Die Kritiker

«Goldjungs»

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Die Pleite der Herstatt Bank in Köln gilt als die erste große Bankenpleite der deutschen Nachkriegszeit. 1974 verzockte das Geldinstitut über eine Milliarde Mark und musste Konkurs anmelden. Ein Bankencrash lässt sich im Grunde nur auf zwei Arten verfilmen. Als Drama. Oder als Komödie. Im Ersten hat man sich für die zweite Variante entschieden.

Stab

DARSTELLER: Michelle Barthel, Tim Oliver Schultz, Ulrich Friedrich Brandhoff, Jan Krauter, Waldemar Kobus, Leslie Maron, Martin Brambach, Judith Engel, Bettina Stucky
REGIE: Christoph Schnee
BUCH Eva und Volker A. Zahn
KAMERA: Armin Golisano
SCHNITT: Günter Schultens
TON: Hank Trede
SZENENBILD: Julian Augustin
REQUISITE: Jan Rott
MASKE: Jenny Proscheng, Sabine Muschalek
PRODUCER: Daniel Mann
PRODUZENTEN: Michael Souvignier, Till Derenbach, Uwe Kersken
Zunächst einmal hat die Verfilmung der Pleite mit der Realität wenig zu tun. Die meisten Namen, darauf weist schon der Vorspann hin, sind frei erfunden. Der Begriff „Goldjungs“ aber, der machte 1974 die Runde in westdeutschen Landen. Die Goldjungs waren die Bösenspekulanten des Hauses. Vergleichweise junge Banker, die mit riskanten Geschäften zeitweise höchst erfolgreich Ruhm und Reichtum der Bank mehrten, bis unter anderem die Ölkrise ihre oft hoch riskanten Geschäfte zusammenbrechen ließ.

Was es mit all diesen Geschäften auf sich hat, davon hat Marie Breuer an dem Tag, an dem sie ihre Stelle als Sekretärin in dem Bankhaus antritt, keine Ahnung. Marie glaubt vielmehr, das große Los gezogen zu haben. Ihre Mutter arbeitet als einfache Schneiderin in einem Vorort Kölns. Allerdings hat sie eine prominente Kundin: Irene Gerling, Ehefrau des Millionärs Hans Gerling, dem eigentlichen, allerdings nur im Hintergrund agierenden Eigentümer der Herstatt Bank. Irene Gerling höchstselbst hat für Maries Anstellung gesorgt und das nicht irgendwo. Sie wird Ferdinand von Broustin zugeteilt, einem der Direktoren des Hauses. Doch kaum ist Irene hinfort, wird Marie mit der Realität konfrontiert: „Nennen Sie mich doch einfach Herr Baron“, heißt es da und Marie, die ihre Ausbildung mit Auszeichnungen bestanden hat, darf ihrem neuen Chef erst einmal einen Kaffee kochen.

Immerhin erhält Marie einen Einblick in die Führungsetagen, denen Iwan D. Herstatt vorsteht, ein Mann, der nicht nur beste Kontakte zur Industrie und Politik hegt: er ist das Geldhaus Kölns, ein Geldhaus mit einer langen Tradition. Dass Iwan an plötzlichen Schlafattacken leidet und im Grunde abgehoben über den Dingen schwebt, … der Blick hinter die Kulissen ernüchtert Marie. Allerdings gibt es da diese eine Ausnahme – und das sind die Goldjungs, eine Gruppe junger Börsenhändler, die so gar nicht in die spröde Welt bundesrepublikanischer Bankenherrlichkeit, in der sehr viel Wert auf Etikette gelegt wird, passen will. Die Goldjungs fahren Porsche, tragen lange Haare, bevorzugen coole Klamotten und verachten das klassische Bankertum wie jenes, das der Herr Baron repräsentiert. Sie sind die Rockstars des Unternehmens und ihr Chef ist Mick Sommer. Mick ist gut aussehend, lässig. Und er wirft einen Blick auf Marie. Die sich tatsächlich auf eine Affäre mit ihm einlässt. Mick führt sie in die Kölner „Geldszene“ ein, man kokst zusammen, feiert, trinkt Champagner.

In diesem Umfeld wirkt ein Mann wie eine Anomalie: Uwe Lennartz heißt er und er ist der Chef-Buchhalter des Bankhauses. Vor allem aber ist er der eine Mann, der vor den Geschäften der Goldjungs warnt. Gerade deren Wetten auf fallende Dollar-Preise missfallen ihm, da all das mit seriösem Wirtschaften nichts zu tun hat. Auch fallen ihm Unregelmäßigkeiten in den Geschäften der Goldjungs auf. Wenn es jedoch darum geht, Unregelmäßigkeiten zu vertuschen, sind sich die nonkonformistischen Goldjungs und ein Mann des konservativen Geldbetriebes wie der Herr Baron plötzlich doch wieder ganz nah und arbeiten Hand in Hand, um Lennartz auflaufen zu lassen.
Bis erste Pfeiler der riskanten Geldgeschäfte der Goldjungs anfangen einzubrechen.

