Die Kritiker

«Detective Grace – Stirb ewig»

von

Ein Junggesellenabschied läuft offenbar vollkommen aus dem Ruder. Am Ende des Abends sind die Teilnehmer auf jeden Fall allesamt Tod oder liegen im Sterben. Mit einer Ausnahme. Der Bräutigam ist weder tot noch verletzt. Er ist einfach verschwunden.

Stab

Autor: Russell Lewis (nach den Romanen von Peter James)
Regie: John Alexander, Julia Ford
Producer: Kiaran Murray-Smith
Executive Producers: Peter James, Patrick Schweitzer, Russell Lewis, Paul Sandler
Darsteller: John Simm, Richie Campbell, Rakie Ayola, Laura Elphinstone, Amaka Okafor, Brad Morrison
Network: ITV
Originaltitel: Grace
Vereinigtes Königreich 2021
Eine neue Serie für den späten Sonntagabend im ZDF. Auf dem Sendeplatz, auf dem «Inspector Barnaby» seit vielen Jahren für Recht und Ordnung sorgt und ein «Kommissar Beck» immer wieder in den deutschen Wohnstuben televisionär vorbeischaut, ermittelt nun «Inspector Grace». DS Roy Grace, um ganz genau zu sein. Die britische ITV-Serie geht in ihrem Mutterland 2023 bereits in die dritte Runde, das deutsche Publikum lernt den eher stillen Ermittler erst jetzt kennen. Einen Ermittler, der natürlich, ohne geht es ja nicht, ein Trauma mit sich herumträgt. Seine Frau ist vor sechs Jahren spurlos verschwunden. Sie verließ morgens das Haus, machte sich auf den Weg zur Arbeit und ward nie wieder gesehen.

Aktuell hat der Kriminalermittler allerdings ganz andere Probleme. Er ist in die Cold Case-Abteilung von Brighton & Hove versetzt worden. Das heißt, eigentlich ist er die Cold Case-Abteilung. Im Rahmen einer Ermittlung hat er einen Wahrsager aufgesucht, was vor Gericht für einen ziemlich Eklat gesorgt hat. Um eines klar zu sagen: Roy Grace ist kein Kautz. Er ist ein sorgfältig arbeitender, dienstbeflissener Beamter. Dieses Medium aber hat ihm tatsächlich einmal bei der Aufklärung eines Falles geholfen (vor allem wird dieser Wahrsager, der kleine Spoiler darf sein, in der Serie keine große Rolle spielen, um kein falsches Bild von der Art der Serie aufkommen zu lassen).

Abgeschoben aufs Abstellgleis bittet ihn sein früherer Partner DS Glenn Branson um Hilfe. Wann genau sich ihre Wege getrennt haben, wird nie genau erklärt, es ist aber schon einige Zeit her. Glenn führt inzwischen eine eigene Ermittlungsabteilung. Für seinen aktuellen Fall aber könnte er die Hilfe eines erfahrenen Detectives gebrauchen, der dafür bekannt ist, auch mal querzudenken.

Auf dem Motorway hat sich ein schwerer Unfall ereignet. Bis auf eine Ausnahme sind alle Insassen gestorben, aber auch der Überlebende wird die nächsten Tage wohl kaum überleben. Sie haben einen Junggesellenabschied gefeiert, ihr Weg ist bis zum Unfall auf dem Motorway nachvollziehbar. Ob Alkohol im Spiel war, ist unbekannt. Die Ermittler stehen jedoch vor einem Rätsel. Der Bräutigam, zu dessen Ehren dieser Abend veranstaltet worden ist, ist verschwunden. Spurlos. Kein Lebenszeichen nirgendwo. Natürlich ist es möglich, dass gar kein Verbrechen vorliegt und sich sein Verbleib auch so aufklären wird. Glenn tappt jedoch im Dunkeln. Roy hilft ihm nur zu gerne, auch wenn dies inoffiziell geschehen muss - denn Roy steht seit dem Eklat auf der Abschussliste seiner Vorgesetzten.

So fügen die Ermittler sämtliche Hinweise, die ihnen vorliegen, noch einmal für Roy zusammen. Der verschwundene Bräutigam ist ein Bauprojektentwickler. Und zwar ein verdammt erfolgreicher. Als Jungunternehmer hat er es weit gebracht. Sein Geschäftspartner ist seit seiner Schulzeit sein bester Freund und auch – sein Trauzeuge. Als solcher aber hat er am Junggesellenabschied nicht teilgenommen. Sein Flug von der Kanalinsel Jersey nach Brighton & Hove, dem Spielort der Serie, hatte Verspätung. Sagt er. Um Fassung kämpft derweil die Verlobte des Verstorbenen, die in seiner Firma als Rezeptionistin gearbeitet hat, bevor der Chef sich in sie verliebte. Sie kann nicht glauben, dass sich ihr Bräutigam möglicherweise einfach abgesetzt hat. Zwar kommt schnell ans Tageslicht, dass die nach Außen hin seriös agierende Firma ein Konto auf den Caymans führt, das aber mag anrüchig sein, dient es der Steuervermeidung: illegal ist es nicht.

