Die Kritiker

«Schnee von gestern»

von

Schnee von gestern? Nicht ganz. Denn atmosphärisch kann der ZDF-Mittwochsfilm durchaus überzeugend. Wäre nur die Dramaturgie nicht so überfrachtet...

Stab

Darsteller: Simon Morzé, Marlene Hauser, Fanny Krausz, Wolfgang Lampl, Michael Rotschopf, Felix Rank
Schnitt: Alarich Lenz
Musik: Musicbanda Franui und Jóhann Jóhannsson
Kamera: Anna Hawliczek
Buch: Ivo Schneider
Regie: David Wagner
Schon der Titel klingt nach Programm: Dieser «Schnee von gestern», eine Gemeinschaftsproduktion von ZDF und ORF, möchte vom Vergangenen erzählen – und landet dabei in einer merkwürdigen Gegenwart: ein finsteres Tal in Österreich, ein See, der mehr verschluckt als nur Wasser. Das ist atmosphärisch erst einmal dankbar. Und tatsächlich: Es dauert nicht lange, bis die erste Leiche im Triestacher See treibt. Umweltdezernent Konrad Schett, laut Obduktion mit reichlich Alkohol im Blut, war auf dem Weg nach Inner Ainöd – einem Ort, der so klingt, als habe ihn ein Drehbuchautor mit Hang zur Überdeutlichkeit benannt.

Chefinspektor Martin Steiner (Simon Morzé) und Chefinspektorin Melanie Grandits (Marlene Hauser) übernehmen den Fall. War es Mord? War es ein Unfall? Oder – die österreichische Lieblingsvariante – eine tragische Verkettung aus Alkohol, Trotz und Dorfschweigen? Das Drehbuch von Ivo Schneider legt die Fährten sorgfältig, manchmal fast zu sorgfältig. Man spürt den Ehrgeiz, aus dem vermeintlichen Provinzkrimi ein Psychogramm einer verschrobenen Gemeinschaft zu machen. Doch so sehr sich der Film bemüht, die dunklen Ecken des Tales auszuleuchten, so häufig bleibt er im Halbschatten stecken.

Dabei ist die Kameraarbeit von Anna Hawliczek durchaus ein Pfund. Ihre Bilder sind kühl, oft statisch, die Berge drücken schwer ins Bild. Der See glitzert nicht romantisch, sondern drohend. In manchen Momenten gelingt es dem Film tatsächlich, eine Stimmung zu erzeugen, die über den Plot hinausweist: Hier liegt etwas in der Luft, das älter ist als der konkrete Todesfall. Alte Rechnungen, alte Feindschaften, alte Kränkungen – «Schnee von gestern» meint eben auch: nichts ist wirklich vorbei.

Regisseur David Wagner inszeniert das Ganze mit einer Ernsthaftigkeit, die man respektieren kann, die aber gelegentlich ins Bleierne kippt. Es gibt Szenen, in denen sich die Figuren bedeutungsschwer ansehen, während die Musik anschwillt – und man ahnt, dass hier gerade „Tiefe“ erzeugt werden soll. Die Musik, eine Kombination aus Musicbanda Franui und Kompositionen von Jóhann Jóhannsson, schwankt zwischen elegischem Pathos und wabernder Düsterkeit. Manchmal ergänzt sie die Bilder klug, manchmal überdeckt sie sie. Vor allem in den leiseren Momenten hätte man sich mehr Mut zur Stille gewünscht.

Schauspielerisch ist das Ensemble solide, aber nicht durchgehend zwingend. Simon Morzé gibt seinen Steiner als einen Mann, der mehr denkt als spricht – ein Ermittler mit melancholischem Grundton. Das passt gut in die Landschaft, doch gelegentlich wirkt es auch ein wenig wie Pflichtprogramm im Alpen-Noir. Marlene Hauser als Grandits setzt dem eine gewisse Nüchternheit entgegen, ihre Figur bleibt allerdings seltsam unterbelichtet. Man erfährt viel über das Dorf, erstaunlich wenig über die Ermittler selbst.

Das zentrale Problem von «Schnee von gestern» ist wahrscheinlich seine Überfrachtung: Krimi, Milieustudie, Politdrama (Stichwort Umweltdezernent), Gesellschaftsanalyse. Die Frage, ob Schetts Tod ein Mord war, gerät zeitweise fast in den Hintergrund, weil das Drehbuch so sehr damit beschäftigt ist, das Dorf als moralisches Biotop zu sezieren. Das ist ambitioniert, aber nicht immer stringent erzählt. Manche Wendung wirkt konstruiert, manche Enthüllung eher rüde als erspielt.

Und doch: Ganz abschreiben sollte man diesen Film nicht. Es gibt Bilder, die bleiben. Ein Blick, der mehr verrät als ein Geständnis. Und immer wieder dieses Tal, das seine Bewohner nicht freigibt. Vielleicht ist «Schnee von gestern» am Ende genau das: ein Film, der von Vergangenem erzählt und selbst ein wenig aus der Zeit gefallen wirkt. Ein durchwachsener Krimi, der atmosphärisch punktet, dramaturgisch schwächelt und am Ende so zurückbleibt wie sein Titel – als Erinnerung daran, dass manches nicht schmilzt, nur weil ein neues Jahr begonnen hat.

Der Film «Schnee von gestern» wird am Mittwoch, den 4. März um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

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