Interview

Natalia Wörner: ‚Es schwebte ein Hauch von Melancholie über dem Dreh‘

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Im Quotenmeter-Interview spricht die Schauspielerin über die «Um die 30»-Reunion nach über einem Vierteljahrhundert. Außerdem verrät sie, welche Feststellung sie über ihren Beruf getroffen hat und hat erklärt, wie sich ihr Blick auf die Pandemie durch einen Filmdreh verändert hat.

Frau Wörner, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview nehmen. Wie groß war die Freude, als Sie hörten, dass es eine Wiederauflage von «Um die 30» geben wird?
Da es ja in unterschiedlichen Versionen und Zeitfenstern Versuche gab eine Fortsetzung von «Um die 30» zu drehen – die leider alle scheiterten – war die Freude jetzt endlich wieder zusammen zu kommen und wieder gemeinsam zu drehen sehr groß. Und ich denke für uns alle ein „Once in a lifetime – Erlebnis“. Mir fallen dazu spontan zwei Worte ein: Nostalgie und Zeitreise.

Das ZDF hat die ‚Band‘ wieder zusammengetrommelt. Wie war es nach über 25 Jahren alle wieder gemeinsam zu sehen?
Das Erstaunliche war, dass sich die eingeprobte Gruppendynamik von vor 26 Jahren recht schnell wieder eingestellt hat. Also ich würde es mal liebevoll mit einem Klassentreffen vor der Kamera vergleichen. Offensichtlich sind wir alle 26 Jahre älter geworden und es schwebte so ein Hauch von Melancholie über dem Dreh, nebst Gelächter und Großzügigkeit.

Hatten Sie in der Zwischenzeit regelmäßig Kontakt mit Ihren Kollegen?
Unterschiedlich: Mit Dominic habe ich gefühlt drei Filme gedreht – faktisch aber gar keinen. Mit Jürgen Tarrach habe ich tatsächlich in der Zwischenzeit zweimal gedreht, er spielte zum Beispiel in meiner Reihe «Unter anderen Umständen» mit. Susanne, Catherine und Bruno habe ich ab und an auf Empfängen und Veranstaltungen getroffen. Wir alle haben uns als Ensemble nie mehr getroffen und schon gar nicht zusammengearbeitet. Aber wie es in Systemen ist – das Grundprinzip bleibt bestehen, der Rest ist Zeit, Herz und Nähe.

Im Mai gab es die Reunion von «Friends», der wohl bekanntesten Sitcom aller Zeiten. Alle Darsteller waren sehr emotional, als sie wieder das Set der Serie betraten. Wie erging es Ihnen am ersten «Um die 50»-Drehtag?
Ich fand die Reunion von «Friends» sehr ‚amerikanisch emotional‘ – mir persönlich zu viel Zuckerguss und zu vorhersehbar im Narrativ. Abgesehen von der Tatsache, dass die Männer jeder auf seine Art gealtert sind, die Frauen aber auf wundersame Weise gar nicht. Da sind wir doch als Gruppe etwas homogener (lacht). Der einzige gemeinsame Drehtag bei uns war der auf der Bowlingbahn, die auch noch derselbe Drehort war wie damals. Das war dann der Höhepunkt der Zeitreise. Gleicher Ort, dieselben Menschen, neue Fragen und die eine blieb unbeantwortet: Wo sind diese 26 Jahre?

26 Jahre sind gewiss keine kurze Zeit seit dem Beginn der Serie. Was hat sich seitdem in Ihrer Arbeit verändert? Hat sich möglicherweise Ihre Einstellung zum Beruf verändert?
Ich habe festgestellt, dass ich damals keine Ahnung hatte, was es heißt, mit diesem Beruf zu leben. Welchem Lebensrhythmen man ausgeliefert ist, wieviel Fremdbestimmung das mit sich bringt. Wie viel Leidenschaft dieser Beruf einfordert und was er zurückgibt. Ich hatte mich damals in den Beruf verliebt und daraus ist eine sehr tiefe und kompromisslose Liebe entstanden, über die ich sehr glücklich bin.

