Interview

‚Dealer:innen fühlen sich auf TikTok offenbar sehr wohl‘

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In den vergangenen Tagen veröffentlichten die Kanäle von funk zahlreiche Reportagen zum Thema TikTok. Quotenmeter sprach mit den Verantwortlichen von funk über die Plattform, die unter massiver Kritik steht.

Seit dem 20. August 2022 sendet das Netzwerk funk zahlreiche unterschiedliche Reportagen über die zum ByteDance-Konzern gehörende App TikTok. Wie wird eine solche Kooperation zwischen den Kanälen angestoßen und umgesetzt?
Funk-Team: Themenschwerpunkte bieten für funk die Chance, für die Zielgruppe relevante Themen aufzugreifen und eine möglichst große Vielfalt an Perspektiven abzubilden. Dabei wird ein übergeordnetes Thema von verschiedenen funk-Formaten plattformspezifisch auf ihre je formatspezifische Weise umgesetzt. Somit stiften netzwerk-übergreifende Themenschwerpunkte wertvolle Debatten und Diskurse in der Zielgruppe. Die Konzeption und Organisation des Schwerpunktes erfolgen in der funk-Zentrale. Die beteiligten Formate erhalten nach Bedarf zusätzliche Unterstützung bei Themenfindung, redaktioneller Umsetzung oder Recherche.

Einige Kanäle der ARD haben selbst TikTok-Profile. Wie lässt sich das mit der Strategie der App erklären, dass Inhalte zensiert werden. Beispielsweise ist die «Tagesschau» nicht in China aufrufbar.
Funk-Team: Bitte haben Sie Verständnis, dass wir keine Antworten zu Kanälen geben können, die nicht dem funk-Netzwerk angehören.

Die Journalistinnen Isabell Beer und Désirée Marie Fehringer haben die Drogenszene auf TikTok beobachtet. Wieso filmen sich Jugendliche und junge Erwachsene beim Konsumieren von Drogen?
Funk-Team: Dafür gibt es vielfältige und sehr individuelle Gründe, die sich nicht pauschal anführen lassen. Was aber bestimmt eine Rolle spielt, ist die Tatsache, dass die Jugendlichen nicht mehr nach draußen gehen müssen, um zu konsumieren. Sie können sich auf TikTok mit Gleichgesinnten vernetzen und konsumieren, ohne ihr Zimmer zu verlassen. Dabei teilen sie ihr Erlebnis im digitalen Raum. Manche der Videos im Drogenrausch bekommen tausende Likes.



Fehlt uns in der Drogenszene auch die Expertise der Polizei? Immerhin sollten ja Kinder keine Drogen konsumieren und im frühen Alter abhängig sein.
Funk-Team: STRG_F ist bei dieser Recherche aufgefallen, dass sich Dealer:innen auf der Plattform offenbar sehr sicher fühlen. Sie vernetzen sich ganz offen mit potentiellen Konsument:innen, bieten hier zum Beispiel Drogen wie MDMA an. Inwiefern die Polizei das Phänomen im Blick hat, können wir nicht beantworten. STRG_F hat das Bundeskriminalamt gefragt, ob der Behörde die sehr junge Drogenszene auf TikTok bekannt ist. Hierauf antwortete eine Sprecherin des BKA schriftlich: „Der Handel mit illegalen Substanzen findet in allen Bereichen des Internets statt, dazu gehören auch Plattformen wie TikTok.“ Im BKA sei ein spezialisierter Arbeitsbereich für das Phänomen Rauschgifthandel im Internet zuständig: „Sofern von strafbaren Inhalten Kenntnis erlangt werden, werden diese Inhalte unter anderem gesichert und notwendige Schritte zur Identifizierung von Beteiligten sowie zur Vermeidung von Beweismittelverlusten eingeleitet“, so die Sprecherin.



Die Reportage von Y-Kollektiv setzt sich mit salafistischen Predigern auseinander. Welchen Schaden können diese Akteure auf junge Erwachsene ausrichten?
Funk-Team: Mit "diese Akteure" sind die Influencer des Kanals Islamcontent5778 aus der «Y-Kollektiv»-Recherche gemeint - denn die Szene an muslimischen Influencer:innen mit Reichweite auf Tiktok ist heterogen. Allerdings gibt sehr wenige Konkurrenten, die das konservative bis salafistische Islambild direkt anfechten. Dadurch erscheint es als sehr überzeugend. Je nachdem, wie die Lebenssituation eines jungen Menschen ist, nimmt er die erfolgreichen Frage-Antwort-Videos von fundamentalistischen Akteuren als Unterhaltung, als unverbindliche Empfehlungen, oder als verpflichtende Aussagen wahr. Deshalb können, so die Recherche des Y-Kollektiv, solche Videos mit anderen Faktoren zusammen ein Radikalisierungspotential darstellen.



Die Alternative für Deutschland (AfD) hat ihre eigene Filterblase auf YouTube. Ist eine rechte Ecke ein Problem für den Meinungsaustausch?
Funk-Team: Die AfD ist auf TikTok stark vertreten. Obwohl sie im Bundestag die zweitkleinste Fraktion stellt, ist sie mit mehr Abgeordneten auf der Plattform vertreten als die anderen Parteien. Zudem gibt es weitere offizielle Accounts der AfD, beispielsweise von lokalen Verbänden oder von Fraktionen. Entscheidend ist, dass der Content auch durch anonyme Drittaccounts und Influencer:innen gespiegelt und gestreut wird, die als Multiplikatoren fungieren. Einige Berufspolitiker:innen treten dabei anonym auf - geben sich also nicht als AfD-Anhänger:innen zu erkennen. So wird die Plattform durch meist meinungsstarken Content geflutet, der durch den TikTok-Algorithmus gut ausgespielt wird.

Wenn man einmal in dieser Filterblase ist, kommt man sehr schwer wieder raus und wird mit diesem Content überhäuft. Problematisch wird es dadurch, dass in diesem Content häufig mit Desinformation gearbeitet wird: Fakten werden verzerrt, es wird Kontext weggelassen.



Drogen und Religion sind okay, aber freie Meinungsäußerung über Uiguren und Co. sind ein Problem. Bei all der Kritik an TikTok muss man aber auch attestieren: Sie haben einen beeindruckenden Algorithmus entwickelt, um Zuschauer in den Bann zu ziehen.
Funk-Team: TikTok hat einen besonderen Aufbau und hat es zu einer der beliebtesten Social-Media-Plattformen geschafft. Dabei spielt natürlich auch der Algorithmus eine wichtige Rolle. Da TikTok wichtiger Bestandteil der Lebensrealität vieler junger Menschen ist, ist die Plattform auch für funk von großer Relevanz. Das heißt jedoch nicht, dass die Plattform per se nicht auch kritisch betrachtet wird. Wir behalten neue Entwicklungen im Blick und möchten sensibilisieren, genauer hinzuschauen - nicht durch Verbote, sondern Aufklärung. Durch die Aufklärung von Gefahren und die Schaffung von Medienkompetenz in der Zielgruppe trägt funk dazu bei, die Zielgruppe vor negativen Auswirkungen der Plattform-Nutzung zu schützen. Diese kritische Berichterstattung findet ebenso auch für andere Plattformen statt, so gab es 2019 schon einen Schwerpunkt zu den Schattenseiten auf YouTube.

Danke für das Gespräch!


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