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«Gladiator» und die Auferstehung des Sandalenfilms

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Bevor es zur Auferstehung des Genres kam, musste Hollywood erst mit «Der Untergang der Römischen Reiches» vor den Trümmern der Filmart stehen.

Es waren Sternstunden des Kinos: Legionen von Römern marschierten zu bombastischen Trompeten-Fanfaren, Volksmassen sammelten sich vor kolossalen Kulissen, und auf den Galeeren knallten die Peitschen. «Quo Vadis?», «Das Gewand», «Ben Hur» und «Spartacus» sind längst Filmgeschichte, und 40 Jahre lang wagte sich in Hollywood fast niemand, ein solches Monumentalwerk auf die Beine zu stellen.

"Solche Filme wird es nie wiedergeben, denn sie wären heute nicht mehr zu bezahlen", prognostizierte Charlton Heston, der in vielen dieser Historienspektakel die Hauptrolle spielte und für «Ben Hur» sogar den Oscar bekam, noch zu Lebzeiten. Doch dann geschah das Wunder! Meisterregisseur Ridley Scott erweckte genau zur Jahrtausendwende mit «Gladiator» das totgeglaubte Genre wieder zum Leben. Der Film spielte seine Herstellungskosten (100 Mio. Euro) fast fünffach wieder ein. Mit einem tollen Cast, einer fulminanten Ausstattung und spektakulären Kampf- und Schlachtszenen ist bis heute ein unvergessliches Filmerlebnis entstanden und erinnerte an die besten Zeiten des sogenannten Sandalenfilms. Es entstand sogar ein ganzer Boom solcher Produktionen, und selbst Ridley Scott bediente das Genre mit «Königreich der Himmel», «Exodus» und «Robin Hood» (wieder mit Russell Crowe) weiterhin.

Doch der Anfang war schwer, erinnert sich «Gladiator»-Produzent Walter F. Parkes: „Wir wollten uns nicht damit abfinden, dass man dieses Genre nie wieder aktivieren könnte. Wir fingen damit an, Schlagwörter aufzuschreiben, die man sofort mit diesem Genre verbinden würde: Imperator, Sklaven, Republik, Streitwagen, Arena und Gladiatoren. Daraus entwickelten die Autoren David Franzoni, John Logan und William Nicholson dann die erste Drehbuchfassung."

Nachdem man mit Ridley Scott einen Regisseur gewinnen konnte, der sich der Herausforderung stellen wollte, ging es an die Umsetzung. Damit fingen die Probleme aber erst an. „Natürlich kann man heutzutage nicht mehr den Aufwand betreiben, mit dem die Filme vor 40 Jahren entstanden sind“, erinnert sich auch Scott, „unsere Kulissen wurden nur zum Teil gebaut. Nur ein Drittel des Kolosseums ist echt, der Rest wurde durch Computergraphiken vervollständigt.“

Toll trieben es die alten Römer
Damals war die CGI-Technik (Computer Graphic Images) noch relativ neu. Zuerst tummelten sich aber nur computeranimierte Monstren, Mumien und Mutationen auf der Leinwand. Bis sich das Publikum ermüdet abwandte, dann aber mit Gladiatorenkämpfen in der Antike neue Helden bekam. Mit dem Aufleben eines alten Genres reagierten die Hollywoodbosse ähnlich wie Ende der 1940er-Jahre, als das Fernsehen zu einer ernsthaften Konkurrenz fürs Kino wurde und das Publikum mit technischen Erneuerungen und Gigantismus zurückerobert werden musste.

Besonders historische Stoffe schienen sich neben dem Musical dafür zu eignen, den Größenwahn der Studios voranzutreiben. Obwohl schon seit der Stummfilmzeit literarische Vorlagen wie Lew Wallaces «Ben Hur» oder Henryk Sienkiewiczs «Quo Vadis?» auf Zelluloid gebannt wurden, brach damit Anfang der 50er Jahre die Goldene Ära des Sandalenfilms an.

Nicht kleckern, sondern klotzen - nach dieser Devise verpflichtete MGM schon 1951 für das Remake von «Quo Vadis?» von 1951 über 30.000 Statisten und ließ 32.000 Kostüme nähen. Regisseur Mervyn LeRoy gelangen so atemberaubende Massenszenen. 115 Kulissen wurden gebaut, um die Geschichte der Christenverfolgung unter dem wahnsinnigen Kaiser Nero (Peter Ustinov) zu erzählen.

20th Century Fox reagierte darauf mit dem ersten Film, der jemals in Cinemascope gedreht wurde. 1953 fand die Premiere von «Das Gewand» statt. Kritiker und Publikum waren von der epischen Breite überwältigt. Ein Jahr später folgte mit «Die Gladiatoren» die Fortsetzung.

Obwohl in Filmen wie «Land der Pharaonen» und «Die zehn Gebote» die alten Ägypter zu Ehren kamen, und in «Jason und die Argonauten» und «Die Fahrten des Odysseus» auch die griechische Mythologie thematisiert wurde, faszinierte man sich in Hollywood immer wieder für die alten Römer. Ende der 1960er-Jahre erreichte die Epoche des Historiendramas mit den Filmen «Ben Hur» und «Spartacus» seinen endgültigen Höhepunkt. Für 16,2 Millionen Dollar adaptierte William Wyler noch einmal Lew Wallaces Leidensgeschichte über den jüdischen Prinzen Ben Hur, der auf die Galeeren verbannt wird und kassierte dafür 11 Oscars. Unvergessen und bis heute unerreicht ist das zwölfminütige Wagenrennen zwischen Ben Hur (Charlton Heston) und seinem Widersacher Messala (Stephen Boyd), bei dem ein Kameramann und vier Pferde ums Leben gekommen sind.

