Serientäter

«Midnight Mass»

von   |  3 Kommentare

Crockett Island ist eine geschundene Insel. Eine Umweltkatastrophe hat das Eiland vor einigen Jahren hart getroffen. Außer Fischfang gibt es hier nichts. Wer kann, verlässt diesen Ort. Bis zu dem Tag, an dem ein neuer Priester auf der Insel seine Zelte aufschlägt und bald ein erstes Wunder geschieht. Er gibt den Menschen Hoffnung, die dafür gerne die dunklen Signale übersehen, die mit ihm Einzug gehalten haben.

Stab

USA 2021
7 Episoden zwischen 55 und 65 Minuten Laufzeit

Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent: Mike Flanagan
Musik: The Newton Brothers
Kamera: Michael Fmognari
Darsteller: Zach Gilford, Hamish Linklater, Kate Siegel, Samantha Sloyan, Igby Rigney, Rahul Kohli, Annarah Cymone, Annabeth Gish, Henry Thomas
Um es kurz zu machen: Was für eine Serie! Regisseur und Autor Mike Flanagan («Doctor Sleep») bietet mit «Midnight Mass» so viel mehr als etwas Grusel und Schrecken. Oh, Flanagan ist ein Horrorfilmregisseur mit Leib und Seele. Er weiß, wann er an den Stellschrauben des Schreckens drehen und wann er seiner Zuschauerschaft die eine oder andere Gräueltat bieten muss. Aber Flanagan nutzt die Spielzeit von knapp sieben Stunden, um eine überaus komplexe Geschichte über eine dem Fanatismus anheim fallende Gemeinde zu erzählen. Manchmal reicht ein Mensch aus, um einen Funken zu entfachen, der besser nie gezündet worden wäre.

Da ist also Father Paul Hill. Ein Geistlicher um die 40, der von der Diözese gesandt wird, den auf einer Pilgerreise erkrankten Monsignore der Insel zu vertreten. Der über 80 Jahre alte Monsignore Pruitt, erzählt Hill der Gemeinde, habe sich auf seiner Pilgerreise offenbar etwas übernommen. Zwar brenne er darauf, in seine Gemeinde zurückzukehren, doch die Diözese habe ihm eine Ruhezeit verordnet. Es gehe, berichtet Hill der Gemeinde weiter, dem Monsignore ansonsten gut und sobald er wieder ganz auf dem Damm sei, wird er sein Amt wieder aufnehmen. Bis dahin – wird er, Paul Hill, die Gemeinde führen.

Die Gemeinde empfängt Hill freundlich. Hill wirkt ein bisschen unsicher. Crockett Island ist eine Insel irgendwo vor der Küste Neuenglands. Kein Ort, den man freiwillig besucht, denn er bietet: nichts. Crockett Island ist das Ende der Welt. Jeder auf dieser Insel lebt direkt oder indirekt vom Fischfang. Nach einer Ölpest haben viele Menschen die Insel verlassen, die finanzielle Kompensation der Verursacher hat die entstandenen Schäden nicht komprimieren können. Und nun ist da dieser vergleichsweise junge Geistliche, der vom Festland kommt. Immerhin gibt man ihm eine Chance und bereits mit seiner ersten Predigt erreicht er die Herzen der Kirchbesucher. Hill brennt für Gott. Er ist kein Lautschreier. Er ist nur ein Mann, der mit einfachen Worten zu den Menschen redet. Mit Worten, die diese berühren. Es dauert nicht lange und die Bänke der Kirche beginnen sich wieder zu füllen. Hill gibt den Menschen Zuversicht an einem Ort, der ansonsten verloren wirkt.

Ist Crockett Island für Father Hill ein Aufbruch in eine neue Zeit, ist die Insel für Riley Flynn eine Endstation. Riley wurde auf der Insel geboren, jedoch hat er sie verlassen. Er hat als Investor Start-up-Unternehmen an den Start gebracht und ein Leben auf der Überholspur geführt. Leider hat er mehr Geld verbrannt als er eingenommen hat und dann hat er eines Tages betrunken einen Unfall verursacht, bei dem eine junge Frau ums Leben gekommen ist. Dafür hat er vier Jahre im Gefängnis gesessen. Flynn, ein Mann um die 30, zieht in sein altes Kinderzimmer im Haus seiner Eltern ein, das sich exakt in dem Zustand befindet, in dem er es einst, als er aufs College ging, verlassen hat. Was immer er einst sein wollte, dieses Leben ist vorbei. So kehrt er zurück. Um wieder sonntags in die Kirche gehen zu müssen, weil dies einfach so sein muss, sagen seine Eltern, die nie seinen Drang verstanden haben, ein anderes Leben leben zu wollen. Immerhin findet er in Erin eine Frau, die ihn ohne zu werten in ihr Leben wieder aufnimmt. Erin ist etwa in seinem Alter, sie ist die Lehrerin der Insel, sie ist schwanger und es gibt keinen Mann in ihrem Leben. Als sie aus der Fremde, in ihrem Fall New York, zurückkehrte, hat niemand Fragen gestellt.