Eine überraschende Spur entdeckt Roy denn auch beim Besitzer des Unglücksfahrzeuges. Einer der verunglückten jungen Männer hatte den Kleintransporter bei seinem Chef ausgeliehen – einem Beerdigungsunternehmer, dem offenbar ein Sarg gestohlen worden ist.

«Grace» beginnt amüsant mit dem bereits erwähnten Eklat vor Gericht, bei dem Roy Grace als ein schlagfertiger Ermittler eingeführt wird, der durchaus mit Verve seine Ansichten zu vertreten versteht. Dass ausgerechnet er, dessen Frau spurlos verschwunden ist, nun die Cold Case-Fälle bearbeiten soll, entbehrt nicht einer bitteren Ironie. Die erste halbe Stunde des ersten Spielfilmes der Reihe befasst sich primär mit dem Characterbuilding. Roy wird in die Geschichte eingeführt, Glenn übernimmt seinen Part. Das Gespann wird als freundschaftlich verbunden dargestellt. Sie sind keine besonders unterschiedlichen Typen, was aber nicht ohne Reiz ist: Zwei Polizisten, die sich als Partner auf Augenhöhe betrachten, ohne die großen Unterschiede? Das ist ja ein fast schon revolutionäres Konzept!

So wirkt der erste Akt zwar ganz anständig inszeniert (ein bisschen Charaktereinführung da, ein bisschen der Kriminalfall hier), aber aufregend ist das nicht. Bis nach ziemlich genau einer halben Stunde Spielzeit die Story einen unvorhergesehenen Schlenker macht, der schlicht den Atem stiehlt, was durchaus wörtlich verstanden werden darf. Fortan tickt nicht nur die Uhr – die Spannung des Falles liegt nun darin, dass die Inszenierung der Zuschauerschaft stets einen Wissensvorsprung gönnt. Das Publikum weiß relativ früh, was in dem Fahrzeug passiert ist. Das Publikum weiß um anstehende Wendungen, bevor die Ermittler dies wissen. Wo Kriminalfilme in der Regel damit spielen, dass der Wissenshorizont von Ermittelnden und Zuschauern auf Augenhöhe liegt, bricht diese britische Serie mit diesem Konzept und das macht diese Geschichte richtig spannend. Vor Wendungen auf jeden Fall schreckt das Drehbuch nicht zurück und allzu viel Mitleid mit seinen (vermeintlichen?) Hauptfiguren kennt der Pilotfilm auch nicht.

Lewis schreibt Lewis


Entwickelt hat die Serie mit Richard Lewis, ein Großmeister des britischen Fernsehkrimis. Der 1963 geborene Engländer hat seine Karriere als Kinderdarsteller begonnen. In den 1980er Jahren fing er an als Auftragsautor Drehbücher zu verfassen. Unter anderem schrieb er für die Krimiserie «The Bill», die hierzulande fast unbekannt ist, im Vereinigten Königreich allerdings 26 Jahre lief und es auf sagenhafte 2425 Episoden gebracht hat. In Deutschland wurde die Serie, die in 55 Ländern gelaufen ist, nie ausgestrahlt – dennoch gab es 2008 eine Crossover-Doppelfolge mit «Soko Leipzig»! Das aber nur am Rande. Lewis hat auf jeden Fall weiterhin Drehbücher für Serien wie «Inspector Morse», «Agatha Christie's Marple», «Lewis» oder «Spooks» geschrieben. Sein Meisterstück ist allerdings die Serie «Der junge Inspector Morse», die ausschließlich aus seiner Feder stammt: Alle 33 Episoden in acht Staffeln.

Mit John Simm hat die Serie darüber hinaus einen Hauptdarsteller, der schon mehrfach Klasse bewiesen hat. Simm war Hauptdarsteller der brillanten Kriminalfilm/Zeitreiseserie «Life on Mars», im Anschluss an diese Reihe stellte er in der englischsten aller Serien, «Doctor Who», zwischen 2007 und 2010 den Master dar, den ewigen Gegenspieler des Doctors. 2017 kehrte er noch einmal in diese Rolle zurück. Simm stellt «Inspector Grace» mit all den Ingredienzien dar, die eine Figur wie er benötigt. Ruhe, Erfahrung, Empathie, aber auch Scharfsinn und einem zumindest angedeuteten Sinn für Humor. Allerdings ist da auch eine Verletzlichkeit, die ihn angreifbar macht.



Am Ende ist der Pilotfilm gelungen. Die Hauptfigur ist bereits mit dem Ende des Filmes als vergleichsweise komplexer Charakter etabliert, der Fall ist überraschend, reich an Wendungen und spannend. Mehr kann man von einem TV-Krimi am Sonntagabend nicht erwarten!

Am Sonntag, 13. November 2022, 22.15 Uhr, ZDF

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