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Vom Helden zum umstrittenen CEO: Was ProSiebenSat.1 zur Zeit umtreibt

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Personalwechsel in der Führungsetage, zunehmende Kritik an Max Conze. Die ruhigen Zeiten bei ProSiebenSat.1 sind längst wieder vorbei. Dabei wäre Ruhe in Zeiten der Transformation so wichtig. Wo die Gruppe zur Zeit gut da steht, wo sie nacharbeiten muss...

Es rumort dieser Tage gewaltig in Unterföhring bei München. Wurde die Unsicherheit und Unzufriedenheit der Belegschaft zuletzt noch übertönt von den zahlreichen Personalwechseln beim Konkurrenten aus Köln, sind die Scheinwerfer nun wieder vermehrt auf ProSiebenSat.1 gerichtet. Vergangene Woche wurde bekannt, dass gleich zwei Vorstände das Unternehmen verlassen. Jan Kemper und Sabine Eckhardt. Als wäre das noch nicht Eruption genug, verschärfte auch ein Bericht des manager-magazin die Lage. Der Artikel ist spannend und pikant gleichermaßen. Nicht näher genannte Führungskräfte sollen Max Conze schwer angezählt haben.

In der Kritik: unter anderem sein Verhandlungsgeschick – es steht der Vorwurf im Raum, er habe das Verhältnis zu den Hollywoodstudios schwer beschädigt. Seine Ideen, etwa ein Großraumbüro für Führungskräfte, kommen ebenso wenig gut an, wie vermeintliche Schlussformulierungen in internen E-Mails („Get that Shit Done!“). Der Kernpunkt ist dabei gar nicht mal so sehr, ob alle diese Infos stimmen oder ob manches zugespitzt nach außen getragen wurde. Kernpunkt ist viel mehr, dass die Presse wohl von irgendwem mit Infos gefüttert wird – mit dem Ziel, Conze zu schädigen. Das ist erstaunlich, wurde Conze doch noch vor neun Monaten regelrecht gefeiert, weil er Vieles anders machte als der sehr strenge Vorgänger Thomas Ebeling. Der hatte lange Zeit wegen guter Gewinne ein Stein im Brett bei den Analysten, unter denen, die Fernsehen lieben und für das Medium brennen, war er aber nie wirklich gern gesehen.

Aktienwerte ProSiebenSat.1 Media SE

  • Januar 2016: 44,98 Euro
  • Juni 2016: 44,51 Euro
  • Januar 2017: 38,24 Euro
  • Juni 2017: 38,40 Euro
  • Januar 2018: 29,55 Euro
  • Juni 2018: 25,26 Euro
  • Januar 2019: 14,55 Euro
  • Februar 2019: 15,55 Euro
Jetzt ist es Conze selbst, der sich aus der Kritik manövrieren muss. Ehemals für den Technologie-Konzern Dyson arbeitend, hat er in manchen Medien immer noch den Ruf des Staubsauger-Herstellers weg. Das mag unfair sein, wird sich aber so lange nicht ändern, bis er mit der ProSiebenSat.1 Media SE, die er bald im zweiten Jahr führt, einen erheblichen Schritt gemacht hat. Zweifelsfrei ist das genau im Jahr 2019 schwierig. Aber Conze selbst hat die Messlatte hochgelegt.

Die zuletzt auf Talfahrt gegangene Aktie des Konzerns hat sich nicht gefangen. Conze gab derweil das Ziel aus, den Umsatz seiner Firma binnen fünf Jahren von vier auf sechs Milliarden Euro hochtreiben zu wollen. Der Gewinn vor Steuern soll in fünf Jahren sogar um die Hälfte steigen – auf rund 1,5 Milliarden Euro. Um das zu erreichen, müsse zunächst aber investiert werden. So weit, so verständlich.

Nur wohin steuert die Gruppe wirklich? Das ist selbst innerhalb der Firma so unklar, dass eine außerordentliche Mitarbeiterversammlung seitens des Betriebsrats einberufen wurde. Nicht zuletzt hätte besagter Artikel im Manager-Magazin Fragen aufgeworfen. Nur einige, wenige Fakten darüber, wie sich ProSiebenSat.1 im deutschen TV-Segment aufstellen will, sind wirklich schon bekannt. Im Sommer wird der neue „Streaming-Champion 7TV“, der gemeinsam mit Discovery entsteht, gelauncht. Conze sieht den Dienst als eine Art deutsches Hulu, möchte auch andere Medienunternehmen mit an Bord holen.