Dies sind die Hauptfiguren, über die Flanagan nun die Geschichte erzählt, die ihn wirklich interessiert. Die Suche nach den ganz großen Antworten. Die Suche nach Gott. Einem Sinn des Lebens. Es geht um eine Suche zwischen Rationalität, Sehnsucht und Fanatismus. Es ist eine Geschichte über Familien. Es geht um eine zerbrochene Gemeinschaft und die Hoffnung auf eine Zukunft, die nicht besser als die Gegenwart werden soll, sondern so gut, wie sie einst gewesen ist. Zumindest in den Erinnerungen. «Midnight Mass» ist ein großes, packendes Drama, das seine Geschichte im Gewand einer Horrorgeschichte erzählt. Selbst wenn man den Horroraspekt der Serie streichen würde, bliebe ein großes Gegenwartsdrama über die amerikanische Gesellschaft übrig. Crockett Island ist eine Miniaturausgabe dieser Gesellschaft, in der anständige, arbeitsame Menschen einer unsicheren Zukunft entgegenblicken und wo man empfänglich ist für Heilsversprechen. Nur, wo ist denn nun der Horror?

Gemach! Er braucht seine Zeit, was auch an dem sehr großen Ensemble der Serie liegt, das eingeführt werden will. Da ist etwa der muslimische Sheriff der Gemeinde, der aufgrund seiner Herkunft und seines Glaubens einen Fremdkörper darstellt. Da gibt es einen alten Säufer, der versehentlich im Suff ein Mädchen förmlich in den Rollstuhl geballert hat. Da sind Rileys einfach gestrickte Eltern, mit einem Vater, der wenig für die „Hirngespinste“ seines Sohnes übrig hat und einer liebenden Mutter, die immerhin in den Jahren seiner Haftstrafe immer – auf ihre Art und Weise – an seiner Seite gestanden hat. Oder da ist die Ärztin, die endlich in New York frei und offen leben möchte (offen heißt für sie – offen lesbisch), die aber an Crockett Island durch ihre an Demenz erkrankten Mutter gefesselt ist und de facto darauf wartet, dass diese stirbt, um endlich frei sein zu können. Der Fokus aber liegt klar auf Father Hill und Riley. Sie sind die Gegenspieler. Aber in einem anderen Sinne als im Horrorgenre üblich, denn ihre großen Duelle liefern sich in ihren: Gesprächen! Nachdem Riley ein Teil seiner Haftstrafe wegen guter Führung erlassen worden ist, gehört zu seinen Bewährungsauflagen die regelmäßige Teilnahme an Treffen der Anonymen Alkoholiker. Dafür muss er einmal die Woche die Reise aufs Festland antreten. Father Hill unterbreitet dem ehemaligen Messdiener Riley das Angebot, eine AA-Gruppe auf Crockett Island zu gründen. Das ist rechtlich möglich, da die Gemeinde ein Gemeindehaus besitzt, das für solche Treffen offiziell zur Verfügung gestellt werden darf. Und da niemand festgelegt hat, dass eine Gruppe tatsächlich aus mehr als einem Teilnehmer bestehen muss, kann Hill Riley dessen Teilnahme bestätigen. Dafür unterhalten sie sich einmal pro Woche eine Stunde und Riley kann sich die Reise aufs Festland schenken.

So also beginnen die Gespräche über Gott, über den Atheismus, über die verschiedenen Wege, an ein ewiges Leben ohne einen Gott glauben zu können und so vieles mehr. Diese Dialoge erreichen eine Brillanz, die erstaunt. Zwar lässt sich eine Sympathie Mike Flanagans für Riley, der im Gefängnis nach Gott gesucht hat, um festzustellen, dass er nur eine Illusion darstellt, nicht ganz übersehen. Doch Mike Flanagan wertet nicht. Beide Männer haben ihre Ansichten. Ihr Umgang miteinander ist respektvoll. Wenn sich Flanagans persönliche Weltsicht in diesen Gesprächen widerspiegelt, mag Riley sein altes Ego sein, weder aber tritt er als Missionar des Nicht-Glaubens auf, noch macht er sich über Glaubensbilder lustig. Glauben, das wird aus seiner Erzählung klar, kann man nicht verordnen. Glauben ist ein Prozess, der im besten Fall Menschen zu mitfühlenden Wesen macht, die einander schätzen und respektieren. Im schlechtesten Fall jedoch führt sie ihr Glaube in einen fundamentalen Fanatismus, der keine Abweichung vom eigenen Glauben erlaubt und eine solche Abweichung bestraft.

Der Bote des Untergangs
Es überrascht nicht, dass Father Hill nicht exakt das ist, was er vorgibt zu sein. Es wird mit seinem ersten Auftritt klar und Flanagan bedient zumindest an diesem Punkt der Geschichte klassische Erzählmuster des Horrorfilmes. Der Fremde, der in die Stadt kommt, ist selten ein Friedensstifter.

