Interview

Nini Tsiklauri: ‚Wir haben versucht das Unmögliche möglich zu machen‘

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Die ehemalige «Schloss Einstein»-Schauspielerin Tsiklauri kehrte der Bühne den Rücken und setzt sich für Europa ein. Quotenmeter sprach über ihre Ziele und bisherige Erfolge.

Sie stammen aus Ungarn, lebten in Deutschland und studieren aktuell in Wien. Was ist für Sie Heimat?
Ich fühle mich sowohl in Georgien, Ungarn, Deutschland, als auch in Österreich Zuhause. Das Zuhausegefühl macht erst einen dann einen Unterschied, wenn ich Europa verlasse oder wieder zurückkomme.

Gibt es für Sie eigentlich einen Unterschied zwischen Heimat und das Gefühl von zu Hause zu sein?
Eigentlich nicht. „Heimat“ ist kein Ort, sondern ein Zuhausegefühl.

Sie spielten mehrere Jahre in der Serie «Schloss Einstein» der ARD mit. Jetzt engagieren Sie sich mit Ihrem Buch für ein starkes Europa. Haben Sie der Schauspielerei den Rücken gekehrt?
Nach dem Georgien-Russland-Krieg in 2008 habe ich beschlossen, mein Leben dem europäischen Weg Georgiens zu widmen und musste mich daher nach «Schloss Einstein» entscheiden. Ein Vollzeitstudium, Vollzeit Europa Aktivismus und dann noch Vollzeit im Europa Projekt Management ging sich leider nicht mit dem Drehalltag aus.

In den vergangenen Jahren haben Sie insgesamt drei Bücher verfasst. Können Sie uns diese kurz vorstellen?
Den europäischen Aufruf „Wer, wenn nicht wir?!“, Sammelbänder zur Zukunft der EU „Re:thinking Europe“ als Co-Autorin verfasst und Geschichten vor und nach der georgischen Rosenrevolution bei story.one veröffentlicht. Dann folgte mein erstes eigenes Buch „Lasst uns um Europa kämpfen. Mit Mut und Liebe für eine starke EU.“

Vor knapp zwei Jahren wollten Sie mit der österreichischen Partei „NEOS“ in das Europäische Parlament einziehen. Hand auf’s Herz: Haben Sie an einen Sitz im Parlament geglaubt – oder doch eher gehofft?
Hand auf’s Herz: Mein freiwilliges Team und ich haben davon geträumt und sehr stark dafür gekämpft. Wir haben versucht das Unmögliche möglich zu machen: Als Quereinsteigerin in eine kleine Partei, deutsche Staatsbürgerin in Österreich mit georgischen Wurzeln, mit gerade mal zwei Wochen Mobilisierungszeit, starker Konkurrenz und ohne die politische Sphäre zu kennen auf die oberen Listenplätze zu kommen. Das Ergebnis war dafür überragend und es gab eine breite Unterstützung von den Menschen im Vorwahlkampf (Listenplatz 5). Das hat mich sehr aufgebaut und gezeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Als eine junge, progressive und kompromisslos-europäische Partei hat man es jedoch in Österreich noch schwer: Nur unsere Spitzenkandidatin schaffte es lediglich ins EU-Parlament.

Sie sind große Verfechterin von Europa. Was lässt Sie daran glauben?
Der EU-Gedanke von Frieden, Freiheit, Demokratie, Solidarität, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Umweltschutz und Rechtsstaatlichkeit, in Vielfalt verbunden und gemeinsam stark zu sein. Das ist einzigartig auf dieser Welt und dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Die Briten sind aus der Europäischen Union ausgestiegen und haben gerade in der Impfstoff-Beschaffung ohne die EU deutlich besser abgeschnitten als Deutschland und Österreich. Sind Alleingänge manchmal nicht auch nötig?
Großbritannien hätte auch als EU-Mitglied, ohne ein Austritt aus der EU, die Möglichkeit gehabt Impfstoffe auf eigene Faust zu beschaffen. Der „Impferfolg“ wird als politische Marketing-Strategie von Boris Johnson ausgenutzt, um den Brit:innen etwas „Positives“ vom Austritt aus der EU-Gemeinschaft zu liefern. Leider werden davon die negativen Folgen überschattet, die doch enorm groß sind. Ein Alleingang ist daher ein völlig unüberlegter Ansatz und auch ein falsches Zeichen nach Außen in solchen globalen Zeiten. Einen richtigen Erfolg konnte die EU durch effektive Zusammenarbeit, ohne britische Bremstaktiken, z.B. mit den europäischen Corona-Aufbaufonds erreichen.

