Die Kritiker

«Tatort - Sashimi spezial»

von

Fahrradkuriere machen Ludwigshafen unsicher: Zeit, dass Ulrike Folkerts und Lisa Bitter da mal aufräumen. Klingt leider alles ziemlich lächerlich.

Stab

Darsteller: Ulrike Folkerts, Lisa Bitter, Camill Jammal, Rabea Lüthi, Ali Reza Ahmadi, Leonard Kunz
Musik: Cico Beck und Florian Kreier
Kamera: Eva Maschke
Drehbuch: Stefan Dähnert
Regie: Franziska Margarete Hoenisch
Es gibt diese Sonntage, an denen man sich fragt, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk heimlich einen Wettbewerb veranstaltet: Wer schafft es, gesellschaftliche Relevanz, moralischen Ernst und narrative Trägheit so zu vermengen, dass am Ende 90 Minuten herauskommen, die sich anfühlen wie eine doppelte Sondersitzung des Verkehrsausschusses? «Tatort - Sashimi Spezial» ist ein heißer Kandidat für Gold.

Die Ausgangsidee klingt nach Großstadt-Gegenwart: Ein Fahrradkurier wird von einem Lieferwagen überrollt. Unfall? Mord? Lena Odenthal und Johanna Stern wittern Vorsatz. Die Fehde zwischen Rad und Blechlawine, Lieferdruck und Selbstverwirklichungs-Start-up, das ganze urbanistische Elend in einem knackigen Zweizeiler. Doch was als pulsierender Krimi im Milieu der Fahrradkuriere beginnen könnte, gerinnt schnell zu einem bleiernen Lehrstück über „Systeme“, „Strukturen“ und „Zusammenhalt“.

Dass Johanna Stern nicht schnell genug schaltet, als der spätere Tote im Präsidium eine Selbstanzeige machen will, ist der dramaturgische Urknall. Leider verpufft er. Statt die Schuldfrage psychologisch auszuleuchten, wird sie in bedeutungsschweren Blicken und betretenem Schweigen konserviert. Lisa Bitter spielt das als Daueranspannung mit leicht glasigem Blick – man möchte ihr zurufen, einmal tief durchzuatmen oder wenigstens eine erkennbare Gefühlsregung jenseits des schlechten Gewissens zu riskieren.

Der Undercover-Einsatz bei den „Velopunks“ – einer selbstverwalteten Kuriertruppe zwischen Kollektivromantik und Marktzwang – hätte Drive bringen können. Doch was Regisseurin Franziska Margarete Hoenisch daraus macht, ist eine Abfolge von Montage-Sequenzen: strampelnde Beine, hupende Autos. Die Kamera von Eva Maschke klebt so dicht an Speichen und Asphalt, dass man irgendwann nur noch ein abstraktes Flirren wahrnimmt. Das soll wohl Authentizität sein, wirkt aber wie ein Fahrrad-Werbespot mit Trauerflor.

Ulrike Folkerts bringt als Lena Odenthal wieder einmal Routine und Gravitas mit, keine Frage. Doch Routine ist hier das Problem. Odenthal wirkt wie eine Beamtin, die innerlich längst die Minuten bis zur Pensionierung zählt, während sie nach außen die entschlossene Ermittlerin gibt. Wenn sie den Undercover-Alleingang ihrer Kollegin deckt, soll das waghalsig erscheinen; tatsächlich wirkt es wie eine pflichtschuldige Drehbuch-Notwendigkeit.

Apropos Drehbuch: Stefan Dähnert hat hier eine Geschichte geschrieben, die sich für brennend aktuell hält. Plattformökonomie! Prekariat! Urbaner Verdrängungswettbewerb! Doch anstatt diese Themen organisch in Figuren und Konflikte zu übersetzen, werden sie wie Etiketten auf die Szenen geklebt. Die Velopunks bleiben ein bisschen anarchischer Charme, ein bisschen misstrauische Wagenburg.


Neunzig Minuten lang bleibt der moralische Unterton unerquicklich. Immer wieder wird suggeriert, dass „das System“ – der Markt, der Verkehr, die anonyme Großstadt – der eigentliche Täter sei. Das mag als These taugen, ersetzt aber keine Spannung. Ein Krimi lebt von Verdacht, von falschen Fährten, von überraschenden Wendungen. Hier hingegen fährt die Handlung so schnurstracks geradeaus wie ein Spurhalteassistent.

Und so bleibt am Ende vor allem Müdigkeit. Nicht einmal Empörung stellt sich ein, eher eine bleierne Resignation. Man spürt die gute Absicht, die Relevanz, das Bemühen um Zeitdiagnose. Aber gute Absichten sind noch kein guter Film. «Tatort» kann große, wuchtige Fernsehmomente erzeugen. «Sashimi Spezial» gehört nicht dazu. Am Ende bleibt der Eindruck, man habe 90 Minuten lang einem Kurier zugesehen, der mit letzter Kraft in die Pedale tritt – nur um festzustellen, dass er im Stand trainiert.

Der Film «Tatort – Sashimi Spezial» wird am Sonntag, den 1. März um 20.15 Uhr im Ersten ausgestrahlt.

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