Jahresumsätze ProSiebenSat.1 Media SE

  • 2015: 3,261 Mrd. Euro
  • 2016: 3,799 Mrd. Euro
  • 2017: 4,078 Mrd. Euro
  • Halbjahreswert 2018: 1,794 Mrd. Euro (Halbjahreswert 2017: 1,872 Mrd. Euro)
Zahlen aus den Geschäftsberichten von ProSiebenSat.1 Media SE
Seine großen Privatsender sollen künftig mehr eigene Ware herstellen. Doch das funktionierte zuletzt nicht ausreichend. Die Liste der Flops der beiden großen Sender Sat.1 und ProSieben ist lang. Beim Bällchensender läuft der aus einem mehr oder weniger gut gemachten Magazin und einer netten Vorabendrateshow so schlecht wie noch nie in der Senderhistorie. Wirklich innovative Ideen vermisst man dort ebenso wie bei ProSieben. Dort ist die einst durch Stefan Raabs TV-Rente geschlossene Lücke weiterhin nicht geschlossen. «The Big Bang Theory», «The Voice of Germany» und «Germany’s Next Topmodel» sind trotz inzwischen beträchtlicher Staffelanzahl immer noch die größten Zuschauermagneten. Besagte Sitcom füllt auch zahlreiche weitere Zeitschienen – noch mit Erfolg. An eine Zeit, in der das mal nicht mehr so ist, wird man bei ProSieben gar nicht denken wollen. Mit dem Produktionsende in den USA in diesem Jahr wird diese Zeit aber kommen.

Sat.1 und ProSieben zusammen werden im Februar in der klassischen Zielgruppe 14-49 irgendwo bei rund achtzehneinhalb Prozent Marktanteil liegen. Der kleine Sender kabel eins entwickelte sich zuletzt gut und schaffte sein Ziel, auf über fünf Prozent zu kommen. Den Rest richten die Spartenkanäle, sodass die Sendergruppe weiterhin bei um die 28 Prozent ankommen wird. Ein ordentliches Ergebnis. Verglichen mit März 2018 (Februar war Olympia-Monat) stehen ProSieben und Sat.1 sogar deutlich besser da. Im dritten Monat des Vorjahres verfehlten die beiden großen Sender zusammen die 18-Prozent-Marke, kabel eins lag noch unter fünf Prozent.

Dass die Entwicklung des Konzerns und die Personalie Conze so kritisch gesehen wird, dass gar suggeriert wird, der angeblich im vergangenen Jahr ebenfalls zur Verfügung gestandene Ex-RTL-Group-Chef Gerhard Zeiler wäre möglicherweise eine bessere Wahl gewesen, überrascht schon. Es lässt auf der anderen Seite aber auch tief blicken. Max Conze hat derweil schon reagiert. Mit Michaela Tod soll sich künftig eine ehemalige Dyson-Mitstreiterin um die Entertainment-Säule der Gruppe kümmern. Sie habe Dyson in Japan von Start-Up-Größe in eine 1.500-Mitarbeiter-Firma geführt.

Die Personaldebatten lösen aber die zentrale Frage nicht. Welche Schwerpunkte legt ProSiebenSat.1 in den kommenden Jahren im Fernsehen? Wie schnell lässt sich der Wunsch nach mehr lokalen Produktionen wirklich umsetzen? Was tut der Konzern, damit seine Angebote – linear wie digital – allgemein wieder mehr Aufmerksamkeit bekommen? Was ist wirklich dran an dem Wunsch, auch wieder mehr in Nachrichten zu investieren und somit auch der gesellschaftlichen Aufgabe eines großen Medienhauses gerecht zu werden?

Fraglos: In vielen Bereichen sind noch Scherben aus der vergangenen und maximal gewinnorientierten Zeit zu finden. „Get the Shit done“ mag in diesem Zusammenhang also ein passender Ausspruch sein. Doch die generelle Verunsicherung derer, die eigentlich das kreative Zentrum der Firma sein sollen, lässt sich so leicht eben nicht beheben. Das kann lähmend und gefährlich sein: Jetzt, im Frühjahr, werden doch die Weichen für die kommende Saison gestellt. Jetzt müsste man ganz besonders die Augen nach dem nächsten TV-Knüller offen halten. Jetzt müssten Meetings abgehalten werden, die vor Kreativität nur so strotzen. Zumindest das manager-magazin suggeriert, dass sich an manchen Stellen mit ganz anderen und sehr eigenen Problemen befasst wird.

Wen freut es? Wohl die Mediengruppe RTL Deutschland, ebenfalls mitten in einem heftigen Umbruch. Der sieht – rein von außen betrachtet – aber zielgerichteter und strukturierter aus.

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