Die Kritiker

«Herr und Frau Bulle – Alles auf Tod»

von

In einer Spielhalle in Kreuzberg wird bei einem Überfall die Geschäftsführerin erschossen, ihr Ehemann wird schwer verletzt. Für Yvonne und Heiko Wills wirft der Fall Fragen auf. Niemand hat den Überfall nämlich wirklich gesehen, obwohl er während der Geschäftszeiten stattgefunden hat.

Stab

REGIE: Uwe Janson
DREHBUCH: Axel Hildebrand
SCHNITT: Tatjana Schöps
KAMERA: Michael Tötter
MUSIK: Andreas Koslik
PRODUCERIN: Katarina Cvitic
REDAKTEUR: Peter Jännert
TON: Christoph Köpf, Raoul Grass
DARSTELLER: Alice Dwyer, Johann von Bülow, Birge Schade, Tim Kalkhof, Stephan Bissmeier, Lina Wenden, Nico Holonics, Gisa Flake, Heinz Hoenig, Ercan Durmaz, Burak Yigit, Lucas Janson, Filip Peeters
Von all den Spielfilmserien, die im ZDF am Samstagabend die Herzen der Freunde des von Mord und Totschlag getriebenen Unterhaltungsfernsehens beglücken, hat «Herr und Frau Bulle» den mit Abstand dämlichsten Titel. Natürlich ginge es noch schlimmer. «Eine Handschelle für Zwei» wäre solch ein Titel. «Liebling, ich habe den Täter geschnappt» ein anderer. Dennoch startet «Herr und Frau Bulle» ein Kopfkino voll fröhlicher Mordfälle in hübschem Ambiente – in Oberbayern vielleicht!? Dort hätte man dann auch noch einen charmanten Dialekt, auf saftigen Wiesen weidende Kühe und vielleicht auch noch ein paar Nonnen für das Wort zum Sonntag. Wer hat diesen Serientitel eigentlich durchgewunken und warum hat ihn auf dem Weg von der Idee zum ersten fertigen Film, der 2018 ausgestrahlt worden ist, niemand aufgehalten?

Man weiß es nicht...

«Alles auf Tod» ist der nunmehr vierte Fall des Ermittlerehepaares Yvonne und Heiko Wills. Zur Vorgeschichte: Yvonne ist Mordermittlerin bei der Berliner Polizei. Sie ist durchaus schlagkräftig und nimmt es mit dem Papierkram nicht allzu genau. Yvonne ist ein eher impulsiver Typ, der erst einmal das Schlechte im Menschen sieht. Ganz anders ihr Ehemann Heiko. Der ist Fallanalytiker, ein Akademiker, der sogar für das FBI in den USA gearbeitet hat. Er betrachtet die Menschen unvoreingenommen und ist an ihren Geschichten interessiert. Seit Yvonnes Chef Pede davon Wind bekommen hat, dass ihr Mann Analytiker ist, ist es sein Wunsch, dass Heiko seiner Frau bei komplizierten Fällen als Berater zur Seite steht. Durchaus zur Freude von Yvonnes Partner Kevin Lukowski, der den feinen Geist von Yvonnes Ehemann durchaus zu schätzen weiß. Und nicht unbedingt zum Vergnügen von Heikos Assistentin Diane Springer, die Yvonne aufgrund ihrer Familiengeschichte nicht über den Weg traut. Yvonnes Eltern sind angeblich tot (allerdings gibt es da offene Fragen). Und ihr Onkel war bis zu seiner Inhaftierung ein bekannter Rockerchef; Yvonne entstammt einer Familie, die es mit Recht und Gesetz offenbar nicht allzu ernst nimmt. Allerdings gibt es keinen Hinweis darauf, dass Yvonne so etwas wie Maulwurf in den Reihen der Polizei wäre. Yvonne übt ihren Job tadellos aus. Manchmal vielleicht etwas ruppig, aber sie ist ehrlich. Dennoch spielt ihre Familiengeschichte in diesem Spielfilm eine wichtige Rolle.

