Die Kritiker

«The Kollective»

von

Ein Flugzeugabsturz im Kongo lässt einen Haufen Investigativ-Journalisten zusammenrücken: auf der Recherche nach dem großen Skandal, in der neuen ZDFneo-Serie.

Es beginnt mit einem Absturz – und endet in einem Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Die sechsteilige internationale Thrillerserie «The Kollective» ist ein ebenso politisch wacher wie emotional aufgeladener Blick auf den Zustand unserer Welt. Denn was wie ein klassischer Investigativthriller anhebt, entfaltet sich rasch zu einem vielschichtigen Drama über Verantwortung, Macht und die Zerbrechlichkeit journalistischer Ideale.

Im Zentrum steht der junge Reporter Joshua, gespielt von Gregg Sulkin, dessen Mischung aus Idealismus und innerer Unruhe der Serie ihren Herzschlag gibt. Als der britische Journalist Steve Lush bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz im Kongo ums Leben kommt, wittert Joshua mehr als nur ein tragisches Unglück. Der Fall trifft ihn persönlich – sein Vater starb vor zwanzig Jahren unter ähnlichen Umständen. Was folgt, ist keine bloße Spurensuche, sondern ein existenzieller Kraftakt.

Dass «The Kollective» mehr ist als ein konventioneller Politthriller, liegt maßgeblich am Drehbuch. Denn die Autoren verweben globale Machtinteressen mit intimen Konflikten innerhalb eines Recherche-Netzwerks, das sich zwischen Unabhängigkeit und Einfluss behaupten muss. Die titelgebende Kollektiv-Gruppe – Delia (Céline Buckens), Etienne (Grégory Montel), Lucas (Gijs Blom) und Aaron (Felix Mayr) – ist kein eingeschworenes Heldenteam, sondern ein fragiles Geflecht aus Eitelkeiten, Loyalitäten und Zweifel. Gerade diese Reibungen verleihen der Serie ihre Glaubwürdigkeit.

Als Joshua sich entschließt, ohne Rückendeckung der Kollective nach Kinshasa zu reisen, verschiebt sich der Ton. Die kongolesischen Schauplätze werden dabei nicht als exotische Kulisse, sondern als politisch aufgeladener Raum inszeniert. Die Kamera von Robrecht Heyvaert arbeitet mit staubigen Lichtkegeln, engen Bildausschnitten und einer nervösen Beweglichkeit, die die permanente Bedrohung spürbar macht. Man meint, den Atem anzuhalten, wenn Joshua auf die Informantin Claude (eindringlich: Martha Canga Antonio) trifft und Videos sichtet, die Folterungen in Coltan-Minen dokumentieren.

Hier wird «The Kollective» gleichsam eindrucksvoll politisch – und zwar ohne plakativ zu werden. Die Serie legt den Finger in offene Wunden: Rohstoffausbeutung, internationale Einflussnahme, Wahlmanipulation. Der Schatten russischer Söldner, das Ringen um die Verstaatlichung der Minen durch Senator Lusamba (charismatisch und ambivalent: Ralph Amoussou) – all das ist erschreckend nah an der Realität. Zugleich bleibt der Fokus stets auf den Figuren, auf ihren moralischen Dilemmata. Besonders eindrucksvoll gerät Natascha McElhone als erfahrene Journalistin Maya, die zwischen Konzerninteressen und persönlicher Integrität laviert. Ihre Szenen gehören zu den stärksten der Serie.

Was diese Serie durchwegs so besonders macht, ist derweil ihr Vertrauen in die Intelligenz des Publikums. «The Kollective» erklärt nicht, sondern zeigt. Die Serie moralisiert nicht, sie konfrontiert. Und sie erlaubt sich Zwischentöne: Zweifel an der eigenen Mission, Konflikte zwischen Nähe und Professionalität, die Frage, wie viel Wahrheit ein Netzwerk verträgt. In einer Medienwelt, in der Klickzahlen oft über Inhalte entscheiden, wirkt diese Serie wie ein leidenschaftliches Plädoyer für gründliche Recherche und persönliche Haltung.

Am Ende bleibt kein triumphaler Sieg, sondern ein Gefühl von Dringlichkeit. Der auslösende Absturz ist nicht nur der eines Flugzeugs, sondern der von Gewissheiten. Dass diese Free-TV-Premiere im Februar 2026 nun einem breiten Publikum zugänglich wird, ist ein Glücksfall. Denn «The Kollective» ist spannendes Erzählkino im Serienformat – klug, atmosphärisch dicht und von beeindruckender internationaler Qualität: eine Serie, die nachhallt. Und die daran erinnert, dass Journalismus – wenn er ernst genommen wird – immer auch ein Wagnis ist.

Sechs Folgen von «The Kollektive» werden sonntags ab dem 15. Februar in Doppelfolgen um 20.15 Uhr in ZDFneo ausgestrahlt.

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