Wirtschaft

Hauptversammlung bei P7S1: Reorganisation bleibt aus, Aufspaltung abgelehnt

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Schon seit Wochen streiten ProSiebenSat.1 Media SE und Media for Europa (MFE) um die Zukunft des Konzerns. Aufsichtsratmitglied Nonnenmacher wurde nicht entlastet.

„Media for Equity“ war ein Geschäftsmodell, dass der frühere ProSiebenSat.1-Media-SE-Chef Thomas Ebeling im Zuge der Finanzkrise 2009 einführte. Ebeling kam im März 2009 und machte die Gruppe durchaus erfolgreich. Bis zum Deutschlandstart von Netflix stieg die Aktie auf 50 Euro, inzwischen steht das Wertpapier nur noch bei etwas mehr als sieben Euro. Ebeling setzte auf kurzfristige Effekte, die den Konzern bis heute schwer belasten. Der Verkauf des Nachrichtensender N24 an die Manager Torsten Rossmann und Stefan Augst zu jeweils 26 Prozent (plus jeweils Frank Meißner, Maria von Borcke, Thorsten Pollfuß und Karsten Wiest) war ein Fehler, erst in den vergangenen Jahren baute man seine neue Redaktion aus. N24 gehört inzwischen zur Axel Springer und soll recht gut laufen.

Gleichzeitig investierte Ebeling in E-Commerce-Firmen und kaufte die ParshipMeet Group zu. Bloß: Das Geschäft konnte nie wirklich in das Programm eingewoben werden. Man hat erfolgreiche Geschäfte wie Flaconi, Jochen Schweizer und Verivox übernommen. Aber bis auf einen Vertreter des Vergleichsportals Verivox bringt man die Marken kaum im eigenen Programm unter. Es werden nur wenige Formate selbst entwickelt, sondern gerne amerikanische oder niederländische Formate eingekauft. Maßgeschneiderte Projekte für Verivox können nicht entwickelt werden. Es gab einzelne Versuche wie «Liebe auf den ersten Kick – Die LOVOO und Jochen Schweizer Extrem-Dating-Show», doch diese floppte. Der Reifenhersteller Michelin kann sich einen Sterne-Gastro-Guide leisten, das Netto-Einkommen liegt bei zwei Milliarden US-Dollar. Die Münchener Fernsehgruppe strauchelt seit ein paar Jahren.

ProSiebenSat.1-Chef Bert Habets möchte die Strategien der Mediengruppen MFE Und PPF unterstützen. Dennoch wolle man nicht die Beteiligungen im Eilverfahren verkaufen. Die Tochterfirma Jochen Schweizer Mydays hängt immer noch in den Seilen. Bislang sorgten die Fehlbuchungen für Untersuchungskosten von 15 Millionen. Laut Aufsichtsrat-Mitglied Rolf Nonnenmacher kam es zu Rechtsverstößen, die von den Kontrollmechanismen nicht entdeckt wurden. Nonnenmacher sprach von Vertuschung, so der Manager, der jahrelang bei KPMG AG gearbeitet hat. Nach einer Mittagspause erklärte eine MFE-Vertreterin, dass man Nonnenmacher, der mit der Sache vertraut war, loswerden wolle. Dies sei keine persönliche Aktion, wenngleich der Jochen Schweizer mydays-Ärgernis zu einem Abschluss gebracht werden sollte. Die Anlegerschützer vom DSW teilten mittags mit, man werde gegen die Anträge der Großinvestoren stimmen. Eine Abwahl von Nonnenmacher werde es nicht geben. Das Vergleichsportal Verivox und der Parfum-Shop Flaconi sollen noch in diesem Jahr veräußert werden, so der Finanzvorstand Martin Mildner. Vermutlich wird der Veri-Fox damit keine Abschiedsvorstellung auf der «The Masked Singer»-Bühne bekommen. Man möchte aber die Beteiligungen Marktguru und wetter.com nicht veräußern.

Obwohl Habets von Joyn schwärmt, räumt der Vorstandsvorsitzende weiterhin keine Zahlen ein. Es gibt keine Zahlen, wie viele Menschen einen Joyn-Account haben, wie viel Werbung mit dem Streamingdienst verdient wird. Selbst die Messung der Besucherzahlen durch die IVW hat ProSiebenSat.1 in den vergangenen Jahren geräuschlos abstellen lassen. Künftig möchte Finanzchef Martin Mildner das Unternehmen neu organisieren, denn Joyn soll die Muttergesellschaft der Seven.One Entertainment Group werden. Eine weitere Gesellschaft soll noch über Joyn stehen. Mit dieser Aufstellung könne man steuerliche Effekte gelten machen. Es geht um ein „erhebliches Einsparpotenzial“. Kurzgesagt: Weil Joyn stets Verluste eingefahren werden, könnte die Firma so Millionen an Steuern sparen.

Gegen 17 Uhr lagen die ersten Abstimmungsergebnisse vor. Vorstand und Aufsichtsrat wurden - mit Ausnahme von Rolf Nonnenmacher - abgewählt. Der niederländische Investor Media for Europe (MFE) hatte den Managern das Vertrauen entzogen. Die Sanierung der Gesellschaften wurde abgelehnt, so dass die Verlustverträge von Joyn nicht genutzt werden konnten. Im zweiten Wahlgang wurden der MFE-Kandidat Leopoldo Attolico und der PPF-Kandidat Christoph Mainusch in den Aufsichtsrat gewählt. Der dritte Platz im Aufsichtsrat ging an Klara Brachtlova (PPF), die von ProSiebenSat.1 vorgeschlagen wurde. MFE-Kandidat Simone Scettri wird in den Aufsichtsrat gewählt, Rolf Nonnenmacher verliert seinen Posten.

MFE-Chef Pier Silvio Berlusconi konnte ProSiebenSat.1 zwar noch einmal ordentlich aufmischen, letztlich wurde der Spaltungsantrag aber von den Mitgliedern abgelehnt. In München war eine Dreiviertelmehrheit nötig, der Vorschlag der Niederländer bekam nur 70,95 Prozent Zustimmung. Die von MFE vorgeschlagene Satzungsänderung wurde angenommen.

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