Man kann «Unfamiliar» nicht sehen, ohne sofort zu merken, wie sehr diese Serie weiß, was sie sein möchte. Und wie sehr sie gleichzeitig Angst davor hat, es wirklich zu sein. Das ist kein Vorwurf, eher eine Zustandsbeschreibung – eine, die erstaunlich gut zu einer Geschichte über Menschen passt, die sich selbst seit Jahren verbergen.Die neue deutsche Netflix-Serie erzählt von Simon und Meret, einem ehemaligen Agentenpaar, das in Berlin ein Safe House betreibt. Menschen, die verschwinden müssen, verschwinden hier. Namen wechseln, Identitäten werden ausradiert, Vergangenheiten abgeschüttelt wie ein alter Mantel. Natürlich funktioniert das nicht lange. Natürlich kommt alles zurück. Natürlich eskaliert es. «Unfamiliar» weiß genau, dass wir das wissen – und spielt genau mit dieser Erwartung.
Was zunächst wie ein klassischer Spionage-Thriller wirkt, entpuppt sich schnell als etwas anderes: als Beziehungsserie im Gewand des Genres. Oder genauer: als Serie über eine Beziehung, die nie aufgehört hat, ein Einsatz zu sein. Simon und Meret sind nicht nur ein Paar, sie sind ein System. Und wie jedes System, das zu lange unter Druck stand, beginnt es, allmählich Risse zu zeigen.
Felix Kramer und Susanne Wolff tragen diese Konstellation mit einer Ernsthaftigkeit, die man im deutschen Serienfernsehen nicht immer bekommt. Hier wird nicht gespielt, hier wird verhandelt: Nähe gegen Kontrolle, Loyalität gegen Wahrheit. Die stärksten Momente von «Unfamiliar» sind nicht die Verfolgungsjagden, nicht die Schießereien, nicht die Agenten, die mit bedeutungsschwerem Blick im Schatten stehen. Es sind die stillen Szenen. Die Blicke. Die Pausen. Die Gespräche, in denen mehr verschwiegen als gesagt wird.
Berlin dient dabei weniger als Kulisse denn als Resonanzraum. Beton, Dunkelheit, Zwischenräume. Diese Stadt wirkt hier nicht hip oder cool, sondern müde, überlagert, durchzogen von Geschichten, die niemand mehr hören will. Das passt. Und es ist einer der größten Pluspunkte der Serie, dass sie Berlin nicht erklären will. Sie benutzt die Stadt vielmehr so, wie ihre Figuren sie erleben: funktional, anonym, gefährlich.Und doch kommt «Unfamiliar» immer wieder an den Punkt, an dem man merkt, dass hier eine Netflix-Serie erzählt. Dass gewisse Beats eben gesetzt werden müssen. Dass gewisse Figuren bestimmte Rollen erfüllen sollen. Finstere Antagonisten bleiben finster, der deutsche Geheimdienst bleibt undurchsichtig, Gewalt bleibt sauber genug, um international anschlussfähig zu sein. Die Serie kennt ihre Vorbilder – manchmal zu gut. Man spürt förmlich, wie sie zwischen Eigenständigkeit und algorithmischer Verwertbarkeit balanciert.
Das ist schade, weil «Unfamiliar» immer dann am besten ist, wenn sich die Serie Zeit nimmt. Wenn sie dem Genre misstraut. Wenn sie zulässt, dass Spannung nicht aus Action, sondern aus emotionaler Unsicherheit entsteht. Leider traut sie sich nicht konsequent genug, diesen Weg bis zum Ende zu gehen. Stattdessen kehrt sie immer wieder zu vertrauten Mustern zurück – vielleicht aus Angst, sonst „zu deutsch“, „zu leise“ oder „zu sperrig“ zu wirken.
Und trotzdem: Diese Serie bleibt hängen. Nicht wegen ihrer Plot-Twists, sondern wegen ihres Tons, wegen dieses latenten Unbehagens, das sich einstellt, wenn man merkt, dass hier niemand wirklich sicher ist – nicht vor äußeren Feinden und schon gar nicht vor sich selbst. «Unfamiliar» ist keine Serie, die man binge-watcht, um abzuschalten, sondern eine Serie, die man schaut und danach kurz innehält. Weil sie daran erinnert, dass Vertrautheit oft nur eine besonders gut geübte Tarnung ist.Vielleicht ist das ihr größtes Verdienst: dass sie nicht versucht, alles neu zu erfinden, sondern etwas Persönliches in ein bekanntes Format einzuschreiben. Das gelingt nicht immer. Aber oft genug, um zu zeigen, dass deutsches Serienfernsehen mehr kann als funktionales Erzählen. «Unfamiliar» ist keine Revolution, aber ein ernst gemeinter Versuch, das Genre von innen heraus zu befragen. Und das ist, gerade im Netflix-Kontext, alles andere als selbstverständlich.
Die Serie «Unfamiliar» ist ab Donnerstag, den 5. Februar, bei Netflix zu finden.







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