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61. Bundesliga-Saison: Und täglich grüßt der Kölner Keller

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Die neue Bundesliga-Saison steht vor der Tür. Die ARD hat eine neue Doku-Serie veröffentlicht, in der nicht die Spieler zu den Protagonisten werden, sondern die Schiedsrichter.

Am Freitag, 18. August, startet die Bundesliga in ihre 61. Spielzeit. Seit mehr als einem Jahrzehnt herrscht an der Spitze dieses Wettbewerbs quasi keine Spannung mehr. Im Mai wurde der FC Bayern München durch das Versagen von Konkurrent Borussia Dortmund zum elften Mal in Folge Deutscher Meister. Trotz der endlos wirkenden Serie waren die Münchner mit der abgelaufenen Saison nicht zufrieden und rüsteten ihren Kader mit dem Transfer des 100-Millionen-Stürmers Harry Kane kräftig nach, sodass man davon ausgehen muss, dass ein weiteres spannendes Saisonfinale in weite Ferne rückt – den Eindrücken des DFL-Supercups gegen RB Leipzig am vergangenen Samstag zum Trotz. Fußballfans fühlen sich wie Bill Murray 1993, statt eins täglich grüßenden Murmeltiers, sind es die Münchner Bayern die jährlich vom Marienplatz grüßen.

Eine weitere Konstante der neuen Saison dürften die Schiedsrichter bleiben – dies wurde bereits an den ersten Spieltagen der 2. Bundesliga ersichtlich. Die eklatanten Probleme wurden beim Spiel von Hannover 96 beim 1. FC Nürnberg deutlich. Den Franken wurde kurz vor Abpfiff ein unberechtigter Elfmeter zugesprochen, nachdem der Club-Stürmer dem Hannover-Verteidiger auf den Fuß getreten war. Auch nach Ansicht der Video-Bilder entschied der Schiedsrichter auf Strafstoß. Es sind Situationen wie diese, dass dem deutschen Fußball nicht nur ein Nationalmannschafts-Problem, sondern auch ein Schiedsrichter-Problem nachgesagt wird. Wöchentlich grüßt eine VAR-Diskussion.

Es ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker des Video-Beweises, die sechs Jahre nach der Einführung endlich die Abschaffung dieser vermeintlichen Hilfestellung fordern, die den Fußball gerechter machen soll. In einer ARD-Dokumentation wurde nun das Schiedsrichterwesen genauer unter die Lupe genommen. Die Bundesliga-Schiedsrichter wurden in «Unparteiisch – Deutschlands Elite-Schiedsrichter» von der Produktionsfirma beckground TV ein Jahr lang begleitet wurde. Das Unternehmen des ehemaligen «Sportschau»-Moderators Reinhold Beckmann, der als Produzent agierte, setzte vor drei Jahren bereits das Porträt «Karten, Pfiffe, fette Bässe» des Bundesliga-Schiris Deniz Aytekin um.

Schon damals versuchte man sich dem Unparteiischen auf eine menschliche Art und Weise zu nähern, diesen Ansatz wählte Regisseur und Autor Tom Häussler erneut und startet in der ersten Folge mit dem Trainingslager in Herzogenaurach, wo sich auch die DFB-Teams regelmäßig auf große Turniere vorbereiten. Die Bilder muten zunächst wie ein Image-Film des DFB für die Schiedsrichterei an. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky versicherte gegenüber dieser Redaktion jedoch, dass es „keinerlei Einflussnahme oder Vorgaben bezüglich der Dreharbeiten und der Postproduktion durch den DFB“ gegeben habe. „Eine Abnahme der Filme seitens des DFB oder einzelner Protagonist*Innen hat es ebenfalls nicht gegeben“, so Balkausky.