In «Um die 50» geht es um Veränderung, Trauer und Trennungen. Rückblickend auf ihr bisheriges Leben, in welcher Zeit gab es für Sie die größten Veränderungen?
Mein Leben hat so viele Veränderungen, Überraschungen und Herausforderungen mit sich gebracht, dass ich das nicht abschließend mit einer Rückwärtsgewandheit beantworten kann. Mein Leben hat an Dynamik nichts verloren, sondern eher das Gegenteil ist wahr: Ich habe das Gefühl es wird immer komplexer und schneller und damit auch fordernder. Jeder Tag ist anders und will verstanden und gelebt und umarmt werden – in guten wie in schlechten Zeiten.

Sehen Sie Veränderung als etwas Positives oder Negatives an? Bedeutet Veränderung auch immer Fortschritt?
Das unterliegt so sehr einem individuellen Wertesystem – das kann und soll jeder für sich einordnen. Ich kann für mich sagen, dass ich die schlimmsten Krisen als Chance anerkannt habe zu wachsen – für mich und über mich hinaus. Mal ist es mir gelungen, mal nicht. Das Leben im Vergleich habe ich schon lange abgelegt, das macht nur unglücklich. Wenn ich mich vergleiche, dann vergleiche ich mich – im Lauf und im Spiegel der Zeit – mit mir selbst und frage mich: Bin ich großzügiger geworden? Und wenn ich das nicht bejahen kann, dann fange ich an mit mir zu streiten. (lacht)

Im Frühjahr standen Sie für «Die Welt steht still» vor der Kamera. Der Spielfilm greift die Corona-Pandemie nicht nur auf, sondern stellt das Thema in den Mittelpunkt. Waren die Dreharbeiten und die Vorbereitungen darauf sehr belastend?
Sie waren in jeder Form anders. Es war, wie wenn man sich selbst durch ein Schlüsselloch beobachtet. Was macht die Pandemie mit mir? Als Privatperson, Mutter, Bürgerin, Schauspielerin? Wie gehe ich mit meinem Beruf um, den es – gefühlt – für eine gewisse Zeit gar nicht mehr gab und der jetzt unter Pandemiebedingungen ein anderer ist. Wie dreht man unter Pandemiebedingungen überhaupt. Der Film ist sehr intensiv und besonders geworden – ich bin auf diese Gesamtleistung stolz und ich sage das nicht leichtfertig.

Blicken Sie seitdem mit anderen Augen auf die Pandemie?
Ich blicke mit vollkommen anderen Augen auf Ärzte, Pflegepersonal und Seelsorger und bin voller Hochachtung ob des Dauermarathons, den diese Berufsgruppe bewältigt, ohne genug gewürdigt zu sein.

Eine Frage zum Abschluss: Welches Alter mögen sie lieber, um die 30 oder um die 50 Jahre?
Ich wäre nicht die um die 50erin, die ich heute bin, wenn ich nicht die um die 30erin gewesen wäre, die ich damals war. In anderen Worten: Ich bin sehr authentisch mit mir und habe einen aufgeräumten Blick in den Rückspiegel. Wir alle sollten das Narrativ ändern und das Älter-werden nicht dauerproblematisieren, vor allem an Stellen, in denen es darum geht, das Potential der eigenen Strahlkraft nicht zu unterminieren. Frauen können strahlen und werden interessanter und Männer ebenso. Das gelebte Leben und ein offenes Herz sind für mich die schönsten Zeichen, die dieses große Geschenk „Leben“ beinhaltet. Carpe Diem und Liebe!

Frau Wörner, vielen Dank für das Gespräch!

Natalia Wörner ist in «Um die 50» am Montag, 30. August, um 20:15 Uhr im ZDF zu sehen und schon jetzt in der Mediathek abrufbar. «Um die 30», die Miniserie von 1995, ist dort dann auch ab Montag zu finden.

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