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‚Die Vergiftung der Welt‘

von

Ein globaler Umweltkrimi mit realen Folgen, der von Mariah Blake zusammen gefasst wurde.

Mit „Die Vergiftung der Welt“ legt die investigative Journalistin Mariah Blake eine ebenso fesselnde wie erschütternde Recherche vor. Das Buch, das in den USA zu den besten des Jahres gezählt wurde („The Washington Post“, „Scientific American“), zeichnet den globalen PFAS-Skandal nach – eine Umwelt- und Gesundheitskrise, die Milliarden Menschen betrifft und dennoch jahrzehntelang systematisch verharmlost oder verschwiegen wurde.

Im Zentrum steht eine zunächst unscheinbare Figur: ein Versicherungsmakler aus Hoosick Falls, New York. Nachdem in seinem Umfeld mehrere Menschen an Krebs erkrankt waren, begann er 2014 zu ahnen, dass etwas mit dem Trinkwasser seiner Kleinstadt nicht stimmte. Als Tests schließlich hohe Konzentrationen von PFAS – sogenannten „Ewigkeitschemikalien“ – nachwiesen, löste das eine Kettenreaktion aus. Was als lokales Problem begann, entpuppte sich als globales Desaster.

PFAS (Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind Industriechemikalien, die seit den 1940er-Jahren in zahllosen Produkten eingesetzt werden: in Antihaftpfannen, Outdoor-Bekleidung, Löschschäumen, Verpackungen oder Kosmetik. Ihr Vorteil aus industrieller Sicht ist zugleich ihr größtes Risiko: Sie sind extrem stabil und bauen sich in der Umwelt praktisch nicht ab. Einmal freigesetzt, bleiben sie – im Boden, im Wasser, im menschlichen Körper.

Blake zeigt eindringlich, wie diese Stoffe mit Krebs, hormonellen Störungen, Unfruchtbarkeit, Immunproblemen und weiteren schweren Erkrankungen in Verbindung stehen. Noch alarmierender ist jedoch ihre Analyse der politischen und wirtschaftlichen Dimension. Denn „Die Vergiftung der Welt“ ist nicht nur ein Umweltbuch, sondern eine Untersuchung darüber, wie große Chemiekonzerne über Jahrzehnte Risiken kannten – und sie dennoch kleinredeten, Studien zurückhielten oder Einfluss auf Regulierungsbehörden nahmen.

Das Buch liest sich stellenweise wie ein Thriller, bleibt aber stets journalistisch präzise. Blake verwebt akribische Recherche mit persönlichen Schicksalen. Sie begleitet Familien, die ihre Gesundheit verloren haben, Kommunen, die um sauberes Wasser kämpfen, und Wissenschaftler, die gegen Widerstände Beweise sammeln. Dadurch bekommt der abstrakte Begriff „PFAS“ ein Gesicht – und eine Dringlichkeit.

Besonders eindrücklich ist, dass Blake die Geschichte nicht als rein amerikanisches Problem erzählt. Die Kontamination von Trinkwasser ist global – auch in Europa und Deutschland. Das Buch macht deutlich, wie stark industrielle Produktionsketten weltweit verflochten sind und wie schwer es ist, einmal verbreitete Chemikalien wieder einzufangen. Die „Ewigkeitschemikalien“ sind nicht nur ein technisches Problem, sondern ein Symbol für eine Wirtschaftsweise, die kurzfristigen Profit über langfristige Gesundheit stellt.

Stilistisch gelingt Blake der Balanceakt zwischen Empörung und Sachlichkeit. Sie argumentiert faktenbasiert, verzichtet auf übertriebene Dramatisierung, doch die moralische Dimension ihrer Recherche ist unübersehbar. Es geht um Verantwortung – von Unternehmen, von Regulierungsbehörden, von politischen Entscheidungsträgern. Und es geht um die Frage, wie Demokratien mit wissenschaftlichen Erkenntnissen umgehen, wenn mächtige wirtschaftliche Interessen dagegenstehen.

Das Vorwort von Daniel Drepper ordnet den Skandal zusätzlich in den europäischen Kontext ein und unterstreicht, dass auch hierzulande dringender Handlungsbedarf besteht. Dadurch erhält die deutsche Ausgabe eine besondere Aktualität. „Die Vergiftung der Welt“ ist ein Buch, das aufrüttelt. Es zeigt, wie unsichtbar Umweltgifte wirken können – und wie schwer es ist, sie politisch in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig ist es eine Geschichte von Zivilcourage: von Bürgern, die Fragen stellen, von Wissenschaftlern, die sich nicht einschüchtern lassen, von Journalistinnen wie Mariah Blake, die jahrelang recherchieren, um Strukturen offenzulegen.

Wer verstehen will, warum Umweltpolitik oft so zäh ist, warum Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit mehr ist und wie eng Industrie, Wissenschaft und Politik miteinander verflochten sind, findet in diesem Buch eine ebenso packende wie fundierte Antwort. „Die Vergiftung der Welt“ ist mehr als eine Skandalchronik – es ist ein Weckruf, der deutlich macht, dass die Folgen industrieller Entscheidungen Generationen überdauern können.

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