Todesopfer forderte die Verfilmung des Romans «Spartacus» von Howard Fast zwar nicht, aber Hauptdarsteller und Produzent Kirk Douglas, der Anfang dieses Jahres im Alter von 103 Jahren verstarb, war oft am Rande der Verzweiflung, ob seine 12-Millionen-Dollar-Produktion über den Sklaven Spartacus, der eine Revolte der Gladiatoren entfesselt, je fertig werden würde. Er überwarf sich mit seinem Regisseur Anthony Mann und musste sich von seiner Gespielin, der Deutschen Sabine Bethmann, trennen, weil ihr das nötige Talent fehlte. Douglas verpflichtete den jungen Stanley Kubrick für die Regie und gab die weibliche Hauptrolle Jean Simmons.

Doch die Pechsträhne klang nicht ab. Es gab kleinere Unfälle, durch die immer wieder die vielen Stars des Films ausfielen, zusätzlich kürzte das Studio permanent den Etat. In seinen Memoiren „Weg zum Ruhm“ (Ullstein-Verlag) erinnert sich Douglas: „Wir brauchten Stimmen, die ‚Heil Crassus‘ und ‚Ich bin für Spartacus‘ in englischer Sprache schrien. Wir brauchten Tausende von Stimmen. Da kamen wir auf die Idee, während der Halbzeit eines College-Footballspiels die Zuschauer für uns einzusetzen."

Das Ende des Gigantismus in Hollywood
Im Oktober 1960 fand dann schließlich die Premiere von «Spartacus» statt, und jedem Filmstudio hätte danach klar werden müssen, dass solche Monumentalprojekte zukünftig nicht mehr zu bewältigen sind. Dennoch gingen gleich zwei Studios daran, nochmals alles herauszuholen, was möglich war - und wieder führte dies zu den üblichen Katastrophen. Der Etat von «Cleopatra» (1963) stieg von den geplanten acht Millionen Dollar auf 40 und brachte die damals noch selbständig aktive 20th Century Fox (inzwischen von Disney aufgekauft) an den Rand des Ruins. Auch das Publikum war von den sich stets wiederholenden Werbesprüchen, das ‚gewaltigste Werk der Filmgeschichte‘ zu erleben, schon so müde, dass die Produktionskosten trotz Liz Taylor und Richard Burton, die sich während der Dreharbeiten verliebten und für Schlagzeilen sorgten, nicht mehr eingespielt werden konnten.

Ironischerweise lautete der Titel des letzten Films aus dieser Ära «Der Untergang des Römischen Reiches» (1964). Damals für die unglaubliche Summe von 64 Millionen Dollar inszeniert. Doch Regisseur Anthony Mann bewies, dass er mit einer solchen Produktion hoffnungslos überfordert war. Das Spektakel, für das in Madrid auf 92.000 Quadratmetern das antike Rom nachgebaut wurde, geriet zu einem der größten Desaster der Filmgeschichte und besiegelte in Hollywood den Untergang des Sandalenfilms.

Ein alter Held wird neu geboren
Da mag man kaum an einen Zufall denken, wenn mit «Gladiator» der gleiche geschichtliche Hintergrund wie aus «Der Untergang der Römischen Reiches» gewählt wurde. Damals spielte Alec Guinness Kaiser Marcus Aurelius, der im Jahre 180 n. Chr. von seinem unfähigen und vergnügungssüchtigen Sohn Commodus (Christopher Plummer) ermordet wird. Für «Gladiator» wurden diese Figuren von Richard Harris und Joaquin Phoenix verkörpert. Beide Filme enden in einem Zweikampf zwischen Commodus und dem Mann, den Aurelius eigentlich auf dem Thron sehen wollte. Eine Heldenrolle, die zuerst Stephen Boyd als Livius spielte, während man Russell Crowe den Namen Maximus verpasste, der zuerst verhaftet wird, dann fliehen kann und als Gladiator nach Rom zurück, um die Ermordung seiner Familie zu rächen. Inzwischen ist auch «Gladiator» in die Annalen der Filmgeschichte eingegangen – allerdings ruhmreich, nicht nur an der Kinokasse, sondern auch bei der Oscarverleihung 2001, wo es die Trophäe unter anderen für den ‚Besten Film des Jahres‘ und für den ‚Besten Hauptdarsteller‘ gab.

2005 lieferte Ridley Scott noch eine um 16 Minuten längere ‚Extended Version‘ und näherte sich damit noch einen Schritt näher an die alten Schinken Hollywoods, die oft über drei Stunden dauerten und meist mit einer dramaturgisch sinnvollen Pause und zusätzlicher Eröffnungsmusik gezeigt wurden. Heute in unserer schnelllebigen Zeit, in der Filme überall und jederzeit abrufbar sind, undenkbar.

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