Die Kritiker

«Tatort – Schattenleben»

von

Ein Brandanschlag auf das Haus eines Polizisten führt in die linksautonome Szene Hamburgs. Dort ist eine alte Freundin von Julia Grosz als verdeckte Ermittlerin im Einsatz. Als diese verschwindet, nimmt Julia ihren Platz ein.

Stab

REGIE: Mia Spengler
BUCH: Lena Fakler
KAMERA: Zamarin Wahdat
MUSIK: Marc Fragstein
DARSTELLER: Franziska Weisz, Wotan Wilke Möhring, Gina Haller, Jana Julia Roth, Elisabeth Hoffmann, Janathan Kwesi Aikins, Robert Höller, Matti Krause, Christian Kerepeskzki
«Schattenleben» ist ein «Tatort», der es nicht leicht macht, einen wirklichen Zugang zu ihm zu finden. Er ist relativ geradlinig inszeniert, obwohl er keinem klassischen Spannungskonzept folgt. Da der Fokus der Inszenierung jedoch ganz auf Grosz-Darstellerin Franziska Weisz liegt und diese eine beachtenswerte One-Woman-Show abliefert, bleibt die Geschichte immer nah am Fall – denn Julia Grosz sucht nicht einfach eine alte Freundin. Tatsächlich waren sie und Ela Erol, die verschwundene Polizistin, zur Zeit ihrer Ausbildung ein Paar. Nach der Ausbildung aber hat sich Ela von Julia getrennt und, wie sich herausstellt, hat Ela einige Jahre später einen Kollegen geheiratet.

Und nun ist es das Feuer im Haus eines Polizisten, das Julia und Ela – irgendwie – wieder zusammenführt. Ela war am Tatort. Ela hat Julia gesehen. Ela lebt Undercover in einer linksautonomen Frauen-WG. Spuren des Brandanschlages führen in diese WG. Und dann bekommt Julia einen Anruf von Ela. In dem sie in Panik offenbar vor jemanden flüchtet. Kurze Zeit später ist Ela verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Für Julia Grosz ist dieser Fall persönlich, Unterstützung erfährt sie allerdings von ihrem Kollegen Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), dem am Brandanschlag einige Dinge missfallen. Es war nicht der erste Anschlag dieser Art. Bislang aber haben die Täter(innen?) peinlichst darauf geachtet, dass kein Mensch zu Schaden kam. Bei dem Anschlag auf das Haus des Polizisten aber wurde dessen Frau schwer verletzt und ihr kleines Kind kam nur mit viel Glück unverletzt aus dem Feuer heraus. Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass die Brandstifter nicht bemerkt haben, dass sich Menschen im Haus befanden. Aber, so oder so: Für Falke bedeuten die Ermittlungsarbeiten, einen kühlen Kopf bewahren zu müssen. Ein Polizist wurde in seinem Privathaus attackiert! Da sucht jeder Polizist die Täter und niemand hinterfragt, wer denn das eigentliche Opfer dieses Anschlags gewesen sein dürfte: ein Polizist nämlich, der in erster Linie dadurch in den letzten Jahren aufgefallen ist, Massen an Anzeigen gegen Personen gestellt zu haben, die er verhaftet hat. Das Muster ist immer wieder identisch. Er verhaftet eine Person, kurze Zeit später hat diese Person Verletzungen im Gesicht oder am Körper. Doch wer stellt eine Anzeige? Jener Polizist, der behauptet, attackiert worden zu sein, was immer und immer wieder durch Kollegen bezeugt wird.

Hat er vielleicht „die falsche Person“ nach einer Verhaftung attackiert? Hat da vielleicht jemand Rache genommen? Möglich. Wie aber passen dann die Polizistin Ela und ihr Verschwinden in dieses Bild?

Julia Grosz gelingt es derweil in der WG, in der Ela gelebt hat, zumindest zeitweise eine Bleibe zu finden. In der WG geben im Grunde zwei Frauen den Ton an. Die impulsive Nana (Gina Haller), die Gewalt als Mittel zur Konfliktlösung keinesfalls ausschließt. Und Maike (Jana Julia Roth), die auf ihre Weise das Herz auf dem rechten Fleck trägt und Gewalt gegen Menschen mit dem Argument ausschließt, dass sie, egal was passiert, besser als das „System“ sein will.

Am Ende ist es Franziska Weisz, die diesen «Tatort» von der ersten bis zur letzten Minute trägt. Sie ist nahezu omnipräsent. Es gehört zum Wesen des deutschen Kriminalfilmes, dass jede Ermittlerin, jeder Ermittler entweder ein Trauma mit sich herumschleppt oder irgendwann einmal so persönlich in einen Fall involviert wird, dass er oder sie jegliche professionelle Distanz verliert. Oder, auf Deutsch gesagt: Er oder sie verhält sich irgendwann wie ein Volldepp. Fransziska Weisz hat sich diese Erkenntnis zu Herzen genommen. Es wird ihr nicht gelingen, dieser Spoiler darf sein, die Ermittlerin Julia Grosz von dem Menschen Julia Grosz dauerhaft zu trennen. Doch wenn der Mensch die Oberhand gewinnt und die Polizistin daher Fehler macht, dann wirkt dies in ihrer Darstellung stets menschlich, ja in ihren besten Momenten sogar tragisch, da sie weiß, dass sie sich keine persönlichen Gefühle erlauben darf. Fransziska Weisz lässt die Zuschauerschaft an diesem inneren Kampf, den ihre Julia Grosz austrägt, zu jedem Moment teilhaben.