Der Überfall auf die Spielhalle wirft Fragen auf. Warum hat der Täter an einem Tag mit übersichtlichen Einnahmen zugeschlagen? Zu einer Zeit mit Publikumsverkehr, an dem seine Flucht allein an der Anwesenheit der Gäste hätte scheitern können? Für Heiko steht fest – es war kein Überfall. Der Geschäftsführer mag seine Frau wirklich geliebt haben, seine Worte im Krankenhaus sind eine einzige Ode an sein persönliches Sonnenlicht. Doch Heiko ist sich sicher – er hat die Tat vorgetäuscht und sich selbst verletzt, um seine Tat zu vertuschen. Daher hat niemand einen Täter flüchten sehen. Warum er es getan hat? Das gilt es zu ergründen. Yvonne geht mit dieser Theorie so gar nicht konform. Die Spielhalle gehört Edgar Pinninger, dem Glücksspielkönig von Berlin – der gerade im Gefängnis eine Haftstrafe verbüßt. Pinninger sitzt wegen einer Betrugsgeschichte, im Grunde einer Lappalie ein. Tatsächlich geht seit einiger Zeit bereits das Gerücht um, dass Pinninger tief in Geldwäschegeschäfte verwickelt ist. Was ihm aber bislang nicht nachgewiesen werden konnte. Yvonne tippt daher auf einen Bandenkrieg, der in Kreuzberg seinen Anfang genommen und ein erstes Opfer gekostet hat.

Während Heiko und Yvonne ermitteln, beginnt eine Polizistin der Innenrevision, die Marx genannt, Vorermittlungen gegen Yvonne aufzunehmen. Als Aufhänger gilt ihr eine Lappalie. Yvonne hat einen Kleinkriminellen, den sie zufällig am Tatort angetroffen hat (und den sie offenbar persönlich kennt), abziehen lassen, ohne seine Personalien aufzunehmen. Obwohl offensichtlich ist, dass der nichts mit dem Verbrechen zu tun hat, nutzt die Marx diesen Moment, um zu beweisen, dass Yvonne in Wahrheit eine Kriminelle ist, die ihresgleichen schützt.

Währenddessen scheint sich Heikos Theorie bezüglich des Mordes zu bestätigen. Die Spuren führen zum Ehemann der Ermordeten und deuten auf ein Familiendrama hin. Da wird Pinninger tot in seiner Gefängniszelle aufgefunden – vergiftet.

«Herr und Frau Bulle – Alles auf Tod» schlägt einige Haken, um zum Ziel zu gelangen. Die Wendungen des Kriminalfalles ergeben sich dabei stets aus der Geschichte heraus. Große Überraschungen bietet diese Kriminalgeschichte ab dem Moment, in dem der Spielhallenkönig tot in seiner Zelle aufgefunden wird, zwar nicht, das überaus launige Spiel der Hauptfiguren aber weiß die Story locker über die Ziellinie zu tragen. Hauptdarstellerin Alice Dwyer bildet ein kongeniales Gespann mit ihrem Partner Johann von Bülow. Die beiden gehen ganz in ihren Rollen auf. Der besonnene Intellektuelle auf der einen Seite, die eher geradlinige Ermittlerin auf der anderen: ihr lockeres Spiel lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sich diese beiden so gegensätzlichen Charaktere zueinander hingezogen fühlen, da sie einander schlicht perfekt ergänzen – inklusive eines sanften, neckischen Humors (der so gar nicht zum Brachialtitel der Reihe passen will).

Die zweite Handlungsebene, die Geschichte der Marx, läutet einen Handlungsstrang ein, der, dieser Spoiler darf sein, über diesen vierten Spielfilm der Reihe hinausgeht. Drehbuchautor Axel Hildebrand gelingt es, die Vorgeschichte der Yvonne Wills in einer Art zusammenzufassen, dass Neueinsteiger in die Spielfilmreihe keinerlei Verständnisprobleme damit haben dürften, diesem Handlungsstrang zu folgen. Die Zusammenfassung packt er nicht in eine Szene, er verteilt sie vielmehr über die ersten beiden Akte der Handlung, um den zweiten Akt mit einer Überraschung enden zu lassen, die die Ermittlungen der Marx endgültig als einen Handlungsstrang etablieren, der über diesen Spielfilm hinausreicht. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Intention, die diese Ermittlerin anzutreiben scheint: Es ist allein die Familiengeschichte der Protagonistin. Sie nimmt Yvonne in Sippenhaft dafür, dass sie einer Familie entstammt, die auf der anderen Seite des Gesetzes agiert. Dass diese Yvonne Wills möglicherweise einfach nur eine anständige Polizistin sein will, dieser Gedanke scheint dieser Ermittlerin absurd. In welche Richtung sich diese Geschichte entwickeln wird, ist eine spannende Frage, die jedoch nicht vor Frühjahr 2022 beantwortet werden dürfte.

«Herr und Frau Bulle – Alles auf Tod» ist am Samstag, den 24. April 2021, um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

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