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«Der Rest ist Geschichte»

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Im Deutschlandfunk-Podcast wird jede Woche gezeigt, dass historische Zusammenhänge der Schlüssel zum Verständnis aktueller Krisen, Konflikte und Debatten sind.

Der Deutschlandfunk-Podcast «Der Rest ist Geschichte» gehört zu den klügsten und relevantesten Formaten im aktuellen Audiojournalismus. Woche für Woche wagt die Redaktion den Blick zurück – um die Gegenwart besser zu verstehen. Der Leitsatz lautet: „Lange her, aber nicht vorbei.“ Und genau darin liegt die Stärke des Formats: Es zeigt, dass Geschichte kein staubiges Schulbuchthema ist, sondern die Grundlage jeder politischen, gesellschaftlichen und moralischen Debatte der Gegenwart.

Im Mittelpunkt jeder Folge steht eine aktuelle Streitfrage – sei es die Neutralität der Schweiz, der Umgang mit Pazifismus, die Todesstrafe oder die Deutungshoheit über historische Ereignisse wie die Nürnberger Prozesse oder den Stalinismus. Statt bloßer Faktenvermittlung bieten die Hosts fundierte historische Analyse, kluge Einordnung und lebendige Erzählung. „Der Rest ist Geschichte“ ist damit eine journalistische Brücke zwischen Gestern und Heute – ein Geschichtspodcast, der nicht in Nostalgie verfällt, sondern in Aufklärung mündet.

In einer Zeit, in der Fake News, verkürzte Narrative und „gefühlte Wahrheiten“ Konjunktur haben, erfüllt dieser Podcast eine zentrale Funktion: Er liefert historische Tiefenschärfe. Ob es um Kriege, Wirtschaftskrisen, koloniale Traumata oder gesellschaftliche Tabus geht – jede Episode zeigt, wie sich die Strukturen von Macht, Gewalt oder Ungleichheit über Jahrhunderte fortsetzen. Dabei folgt das Format einer klaren Struktur: aktuelle Ereignisse bilden den Aufhänger, historische Bezüge das Fundament. So entsteht ein Panorama, das komplexe Themen verständlich, aber nie banal erzählt.

Ein Beispiel: In der Folge „Die Schweiz – Kampf um Neutralität“ blickt der Podcast auf die aktuelle Diskussion um die Schweizer Haltung im Ukrainekrieg. Das Team zeigt, wie sich der Mythos der Neutralität historisch entwickelt hat, welche politischen Kompromisse dahinterstehen und weshalb das vermeintlich moralische Ideal längst zum Politikum geworden ist. Geschichte dient hier nicht der Rechtfertigung, sondern der Erklärung – sie liefert die Koordinaten für das Heute.

Ähnlich beeindruckend ist die Episode „Horror und Halloween – Die Lust am Grusel“, die das Phänomen des modernen Horrors bis in die Ursprünge keltischer Rituale und europäischer Aberglauben zurückverfolgt. Anstatt den Grusel als reinen Popkulturtrend zu betrachten, zeichnet der Podcast die psychologische und kulturelle Entwicklung einer Faszination nach, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Hier zeigt sich der pädagogische Wert des Formats: Es bringt historische Bildung in den Alltag – niederschwellig, spannend und immer auf Augenhöhe. Auch gesellschaftlich sensible Themen schreckt «Der Rest ist Geschichte» nicht: Die Folge „Abgestempelt als ‚asozial‘“ befasst sich mit der Geschichte der Obdachlosigkeit – und zeigt, dass soziale Ausgrenzung in Europa kein neues Phänomen ist, sondern seit Jahrhunderten strukturell verankert. Das ist keine sterile Geschichtsstunde, sondern ein Appell zum Hinsehen.

Besonders stark wird das Format, wenn es um politische Propaganda und Geschichtsfälschung geht. In der Episode „War Hitler links?“ analysieren die Autorinnen und Autoren die jüngste rechte Erzählung, die versucht, den Nationalsozialismus ideologisch umzudeuten. Mit dokumentarischer Präzision und wissenschaftlicher Distanz zeigt der Podcast, wie gefährlich solche Revisionismen für das kollektive Gedächtnis sind – und wie dringend historische Aufklärung gebraucht wird. Der Ton bleibt dabei stets sachlich, aber nie distanziert. Wo andere Formate in Didaktik verfallen, bewahrt die Sendung journalistische Eleganz. Historikerinnen, Wissenschaftler und Zeitzeugen kommen zu Wort, aber die Redaktion schafft es, selbst komplexe Themen in klare Narrative zu übersetzen. Jede Folge ist sorgfältig produziert, mit prägnantem Sounddesign und dramaturgischem Aufbau – von der historischen Exposition bis zum reflektierenden Fazit.

Besonders gelungen sind die Folgen, in denen historische Machtmechanismen auf heutige Strukturen gespiegelt werden – etwa in „Oligarchien – Mächtige Milliardäre“, wo die Entwicklung vom antiken Griechenland bis zur digitalen Gegenwart verfolgt wird. Der rote Faden: die immer wiederkehrende Versuchung, Macht zu konzentrieren und Demokratie auszuhöhlen. Oder in „Völkerstrafrecht – Kriegsverbrecher auf der Anklagebank“, wo die Lehren von Nürnberg mit den aktuellen Versuchen internationaler Gerichtsbarkeit in Beziehung gesetzt werden.

Was «Der Rest ist Geschichte» so besonders macht, ist seine Haltung: Der Podcast will nicht belehren, sondern befähigen. Er will nicht nostalgisch verklären, sondern Zusammenhänge erkennbar machen. Damit folgt der Deutschlandfunk seiner journalistischen Mission, Information mit Bildung zu verbinden – in einer Zeit, in der beides oft getrennt voneinander existiert. So wird jede Folge zu einer kleinen Geschichtsstunde im besten Sinn: faktenbasiert, kritisch, verständlich und relevant. Der Podcast liefert, was viele Talkshows und Kommentarspalten vermissen lassen – Kontext. Er macht deutlich, dass Geschichte kein abgeschlossenes Kapitel ist, sondern ein ständiger Dialog mit der Gegenwart.


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