Die Kritiker

«Tatort - Könige der Nacht»

von

Der neue «Tatort» aus Zürich dringt tief in sonst unsichtbare Milieus vor. Ein Film, der viel will, und dabei auch erstaunlich viel kann.

Stab

Darsteller: Carol Schuler, Anna Pieri Zuercher, Rachel Braunschweig, Aaron Arens, Igor Kovac, Nambitha Ben-Mazwi
Musik: Mirjam Skal
Kamera: Tobias Dengler
Drehbuch: Mathias Schnelting
Regie: Claudio Fäh
Die meisten «Tatort»-Folgen nehmen sich sichtbar mehr vor, als nur als solide Krimikost daherzukommen: Sie wollen bekanntermaßen nicht nur einen Fall erzählen, sondern gleich ein ganzes Geflecht aus Gegenwart, Moral und politischer Wirklichkeit ausleuchten. «Tatort – Könige der Nacht» gehört zweifellos in diese Kategorie. Und wie so oft bei ambitionierten Krimis liegt die Wahrheit irgendwo zwischen bewundernswerter Ernsthaftigkeit und einer gewissen Überfrachtung.

Der Einstieg erfolgt wirkungsvoller als vielfach am Sonntagabend im Ersten zu beobachten: das nächtliche Zürich, eine scheinbar banale Pizzalieferung, dann der eine Blick zu viel. Dass die illegale Einwanderin Nambitha Ben-Mazwi als Moya Alemu zur zentralen Figur wird, ist eine kluge Entscheidung. Ihr Charakter trägt den Film emotional, und das nicht durch große Gesten, sondern durch ein permanentes, stilles Zittern – ein Leben im Schatten, in dem jede falsche Bewegung existenzbedrohend sein kann. Diese Perspektive verleiht dem Film eine Dringlichkeit, die über den klassischen Whodunit deutlich hinausgeht.

Das Drehbuch von Mathias Schnelting setzt schnell klar auf politische Reibung. Ausbeutung, Migration, rechtliche Grauzonen – das alles ist nicht bloß Hintergrundrauschen, sondern treibende Kraft der Handlung. Dabei gelingt es dem Film durchaus, strukturelle Kälte sichtbar zu machen, ohne sofort in einen plakativen Anklageton zu verfallen. Allerdings schleichen sich gerade im letzten Drittel der Laufzeit Momente ein, in denen die Botschaft etwas zu deutlich ausgesprochen wird, als traue man dem Publikum nicht ganz, die Zusammenhänge selbst zu erkennen.

Inszenatorisch bringt Regisseur Claudio Fäh eine spürbare Routine aus dem internationalen Genrekino mit. Seine erste «Tatort»-Arbeit ist sauber, effizient und immer wieder überraschend dynamisch. Die Thriller-Elemente – Verfolgungen, Bedrohungssituationen, das Gefühl permanenter Unsicherheit – sind präzise gesetzt und verleihen dem Film eine Spannung, die über weite Strecken trägt. Gleichzeitig bleibt die Inszenierung manchmal etwas zu glatt, fast zu kontrolliert, als würde sie den raueren, chaotischeren Aspekten der Geschichte nicht ganz vertrauen.

Das Zusammenspiel der Ermittlerinnen, gespielt von Carol Schuler und Anna Pieri Zuercher, ist derweil mittlerweile so vertraut, dass es kaum noch erklärender Dialoge bedarf. Gerade in den ruhigeren Momenten zeigt sich die Stärke dieses Duos: Blicke, kurze Bemerkungen, ein gemeinsames Schweigen – hier entsteht eine Authentizität, die vielen Krimireihen fehlt. Dass der Film ihre Professionalität betont, statt sie in private Nebenhandlungen zu verstricken, wirkt dabei angenehm fokussiert.

Der Fall selbst – zwischen ermordetem Sexarbeiter, wohlhabendem Richter und tödlichem Unfall – ist komplex genug, um Interesse zu wecken, ohne unübersichtlich zu werden. Doch was «Könige der Nacht» besonders macht, ist sein Blick auf Unsichtbarkeit. Figuren wie Moya existieren in Parallelwelten, die zwar mitten in der Gesellschaft liegen, aber kaum wahrgenommen werden. Der Film schafft es, diese Unsichtbarkeit fühlbar zu machen – nicht als abstraktes Konzept, sondern als konkrete Bedrohung. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Vielzahl an Themen – Migration, Prostitution, Machtmissbrauch, Polizeiarbeit – dem Film am Ende nicht etwas die Luft nimmt. Man hätte sich stellenweise mehr Konzentration gewünscht, weniger gleichzeitige Baustellen.

Und doch: Trotz kleinerer Überdehnungen bleibt ein positiver Eindruck. «Tatort – Könige der Nacht» ist kein perfekter Film, aber ein ernsthafter Versuch, Genreunterhaltung mit gesellschaftlicher Relevanz zu verbinden. Er will etwas – und er riskiert dabei auch, gelegentlich zu viel zu wollen. In einer Fernsehlandschaft, in der Routine oft zur Komfortzone wird, ist das immerhin ein Wert an sich.

Der Film «Tatort – Könige der Nacht» wird am Montag, den 3. Mai um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

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