In Ihrem Buch „Lasst uns um Europa kämpfen: Mit Mut und Liebe für eine starke EU“ schreiben Sie über „reden, streiten, überzeugen“. In den einzelnen Mitgliedsstaaten wird aber nicht gerade vermittelt, das in Brüssel gestritten, sondern eher nur entschieden wird.
Die europäische Demokratie lebt vom reden, streiten, überzeugen, von Debatten und Vielfalt. All das wird in „Brüssel“ gemacht, aber wir kriegen das leider in den Mitgliedsländern gar nicht oder verzerrt mit. Wir kriegen nur mit, dass etwas „entschieden“ wird, wobei das eigentlich nicht stimmt. Die Staats- und Regierungschefs sind diejenigen, die entscheiden und das letzte Wort haben. Es gibt keine Entscheidungen, die „Brüssel“ für die europäischen Mitgliedsstaaten, oder ohne ihre Zustimmung, trifft.

Sollte die Europäische Union nicht vielleicht auch mal einen Nachrichtensender für Europa schaffen, der neben den lokalen Nachrichten auch die Debatten des Parlaments ausstrahlt und kommentiert?
Es gibt bereits den paneuropäischen TV-Sender euronews, der mehrsprachige Informationsprogramme über aktuelle Themen der EU ausstrahlt. Die Debatten des EU-Parlaments sind transparent und jederzeit einsehbar! Ob Menschen in der EU sich trotz der Misskommunikation oder der politischen Apathie überwinden Diese anzuschauen, ist eine andere Frage. Man braucht daher neue Formate, neue Herangehensweisen, neue Gesichter und Perspektiven damit Europa in die Breite der Bürger:innen auch wirklich verständlich und nachvollziehbar ankommt.

Viele Entscheidungen von Europa werden in Brüssel gefällt wie bei der geplanten deutschen Autobahnmaut. Verglichen mit den Diskussionen aus Deutschland war der Anteil an der Berichterstattung, die das Projekt kippte, vergleichbar gering. Müsste unser Blick nicht zur größten Institution gehen?
An diesem Beispiel kann man eigentlich ganz gut erkennen, wie wichtig die EU für uns ist. Die CSU bestand auf eine Autobahnmaut, die nicht nur gegen den Diskriminierungsgrundsatz der EU, sondern auch gegen Grundsätze des freien Warenverkehrs und des freien Dienstleistungsverkehrs im EU-Binnenmarkt verstoßen hatte. In den Medien hörte man vor allem die populistischen Aussagen der CSU wie die „Ausländermaut“ und nicht, dass wir dank der EU bzw. des EuGH-Urteils in einem diskriminierungsfreien und offenem Europa leben dürfen. Dass das nationalstaatliche Denken uns mehr Vorteile bringt, ist eine reine Illusion. Es ist kurzfristig gedacht, schädigend für die europäische Idee und unverantwortliche Inszenierung für Wähler:innenstimmen.

Wann kann man Sie wieder im Fernsehen sehen?
Wenn sich mehr Medien für eine spannendere Kommunikation Europas unter den Bürger:innen entscheiden und die EU auch mal zum Lifestyle Thema wird, hoffentlich bald.

Vielleicht bald bei «Maybrit Illner»? Vielen Dank für das Gespräch!

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