Entstanden sind Bilder von tollen Trainingsbedingungen, abwechslungsreicher Freizeitgestaltung. Alle Lachen, alle haben Spaß. Wert wird vor allem auf die Athletik der Referees gelegt. „Wenn der Fußballer aufhört, dann kommen wir mit 35 Jahren in den richtigen Leistungsbereich“, erklärt Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich und kommt sogleich auf die viele Anforderungen zu sprechen, nennt dabei an erster Stelle das „mentale Denken“. Es folgt der „Vorbereitungslehrgang“, ein Videostudium unter der Leitung von DFB-Regelexperte Lutz Wagner, der seine Analyse auf der medialen Wahrnehmung zweier Falschentscheidungen aufbaut. Er fordert „knallharte Ehrlichkeit“ im Umgang mit Fehlentscheidungen – „auch wenn es manchmal wehtut“. Nur so könne man der Öffentlichkeit vermitteln, welche Entscheidungen nun tatsächlich korrekt seien und welche nicht. Alles sei komplex, ein Schiedsrichter müsse sehr viele Faktoren berücksichtigen, fasst der ehemalige Bundesliga-Schiri zusammen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Aussage von Jochen Drees, Leiter Video-Assistenten und Technologien, am Ende der zweiten Folge. Der ehemalige Schiedsrichter weist darauf hin, dass die Öffentlichkeit oftmals mit einer falschen Erwartungshaltung an den VAR herangeht und eine maschinelle Analyse einer Situation, bei der am Ende „richtig“ oder „falsch“ herauskommt. Diese Erwartungshaltung sei aber an sich inkorrekt, weswegen der Videobeweis auch in zehn Jahren nicht funktionieren werde. Eine geeignetere Erwartungshaltung behält die Doku aber für sich. Der DFB vermag über professionelle Strukturen, tatsächlich Profi-Schiedsrichter leiten die Partien der höchsten deutschen Spielklasse aber nicht. Und trotz der Strukturen wirkten in der Vergangenheit manche Entscheidungen amateurhaft und boten große Angriffsflächen jener – zum Teil zurecht – verteufelten Medien.

Ein Beispiel ist ein Meeting zur Schiedsrichteransetzung des ersten Spieltages des Jahres 2023. Zwar ist es interessant der DFB-Sitzung beizuwohnen, doch nach welchem Muster Schiedsrichter-Ansetzungen von Lutz Michael Fröhlich, Geschäftsführer DFB Schiri GmbH, Peter Sippel, Sportlicher Leiter Bundesliga, und Jochen Drees getroffen werden, wird nicht ersichtlich. „Wen nehmen wir?“, fragt Fröhlich. Sippel: „Daniel würde sich anbieten. Er war bei der WM dabei, sicherlich ein Top-Schiedsrichter.“ Drees ergänzt: „Er hat auch beim Trainingslager in Portugal einen guten Eindruck gemacht.“ Womit sich die Frage aufdrängt, ob dies bei den anderen nicht der Fall war. Den Vorschlag Martin Petersen beim Abstiegsduell zwischen Berlin und Bochum einzusetzen, findet Fröhlich gut. Offenbar keine weitere Begründung nötig. Tobias Christ, seines Zeichens Koordinator Schiedsrichter Ansetzungen, wirkt nahezu unbeteiligt an der vierköpfigen Diskussion. Stichwort Trainingslager Portugal: Statt der Optimierung der Handspielregel steht vor allem Athletik-Training auf dem Programm.

Die größten Schiedsrichter-Probleme werden in der Doku-Serie zwar angesprochen, doch der DFB scheint keine langfristige Lösung zu haben. Jedenfalls wird lieber damit Zeit verbracht, ein Schiedsrichterinnen-Gespann beim Frauen-Bundesliga-Topspiel zwischen Wolfsburg und Bayern München zu begleiten. Dort gibt es keinen VAR, Diskussionen gibt es trotzdem. Diese versanden im Nachgang allerdings sehr schnell, als die Schiedsrichterin Angelika Söder ihre Wahrnehmung nachvollziehbar schildert. Wie heißt es so schön: „Entscheidend ist auf dem Platz.“ Im modernen Fußball leider auch immer wieder im sogenannten Kölner Keller. Genau dies fordert aber Drees. Die Schiedsrichter sollen selbstbewusster auftreten, Autorität und Entscheidungswille auf dem Platz ausstrahlen. Das bleibt aber ein frommer Wunsch, denn mit dem Sicherheitsnetz VAR wird die Entscheidungsgewalt seit fünf Jahren untergraben, sodass es wohl auch in der neuen Saison heißen wird: Und täglich grüßt die Diskussion um den Videobeweis.

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