nur am Rande erwähnt, da dies immerhin, der Spoiler darf sein, tatsächlich im Laufe der Spielzeit im Verhältnis von Ginny zu ihrer Mutter thematisiert wird. Dass die Autorinnen und Autoren dann aber – ohne einen nachvollziehbaren Grund – auch Ginny „eine mitgeben“, das ist wirklich unangenehm. Ginny nämlich bandelt bald mit einem netten Kleinstadtjungen an.



Das ist schön. Junge Liebe halt, ach ja.

Aber so einfach geht das ja nicht. Also vollzieht sie ihren ersten Beischlaf mit einem nicht so netten Jungen. Klar, weil Mädchen bekannterweise auf die bösen Jungs stehen. Das weiß man doch, das war schon immer so und das wird auch immer so bleiben. Als Ruhrgebietskind möchte man die Autoren rund um Showrunnerin Sarah Lampert an diesem Punkt der Geschichte fragen: „Samma, habt ihr sie eigentlich noch alle?“ Vor allem, der Spoiler darf sein, macht Ginnys Verhalten dramaturgisch keinen Sinn. Hier wird eine Situation herbeigeführt, weil, weil, weil man sie eben herbeiführen will. Dramaturgie? Sinnhaftigkeit? Wird überbewertet.

Ganz ehrlich: Es ist anzunehmen, dass die Macher/innen dieser Serie im Gespräch behaupten würden, «Ginny & Georgia» sei eine Serie über starke Frauen. Das ist sie aber nicht. Georgia ist vollkommen irre. Und Ginny wird demontiert, weil, weil, weil es halt so sein muss. Es muss nicht auf jede Frage eine Antwort geben.

Natürlich ist dies nur die erste Staffel einer Serie und das Ende deutet einen Bruch bezüglich der Figur der Georgia an. Möglich, dass sie in der zweiten Staffel sein darf, was sie in Wahrheit längst ist: Eine eiskalte, brutale, egomanische Mörderin. Während Ginny Entscheidungen treffen muss, die kein Teenager treffen sollte. Wenn das der Fall sein sollte, gilt es natürlich das Gesamtbild zu betrachten und diese Kritik wäre damit hinfällig. Wenn nicht – dann nicht.

«Ginny & Georgia» ist bei Netflix streambar.

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