Die Kritiker

«Die Frau ohne Gesicht»

von

Heino Ferch ermittelt wieder einmal als Heino Ferch in einem dubiosen Mordfall. Ein Film, der mehr behauptet als erzählt.

Stab

Darsteller: Heino Ferch, Kotbong Yang, Thilo Prothmann, Katja Heinrich, Florian Stetter, Janina Fautz
Schnitt: Cosima Schnell
Musik: Fabian Römer
Kamera: Peter Nix
Drehbuch und Regie: Christine Hartmann
Von Anfang an tritt «Die Frau ohne Gesicht» mit dem Gestus einer Erzählung auf, die weiß, dass sie auf der richtigen Seite steht – ästhetisch, moralisch, politisch. Und genau in diesem selbstgewissen Auftreten liegt das erste, vielleicht größte Problem. Denn heraus kommt am Ende ein Film, der sich in seiner eigenen Bedeutungsgravität verheddert und dabei vergisst, dass selbst dokumentarisch inspirierte Fiktion mehr braucht als korrekt gesetzte Spuren, graue Mäntel und betretenes Schweigen.

Schon das Bild der entstellten Frauenleiche ohne Gesicht auf einer Landstraße bei Mönchengladbach ist weniger verstörend als behauptet. Es ist ein kalkulierter Schock, geschniegelt in der Ästhetik des öffentlich-rechtlichen Prestigeverbrechens: nicht zu explizit, nicht zu roh, dafür mit ausreichend Symbolaufladung. Das Gesichtlose steht natürlich für Identitätsverlust, für männliche Gewalt, für die Auslöschung weiblicher Existenz – Subtext, der so dick aufgetragen ist, dass man ihn nicht lesen, sondern nur noch abkratzen möchte.

Christine Hartmann, die sowohl Drehbuch als auch Regie verantwortete, inszeniert ihre Geschichte mit dem Ernst einer Lehrveranstaltung. Alles ist bedeutend, alles ist schwer, alles ist traurig. Ironie existiert hier nicht, Ambivalenz nur als Behauptung. Der Film reist von Mönchengladbach ins kalte Venedig, aber selbst diese visuell dankbare Stadt wirkt wie durch eine matte Glasscheibe betrachtet. Peter Nix’ Kamera findet zwar korrekt komponierte Bilder, doch sie bleiben Illustrationen. Kein Moment atmet, kein Bild erzählt mehr, als es soll. Venedig ist Kulisse, nicht Ort; Stimmung, nicht Raum. Die Erzählung schreitet voran wie ein Aktenordner, der gewissenhaft abgeheftet wird.

Heino Ferch als Ingo Thiel spielt derweil Heino Ferch als Ingo Thiel. Das ist professionell, routiniert, aber erschreckend risikolos. Thiel ist der klassische Ermittler der öffentlich-rechtlichen Gegenwart: empathisch, leicht melancholisch, moralisch integer. Ein Mensch ohne Ecken und Kanten, dafür aber mit behaupteten inneren Konflikten. Die Nebenfiguren bleiben indes skizzenhaft, funktional, oft auf ihre Rolle im Ermittlungsapparat reduziert.

Interessanter wird es kurz, wenn der Film sich auf das Beziehungsgeflecht zwischen Clara Krolmann, ihrer Tochter Antonia und dem Kunsthändler Philipp Sass konzentriert. Doch auch hier bleibt alles Behauptung und nichts emotionales Erlebnis. Die angeführte rätselhafte Liebesbeziehung ist weder rätselhaft noch emotional greifbar. Florian Stetter darf als Philipp Sass bedeutungsvoll schauen, Janina Fautz als Antonia leidend mäandrieren – echte psychologische Tiefe entsteht daraus nicht. Dass Antonias Tod zunächst als Suizid abgetan wird, um dann als Mord zu gelten, folgt einem so bekannten Krimimuster, dass jede forensische Wendung ihre Überraschung bereits beim Eintreten verloren hat.

Der größte Schwachpunkt von «Die Frau ohne Gesicht» liegt jedoch in seinem True-Crime-Anspruch. Der Verweis auf „wahre Begebenheiten“ dient hier weniger der Aufklärung als der moralischen Absicherung. Weil es „real“ ist, darf es sperrig, langsam, unerquicklich sein. Doch Realität allein ist kein ästhetisches Argument. Die angeblich mühevolle Polizeiarbeit wird zwar gezeigt, aber nicht erfahrbar gemacht. Akten werden gewälzt, Wege abgefahren, Gespräche geführt – doch die dramaturgische Mühe bleibt beim Publikum hängen.

Am Ende steht so ein Film, der viel will und wenig wagt. «Die Frau ohne Gesicht» ist korrekt, ordentlich, gut gemeint – und genau deshalb so unerquicklich. So entstand ein Krimi, der seine eigene Relevanz permanent behauptet, ohne sie je einzulösen. Ein Film, der uns zeigt, wie ernst er genommen werden möchte, aber nie fragt, warum wir ihn ernst nehmen sollten.

Der Film «Die Frau ohne Gesicht» wird am Montag, den 9. Februar um 20.15 Uhr im ZDF ausgestrahlt.

Kurz-URL: qmde.de/168790
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelFree-TV-Premiere von «Xoftex» im „Kleinen Fernsehspiel“nächster ArtikelBlockbuster-Battle: «Die Mumie» konnte Kritiker nicht einwickeln
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipp


Surftipps


Werbung