Die äußere Spannung bleibt dadurch lange Zeit bestehen, dass das Schicksal ihrer Kollegin Ela vollkommen rätselhaft bleibt. Ist Ela einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen? Ist ihre Tarnung aufgeflogen und wurde sie von Nana oder gar Maike aus dem Weg geräumt – als Verräterin? Möglich. Möglich ist aber auch, dass Ela ihr Verschwinden inszeniert hat, denn sie war am Tatort, dem brennenden Haus. Was, wenn sie selbst die Brandstiftung begangen hat, etwa um ihre vielleicht ins Wanken geratene Tarnung aufrecht zu erhalten, ohne zu wissen, dass sich die Frau und das Kind im Haus aufhielten?

Das Problem, mit dem Falke und Franziska Weisz gleichermaßen zu kämpfen haben, ist die fehlende Unterstützung etwa von Elas Einsatzleiter. Dem fehlt es an professioneller Distanz gegenüber dem Einsatzziel (für ihn besteht die WG nur aus linken Zecken), auf der anderen Seite scheint es ihn nicht wirklich zu wundern, dass Ela auch mal von der Bildfläche verschwindet. Das gehört zur Tarnung.

Womit die Negativa dieses Filmes angesprochen wären. Elas Einsatzleiter ist doch eine unsäglich gezeichnete Klischeefigur. Der rechtsgedrillte Bulle, der darüber hinaus immer wieder erkennen lässt, dass er Probleme mit Frauen bei der Polizei hat. Ach Gottchen, auch wenn es solche Typen in der Realität leider gibt: Mit Typen wie ihm macht es sich die Inszenierung doch recht einfach, Freund-Feind-Bilder zu kreieren. Was auch für die anderen Polizisten gilt. Korpsgeist zu thematisieren, das ist sicher keine schlechte Idee. Doch mehr als ein paar Klischees über Polizisten, die offenbar die geltenden Gesetze eher als hinderlich für ihre Arbeit betrachten, bekommt die Inszenierung nie wirklich zusammen. Klar gibt es Falke und Grosz, die sicher auf der richtigen Seite der Macht stehen. Alle anderen Polizisten aber, die in dieser Geschichte auftreten, werden wenig differenziert als von Macht besoffene Uniformträger dargestellt.

Nun ist zumindest ein Bemühen der zu erkennen, die Geschichte nicht zu sehr in schwarz-weiße Muster abdriften zu lassen. Mit Nana und Maike werden zwei sehr unterschiedlich agierende Aktivistinnen porträtiert. Die Sympathien liegen dabei eher auf Seiten der zurückhaltenden Maike. Nana ist zwar die Aktivere und Julia Grosz fühlt sich zu der impulsiven, oft lauten Nana hingezogen. In vielen Momenten ist Nana aber auch ein „rebel without a cause“, es erschließt sich nicht direkt, warum sie sich in diesem linken Wohnprojekt wirklich engagiert, außer, weil „links“ gerade in ist. Was die Inszenierung tatsächlich auch in Ansätzen thematisiert. Auch scheut sich die Inszenierung keinesfalls davor, auch positiv gezeichneten Figuren die Leuchtkraft ihres Heiligenscheins herunterzuregeln.

Das starke Spiel der Franziska Weisz und das durchaus differenziert gezeichnete Umfeld, in dem sich Julia Grosz bewegen muss, könnten die arg klischeebehaftete Darstellung der Polizisten auf der anderen Seite wettmachen. Leider aber entscheidet sich die Geschichte für die schlecht möglichste aller Schlusspointen (oder besser: für die schlecht möglichste Aufklärung des Kriminalfilmplots, welchen es aufzulösen gilt). Die Story glaubt allen Ernstes, am Ende einen Haken zu schlagen, wenn sich das Schicksal von Ela auflöst. In Wirklichkeit aber ist dieses bereits am Ende des ersten Aktes vorhersehbar – und zwar in der Form, in der man als Kriminalfilmfan eigentlich davon ausgehen muss, dass solch ein offensichtliches Finale nur angedeutet wird, um eine vollkommen falsche Fährte zu legen. In diesem Fall aber ist das nicht so. Die gesamte Geschichte rund um die WG, um Julia Grosz' Undercovereinsatz, über die Gefahren, in die sie sich begibt: wird durch eine 08/15-Auflösung ad absurdum geführt. Die Auflösung ist so schlaff und vorhersehbar, man fragt sich wirklich, ob dies tatsächlich das Originalende des Drehbuches gewesen ist – oder ob während des Vorproduktionsprozesses eine Art Kompromiss gefunden werden musste. Ein Kompromiss jener Art, in der man eine unsympathische Figur opfert, um das Geschehen noch einmal ausführlich über die anderen Figuren und ihre Rollen reflektieren zu können, ohne Gefahr zu laufen, das Publikum durch eine kontroverse, unbehagliche Auflösung zu schockieren.

Am Sonntag, 12. Juni 2022, 20.15 Uhr, Das Erste

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