«Goldjungs» ist zweifelsohne unterhaltsam, 1974 hätte man die „flotte“ Inszenierung gelobt, die sich keinen Stillstand erlaubt. Die Ausstattung ist gelungen. «Goldjungs» ist ein Mittwochsfilm der Degeto und kein großer Eventfilm. Das Budget bleibt dementsprechend im öffentlich-rechtlichen Sparrahmen. Daher sind es die vielen kleinen Details, die das Jahr 1974 wieder aufleben lassen, und sei es nur in Form eines Kaffeeservices, das Marie in Händen hält, um die Herren des Hauses zu bedienen - und in dem die frühen 1970er Jahre ihren Widerschein finden. Fährt dann hin und wieder einmal ein alter, hellblauer Ford Taunus durch eine Straße, ist die Illusion auch schon fast perfekt. Den Rest erledigen Kleidung und Frisuren, die recht genau den Look der Zeit treffen.

Auch auf Seiten der Schauspieler gibt es nichts zu bemängeln. Michelle Barthel ist Marie und als solche der Mittelpunkt des fiktionalisierten Geschehens. Ihr zurückhaltendes Spiel macht es leicht, sich mit ihr zu identifizieren – und die Welt durch ihre Augen zu sehen. Sie ist kein Goldmädchen, sie ist kein Mitglied der Führungsetage. Sie ist eine junge Frau, die eher zufällig in diesen Dunstkreis geraten ist. In ihrem zurückhaltenden Spiel gibt sie den Zuschauern ihre Augen und Ohren als Beobachterin des Wahnsinns. Der heimliche Star der «Goldjungs» ist Tim Oliver Schultz in der Rolle des Mick. Als Anführer der Banken-Rocker ist Mick großspurig, von sich eingenommen, ein Hedonist. Aber: Mick ist in Schultz' Darstellung nicht unsympathisch. Im Konzert der Geldbeschaffer ist er eine Außenseiterstimme, die man gerne hört, wenn es darum geht, das Geld zu mehren. Als Mensch mit einer schwierigen Herkunftsgeschichte aber bleiben ihm letztlich die Türen der oberen Etagen verschlossen. Er darf Geld verdienen, er darf seinen Hedonismus frönen, aber er wird nie aus seinem Keller, in dem er mit seinen Jungs seine Geschäfte abwickelt, hinauskommen. Eine gewisse Tragik ist der Figur nicht abzusprechen.

Auch Iwan D. Herstatt ist eher ein tragischer Charakter. Waldemar Kobus verkörpert den Bank-Präsidenten als kölsches Urgestein, dem nun wirklich keine sinistren Absichten irgend einer Art unterstellt werden könnten. Im Gegenteil, wahrscheinlich ist dieser ältere Herr – Waldemar Kobus' Spiel lässt gar keine andere Interpretation zu – sogar ein ehrlicher Kaufmann, dem nichts ferner liegt als ein großangelegter Betrug. Nur lebt er nicht mehr ganz in dieser Welt. Er ist Kölns kleiner König, ein Mann um die 60, der sich lieber um den Karneval kümmert als um sein Bankhaus – das dank seiner Goldjungs mehr als gut läuft. Er lässt die Jungs halt machen. Sie wissen schon, was sie tun.

Oder eben auch nicht.

Das sind die positiven Aspekte des Spielfilms. «Goldjungs» krankt allerdings an seiner eher zahmen Inszenierung. In der Story, die Regisseur Schnee hier erzählt, steckt so viel mehr als er auf den Bildschirm projizieren kann. Was natürlich dem eher engen Budgetkorsett geschuldet ist. Eine Geschichte über schnelles Geld und Größenwahn schreit nach schnellen Montagen, nach schnellen und häufigen Szenenwechseln, vielleicht auch ein Stück weit nach Wahnsinn. Diesbezüglich kann «Goldjungs» aber eben nicht aus seinem Mittwochs-Spielfilmformat ausbrechen. Man stelle sich vor, ein Helmut Dietl hätte sich dieser Story fürs Kino mit einem Kino-Budget angenommen. Oder im Hause Degeto hätte man sich einfach getraut, aus dem Stoff eine Miniserie zu machen, drei, vier Teile, anständig budgetiert für den internationalen TV- und Streamingmarkt.

An diesem Punkt aber hat man sich doch für die kleine, teutonische Variante entschieden. Die ohne Zweifel unterhält. Die aber eben doch nur an der Oberfläche einer wahrlich wahnwitzigen Geschichte kratzen kann.

«Goldjungs» läuft am Mittwoch, 05. Mai, 20.15 Uhr im Ersten.

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