Debatte

Streamer werden Lizenzgeber

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Derzeit arbeiten viele Anbieter mit zahlreichen exklusiven Inhalten. Aber bereits Anbieter wie RTL+ spielen international eine Vorreiterrolle.

Im kalifornischen Los Gatos, das im Herzen des Silicon Valley liegt, geht vielleicht mehr als einmal pro Tag die Sonne auf. Denn das Netflix-Geschäft könnte vielleicht schon in Zukunft deutlich ertragreicher werden. Bislang hat der Streamingdienst die exklusiven Rechte von Fernsehserien erworben, selbst wenn amerikanischen Produktionsfirmen wie Warner Bros. oder Universal Television dahinterstanden. Dafür überwiesen die Verantwortlichen von Netflix viel Geld, doch amerikanische Medienexperten rechnen mit einem Ausverkauf.

Dieses Unterfangen gab es nämlich schon einmal: Bevor Netflix in Europa Fuß fasste, veräußerte das Unternehmen die Rechte an Serien wie «House of Cards» zunächst an Sky Deutschland, im Free-TV schlug ProSiebenSat.1 zu. Das Drama «Orange is the New Black» ging an die Mainzer Fernsehstation ZDFneo. Das Drama mit Taylor Schilling ging in Neusseland an TV2, in Australien an Showcase und im Vereinigten Königreich an den Sonny Channel.

Doch mit der internationalen Expansion wandten sich die damaligen Netflix-Co-Chefs Reed Hastings und Ted Sarandos von dieser Strategie ab. Das hatte natürliche Gründe: Neben Apple und Disney+ hatten auch NBCUniversal und Warner Bros. einen eigenen Streamingdienst angekündigt und das damalige Paramount+ sollte endlich deutlich ausgebaut werden und auf internationalen Kundenfang gehen. Inzwischen befinden sich die US-Firmen im internationalen Wettbewerb und nicht alle Player haben sich durchgesetzt. So haben sich Paramount und NBCUniversal zu SkyShowtime zusammengeschlossen, Warner Bros. Discovery bleibt in den Sky-Ländern der Mutterfirma Comcast treu. Peacock hat inzwischen in Großbritannien, Deutschland und Italien das Handtuch geworfen, Alternativen wie Universal+ sollen mit anderen Anbietern zusammenarbeiten.

Netflix hat den Aufschlag von Paramount, Disney und Co. sehr gut verkraftet. Mit Formaten wie «Stranger Things», «The Crown», «Inventing Anna», «Wednesday», «Emily in Paris» und «The Sandman» hat man deutliche Akzente gesetzt. Zahlreiche neue Projekte, unter anderem über 40 verschiedene Produktionen und Zusammenschlüsse von südkoreanischen Fernsehsendern sind in diesem Jahr geplant. Dazu sind zahlreiche andere Serien und Filme in Auftrag gegeben.

Jedoch leiden Unternehmen wie Disney+ und Netflix unter dem Wust an zahlreichen Formaten, die nicht mehr funktionieren. Streaming ist eben doch ein Event-Geschäft und nur wenige Fernsehserien lassen sich dort wirklich gut wiederholen. In Deutschland landet beispielsweise «The Big Bang Theory» oftmals in den wöchentlichen Bestenlisten, weil das Format auch weiterhin bei ProSieben auf verhältnismäßig prominenten Sendeplätzen attraktiv angeboten wird. Doch so funktioniert eben die Verwertungskette: Auch «Gute Zeiten, schlechte Zeiten» läuft neben der TV-Ausstrahlung gut, die Fans der «SOKO»-Serien des ZDF bekommen die Formate auch im Pay-TV und bei Sat.1 Gold angeboten. Wenn das nicht erfolgreich laufen würde, sähen die Programmpläne schon anders aus.

Die großen amerikanischen Medienkonzerne, zu denen Netflix inzwischen auch gehört, müssen sich aber über eine Zweitverwertung ihrer Inhalte Gedanken machen. Ein großer Vorteil sind die zahlreichen kostenlosen, aber mit Werbung finanzierten digitalen Fernsehsender, die derzeit überall aus dem Boden sprießen. Diese FAST-Kanäle sind eine mittelfristige, vielleicht auch langfristige Lösung, können aber derzeit nicht die Werbeumsätze des linearen Fernsehens und die Gebühren der Kabelsender in den Vereinigten Staaten von Amerika kompensieren.

Deshalb müssen Anbieter wie Netflix ihre erfolgreichsten Produkte auch nach außen öffnen. Die Miniserie «Gilmore Girls: A Year In Life», die Warner Bros. exklusiv für Netflix umsetzte, lief beim Fernsehsender The CW. Die Quoten waren zwar nicht so toll, aber der Sender konnte frische Inhalte zeigen. Für die ProSiebenSat.1-Gruppe würden sich beispielsweise auch die deutschen Serien «Dark», «How to Sell Drugs Online (Fast)» oder «Kitz» lohnen. Dem Tagesprogramm der roten Sieben stünde «The Ranch» (80 Folgen), «Grace and Frankie» (94 Folgen) oder «Unbreakable Kimmy Schmidt» (52 Folgen) gut zu Gesicht.

Disney hat in Deutschland seine Streamingserie über die «Monster AG» schon zu Werbezwecken ins frei-empfangbare Fernsehen gehievt. Mit Sicherheit wird das Unternehmen jetzt auch mit dem Verkauf von Serien wie dem Sportlerdrama «Big Shot» oder der Mystery-Serie «Die geheime Benedict-Gesellschaft» in die Filmpakete packen. Die Lizenzierung der Sitcom «How I Met Your Father» machte schon den Anfang. Neben den aktuellen Marvel- und Disney-Streifen lassen sich wieder interessante Kombinationen zusammenstellen, wie man schon in den 90er und 2000ern die internationalen Free-TV-Sender geschröpft hat. Erst seit wenigen Jahren ist es so, dass man nicht mehr die gesamte Katze im Sack kauft, sondern sich über mehrere Millionen ein Paket sichert, woraus man dann spezielle Filme und Serien holen kann.

Sicher ist: Das Wachstum von Streaming-Abonnenten mag derzeit noch ein wichtiger Aspekt sein, aber die Disney-Aktionäre haben schon im vergangenen November diese Entwicklung kritisch betrachtet. Das Wichtigste für die Investoren ist der Profit – und der kann eben auch höher sein, wenn Abonnements nicht verramscht werden. Unterm Strich braucht jedes börsengeführte Unternehmen eine kluge Kosten-Nutzen-Analyse.

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