Die Kritiker

«Der Irland-Krimi: Familienbande»

von

Gerichtspsychologin Cathrin Blake stellt einer Mörderin ein Gutachten aus, in dem sie bestätigt, die junge Frau sei keine Gefahr für die Gesellschaft. So wird es ihr erlaubt, ihre Tochter unter Aufsicht im Haus ihrer Mutter zu besuchen. Sie nutzt einen unbeobachteten Moment, um mit ihrer Tochter zu fliehen.

Stab

  • DARSTELLER: Désirée Nosbusch, Declan Conlon, Luisa-Céline Gaffron, Rafael Gareisen, Mercedes Müller, Denise McCormack, Molly McCann, Thomas Sarbacher, Shauna Higgins, Conor Delane
  • MUSIK: Sebastian Fillenberg, Alex Komlew
  • KAMERA: Hanno Lentz
  • BUCH: Sebastian Andrae
  • REGIE: Matthias Tiefenbacher
Der fünfte Kriminalfilm rund um die deutsch-irische Kriminalpsychologin Cathrin Blake ist von der visuellen Umsetzung her betrachtet ein edles Fernsehspiel. Die nüchterne, auf den Punkt gesetzte Bildgestaltung kann locker mit BBC-Produktionen mithalten. Licht. Farben. Das alles ist auf einem Niveau, das nur wenige deutsche Produktionen erreichen. Auch die Hauptfigur, Cathrin Blake, könnte in jedem britischen Thriller im Mittelpunkt des Interesses steht. Cathrin ist aufgrund persönlicher Schicksalsschläge gebrochen. Sie ist eine (trockene) Alkoholikerin, die sich eingestehen muss, dass sie - als Psychologin - sich selbst nicht hat helfen können, ihr eigenes Leben in der Bahn zu halten. So bewegt sich Cathrin in einem Spannungsfeld zwischen der professionellen Psychologin und einer Frau, die nicht weiß, wo sie als Mensch steht.

Désirée Nosbusch ist die ideale Besetzung für diese Figur, denn es gelingt ihr mit sehr feiner Nadel die dünne Trennlinie zu zeichnen, auf der Cathrin balanciert, um die gebrochene Frau und die professionell agierende Psychologin voneinander zu trennen. Im Gegensatz zu vielen anderen Figuren dieser Art, mit denen deutsche Kriminalfilme regelrecht überschwemmt werden, gelingt es dieser Cathrin tatsächlich, im Beruf vergleichsweise kühl und professionell zu bleiben und die beiden Herzen, die in ihrer Brust schlagen, voneinander zu trennen. Was einen Kampf darstellt, wenn ein Fall wie der der Abbie Campbell ihre Professionalität herausfordert.

Abbie Campbell (stark: Luisa-Céline Gaffron) ist eine junge Frau, die eines Nachts ihren Mann abgeschlachtet hat. Das darf man so sagen, denn in einer Rückblickszene wird diese Tat irgendwann in diesem Film gezeigt und wie sich in dieser Sequenz herausstellt, ist Abbie bei ihrer Tat auf Nummer Sicher gegangen. Nach der Tat hat sie ein Geständnis abgelegt und nie wieder über den Fall gesprochen. Mit ihren Anwälten nicht, mit der Richterin nicht. Sie hat weder ihr Geständnis widerrufen oder bestätigt, noch hat sie zu den Hintergründen Stellung bezogen. Seit der Tat sind knapp fünf Jahre vergangen, in denen sie im Gefängnis die Mustergefangene gegeben hat. Und siehe, mit Cathrin hat sie in der Zeit gesprochen. Zwar hat sie auch ihr nie erklärt, weshalb sie ihren Mann ermordet hat, in allen anderen Belangen aber hat sie sich einer Zusammenarbeit mit der Psychologin nie verweigert. So ist Cathrin zu dem Schluss gelangt, dass es vertretbar erscheint, die junge Frau von Polizisten begleitet ihre Tochter besuchen zu lassen. Einerseits, um eine Resozialisierung vorzubereiten. Andererseits, um dem Kind die Last des Gefängnisbesuches zu ersparen. Abbie soll sich mit der Kleinen in einem ihr vertrautem Umfeld bewegen. Einer Kleinen, die nicht weiß, dass Abbie ihre Mutter ist. Sie glaubt, Abbie sei ihre (coole) Tante, die nie mies gelaunt ist, wenn sie zusammen sind.

So geschieht es. Gegen den ausdrücklichen Willen von Cathrins Vertraute, dem Kriminalpolizisten Sean Kelly (Declan Conlon): Der hat einfach ein mieses Gefühl. Die Art, wie sie ihren Mann ermordet hat, diese unfassbare Gewalt und dann dieses Schweigen: Nur widerwillig stellt er Polizisten für die Bewachung der Gefangenen ab und – soll recht behalten. Kaum ist Abbie mit ihrer Tochter für einen Moment alleine, flieht sie aus dem Haus. Ein Polizist ist unachtsam, sie entdeckt die Lücke im Bewachungssystem – und weg ist sie. Mitgenommen hat sie allerdings nicht nur ihre Tochter. Mitgenommen hat sie auch eine Waffe ihres Schwagers, die dieser als ehemaliger Sicherheitsdienstmitarbeiter legal besitzt.

Während die rein technische Inszenierung (Bildgestaltung, Musikeinsatz, Schnitt, Ausstattung) keine Wünsche offenlässt, hapert es bedauerlicherweise an der Geschichte. Die verläuft leider in sehr vorhersehbaren Bahnen. Man ahnt einfach von Anfang an, warum diese sympathische junge Frau wohl ihren Gatten dahin gemeuchelt hat. Und wenn man mit solch einer unbändigen, finsteren Wut auf jemanden einsticht und regelrecht massakriert, gibt es immer auch eine Vorgeschichte, die zu dieser Tat beigetragen hat. Da die Figurenkonstellation äußerst übersichtlich bleibt – neben Abbie spielen noch ihre gefühlskalte Mutter (Denise McCormack) und ihre stets etwas verängstigt wirkende Schwester (Molly McCann) wichtige Rollen im folgenden Spiel, steht sehr früh fest, worauf die Handlung hinauslaufen wird. Gerade auch, da der Titel Bände spricht, um nicht zu sagen – die Handlung spoilert.

Das lässt nie wirklich Spannung aufkommen, trotz des lobenswert gediegenen Spiels aller Beteiligten. Zwar scheut sich die Inszenierung gerade zum Ende hin nicht vor (emotionalen, aber auch grafischen) Härten zurück, nichts von alledem aber geschieht wirklich unerwartet. Die Handlung verlässt sich auf bekannte Versatzstücke, statt den Mut aufzubringen, mit den Erwartungen zu brechen.

Am Donnerstag, 29. September 2022, 20.15 Uhr, Das Erste

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