Da von Anfang an klar ist, dass Father Paul Hill etwas zu verbergen hat, ist es keine große Überraschung, dass bald Dinge geschehen, die im höchsten Maße irritierend wirken. Im Schatten von Crockett Island etwa befindet sich ein kleines, von Menschen unbewohntes Eiland, auf dem – auf welchem Wege auch immer – irgendwann einmal eine Katzenkolonie entstanden ist. Katzen sind anpassungsfähig und auf einer Insel, auf der Vögel auf dem Boden brüten, finden sie Nahrung. Bis zu dem Tag, an dem Hunderte toter Katzen an den Strand von Crockett Island gespült werden. Dann ist da der Fall der Leeza Scarborogh, jenem Mädchen, das nach einer Schussverletzung im Rollstuhl gelandet ist und während eines Gottesdienstes plötzlich ihre Beine wieder bewegen kann: ein Ereignis, das den Glauben auf der Insel neu entzündet und auch jene in die Kirche lockt, die ihr längst fernstanden. An diesem Punkt der Geschichte wächst die Rolle der Ärztin Sarah, die als Naturwissenschaftlerin nach einer sachlichen Erklärung für das Geschehen sucht, aber nicht umhin kann zugeben zu müssen, keine Antworten zu finden: vor allem, da sich ihre schwerst demente Mutter an Momente ihrer Vergangenheit zu erinnern beginnt, was einfach nicht sein kann. Wo die Naturwissenschaftlerin nach Antworten sucht, die sich logisch erklären lassen, steht für die meisten Menschen auf der Insel jedoch bald fest, dass Gott sie auserwählt hat. Dass sich dieser Glauben schneller und schneller verbreitet, ist auch Beverly Keane zu verdanken, der Vorsitzenden des Gemeinderates. Sie ist eine Frau, deren Redetalent bemerkenswert ist. Nach der Ölpest hat sie den schalen Deal mit den Verursachern ausgehandelt. Dafür hat sie eine Gemeinde erhalten, das der Kirche untergeordnet ist, das sie jedoch führt. Pruitt war schon lange nur ihre Marionette und auch Hill lässt sich von der Gemeinderatsvorsitzenden um den Finger wickeln, denn sie – kennt die Anwtworten auf jedes noch so seltsame Geschehen auf der Insel. Dargestellt wird sie von einer Schauspielerin namens Samantha Sloyan, die Beverly als eine derart von Missgunst, Neid und puren Machtwillen getriebene, manipulierende Person darstellt, dass sie schlicht und ergreifend alle anderen Darstellerinnen und Darsteller an die Wand spielt. Ja, es ist etwas auf der Insel, das dort nicht sein sollte. Etwas, das Wunder vollbringt, über denen jedoch ein dunkler Schatten liegt. Diese Macht ist nicht gut. Aber böse wird sie erst durch Beverly. Beverly ist jene Fundamentalistin, die davon überzeugt ist, in jeder ihrer Handlungen absolut gottgefällig zu handeln. Sie ist das personifizierte Wissen um Gottes Willen. Was sie zur Anführerin des Pöbelns macht, der ja keine Ahnung hat...

Es ließe sich so unendlich viel mehr über diese Serie schreiben. Über die ausnahmslos souverän agierenden Schauspielerinnen und Schauspieler. Über die Gestaltung des Spielortes als Mikrokosmos der US-Gesellschaft. Über das Entstehen von Fanatismus und wie dieser auch anständige, unbescholtene Menschen zu ergreifen vermag. Über die sensationelle Musik der Newton Brothers. Und nicht zuletzt über die letzte Episode, die de facto einen einstündigen Showdown darstellt, in dem sämtliche Fraktionen aufeinanderprallen und in dem sich Flanagan ganz nebenbei inszenatorisch vor dem Werk John Carpenters verneigt, dem er gerade in der ersten Hälfte der letzten Episode huldigt. Doch Flanagan erlaubt sich selbst in diesem Showdown Abweichungen von dem, was der Genrefan erwarten mag. Er kann es sich allerdings erlauben. All die brillant agierenden Schauspieler und die geschliffenen Dialoge bieten alleine schon einen Grund, die Serie unbedingt schauen zu müssen. Der Horror, der sich nach und nach auf der Insel ausbreitet, ist quasi nur der Zuckerguss obendrauf.



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Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
26.01.2022 12:54 Uhr 1
"Was für eine Serie"? ist gut....ick fand schon Folge 1 derart zääääääääh, dass ich schon danach erstmal auf "Pause" gedrückt habe...bis heute! Ich weiß nicht, was Menschen an solch zähen Serien und Filmen finden.
MWCH
27.01.2022 16:04 Uhr 2
Ja die Geschmäcker sind wohl verschieden. Ich fand die Serie auch sehr gut, und Bewertungen (imdb) sind da ähnlicher Meinung :-)
Sentinel2003
29.01.2022 23:24 Uhr 3




O:-) ;)
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