Die Kritiker

«Der schwarze Schwan»

von

Jan Josef Liefers scheint mit seiner Figur in diesem ZDF-Film nicht recht warm zu werden: und daran scheitert letzten Endes das gesamte Projekt.

Stab

Darsteller: Jan Josef Liefers, Stefanie Stappenbeck, Rike Schmid, Carmen-Maja Antoni, Winfried Glatzeder, Walter Kreye
Schnitt: Dirk Grau
Musik: Mario Grigorov
Kamera: Clemens Majunke
Drehbuch: Josef Rusnak
nach den Motiven der Romane von Elisabeth Herrmann
Regie: Josef Rusnak
Thriller, Berlin-Melancholie, eine Zeitreise in die Nachwende-Nacht – man hat den Eindruck, dieser Film greift nach all dem zugleich und hält es doch nur mit halber Kraft fest. In seinen besten Momenten entfaltet er dabei eine dunkle Sogwirkung, in seinen schwächeren versackt er dann aber genau dort, wo er eigentlich glitzern müsste: bei seiner Hauptfigur.

Die Ausgangslage ist klassisch, beinahe altmodisch gut: Ein Mann wacht neben einer Leiche auf, weiß von nichts und steht plötzlich unter Mordverdacht. Joachim Vernau, Berliner Anwalt, gespielt von Jan Josef Liefers, wird durch diese Nacht gejagt wie eine Figur aus einem zu spät entdeckten Noir-Roman. Berlin wird dabei zur Projektionsfläche für Schuld, Erinnerung und verdrängte Gewalt. Kamera (Clemens Majunke) und Musik (Mario Grigorov) arbeiten geschickt daran, diese Atmosphäre zu verdichten. Majunkes Bilder sind dunkel, körnig, oft schön, manchmal zu verliebt in ihr eigenes Nachtblau. Grigorovs Score legt sich wie ein permanentes Grollen unter die Handlung – wirkungsvoll, aber nicht immer subtil.

Das Drehbuch von Josef Rusnak versucht, die Geschichte auf zwei Zeitebenen zu erzählen: das heutige Berlin und das Berlin der Mauerzeit, ein Ort der Clubs, Bars und verlorenen Seelen. Hier liegt eine der Stärken des Films. Wenn sich Erinnerung und Gegenwart überlagern, wenn Tanzflächen zu Tatorten werden und die Stadt selbst zur Mitwisserin mutiert, dann hat «Der schwarze Schwan» tatsächlich etwas Eigenes. Auch die Nebenfiguren – etwa Stefanie Stappenbeck als Marie-Luise Hoffmann oder Carmen-Maja Antoni als Ingeborg Huth – bringen eine Erdung ins Spiel, die dem Film gut tut. Sie spielen präzise, zurückgenommen, ohne den Zwang, jede Szene an sich zu reißen.

Und dann ist da Jan Josef Liefers. Er ist das Zentrum dieses Films – und zugleich sein größtes Problem. Liefers spielt Vernau mit jener bekannten Mischung aus Lakonie und latentem Überdruss, die man von ihm kennt. Das ist nicht per se schlecht, wirkt hier aber erstaunlich unpassend. Ein Mann, der um seine Existenz rennt, der verzweifelt versucht, seine Unschuld zu beweisen, sollte mehr innere Spannung tragen. Liefers jedoch scheint oft, als stehe er neben sich, als kommentiere er die Figur von außen. Sein Spiel bleibt auf Distanz, fast selbstzufrieden, wo Verzweiflung, Panik oder zumindest Kontrollverlust nötig wären.

Besonders problematisch ist, dass Vernau als Figur kaum Entwicklung erfährt. Und Liefers hilft dem nicht nach. Er spielt Vernau von der ersten bis zur letzten Minute im selben Tonfall: getrieben und doch überlegen. Das mag im «Tatort»-Kosmos funktionieren, hier jedoch unterminiert es die Glaubwürdigkeit des Thrillers. Wenn Vernau flieht, glaubt man ihm die Angst nicht. Wenn er sucht, spürt man keine Obsession. Wenn er erinnert, bleibt alles an der Oberfläche. Der Film erzählt von verdrängten Traumata – Liefers spielt sie, als hätte er sie schon vor Jahren abgeheftet.

Das ist umso bedauerlicher, weil «Der schwarze Schwan» handwerklich vieles richtig macht: Die Rückblenden sind sauber gesetzt, die Spannungskurve bricht niemals völlig ein. Auch Rike Schmid als Juliane Halstenberg verleiht der abwesenden Zeugin eine merkwürdige Präsenz, die neugierig macht. Doch all das prallt immer wieder an der Hauptfigur ab, die emotional nicht andockt.

So bleibt «Der schwarze Schwan» ein Film mit Ambitionen, Atmosphäre und einigen starken Momenten – aber auch mit einem Hauptdarsteller, der sich zu sehr auf bewährte Routinen verlässt. Jan Josef Liefers spielt nicht schlecht, aber zu wenig. Und manchmal ist das schlimmer als ein klarer Fehlgriff. Man schaut zu, erkennt das Können, wartet auf den Bruch – und geht am Ende mit dem Gefühl, dass hier mehr möglich gewesen wäre.

Der Film «Der schwarze Schwan» wird am Montag, den 2. Februar, um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

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