Die Kritiker

Kein Geisterbahn-Irrsinn: In Wien wird es hochpolitisch

von

Der «Tatort: Deckname Kidon» setzt sich – nicht immer politisch korrekt – mit der iranischen Diplomatie auseinander und weiß vor allem zum Ende hin sehr zu gefallen.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Harald Krassnitzer («Der Winzerkönig») als Chefinspektor Moritz Eisner, Adele Neuhauser als Major Bibi Fellner, Tanja Raunig («Tom Turbo») als Claudia Eisner, Hubert Kramar als Ernst Rauter, Eva Billisich als Dr. Veronika Resnik, Arno Frisch («Falco – Verdammt, wir leben noch») als Nemetz, Stefan Puntigam («Es kommt noch dicker») als Slavik, Udo Samel («Mein bester Feind») als Johannes Leopold Trachtenfels-Lissé und Angela Gregovic als Sara Gilani


Hinter den Kulissen:
Regie: Thomas Roth, Buch: Max Gruber, Musik: Lothar Scherpe, Kamera: Jo Molitoris, Schnitt: Frank Soiron, Produktion: Cult Film

Man kennt es kaum anders vom «Tatort» aus Wien: Wie so oft werden nicht gerade die einfachen Themen angefasst, wie so oft geht es beinhart zu. Viel größere Unterschiede könnte es kaum geben zu dem, was Ulmen und Tschirner am Neujahrstag in die heimischen Wohnzimmer brachten. Von Leichen in der Geisterbahn jedenfalls findet sich keine Spur. Aber mindestens genau so überzeugend geht es in Österreich dennoch zu. Iranische Diplomatie. Atomsprengköpfe. Immunität. Geheimdateien. Staatsräson. Die Themen fliegen einem in den ersten Minuten nur so um die Ohren. Allerdings ohne, dass man sich Sorgen machen müsste nicht mitzukommen. Dass es irgendwie anders zugeht als üblich, wird dem Zuschauer bereits klar, wenn im Vorspann die Namen auch in arabischen Zeichen dargestellt werden.

Erzählt wird die Geschichte des iranischen Diplomaten Bansari, der aus seinem Hotelzimmer auf ein Taxi fällt und dabei umkommt. Doch wie so oft sieht der Tod nur auf den ersten Blick nach Selbstmord aus. Schon alleine die Tatsache, dass mehrere Vorgänger im Amt des Diplomaten unter mehr oder minder mysteriösen Umständen um ihr Leben kamen, lässt den Todesfall verdächtig erscheinen. Verbindungen gibt es zum Mossad und dessen Kommando «Deckname Kidon», welches der Episode auch ihren Titel gibt. Doch die Ermittler brauchen einige Zeit um herauszufinden, dass Kidon (zu Deutsch „Bajonett“) Todesurteile für Israel vollstreckt. Ja, es geht politisch nicht immer ganz korrekt zu.

Besonders Krassnitzer agiert überzeugend


Zu sagen, dass Wien damit nun neue Wege geht, wäre möglicherweise ein bisschen zu viel des Guten. Denn irgendwie ist der Film typisch für Wien, aber nicht typisch für den «Tatort» allgemein. Um richtiggehend außergewöhnlich zu sein, bleiben die Nebenfiguren jedoch ein Stück zu blass – sieht man einmal von Udo Samel ab, der den korrupten Lobbyisten mehr als glaubhaft verkörpert. Die Kommissare spielen ihre Rollen in gewohnter Manier, wobei gerade Harald Krassnitzer die herausragenden Momente hat. So darf insgesamt konstatiert werden, dass das Duo stark harmoniert. Den Grimme-Preis jedenfalls, so beweist man, haben die Österreicher 2013 nicht ohne Grund geerntet, wenngleich es künstlerisch wertvollere Leistungen innerhalb des «Tatort»-Kosmos geben mag (Stichwort: Tukur).

Aber Moment mal! Wozu braucht es eigentlich einen Lobbyisten, mag sich der aufmerksame Leser fragen. Ganz einfach: „Die da aus dem Iran“, wie es der gemeine Bezirkspolizist wohl ausdrücken würde, brauchen „was“ für ihr Atomkraftwerk, das man auf legalem Wege nicht bekommen könnte. Doch bis die Kommissare auf dieses schmale Brett kommen, bedarf es wiederum einiger Zeit. Und ebenso geht es nicht besonders fix, bis sie merken warum das Handy von Eisner nicht so funktioniert wie es sollte. Immerhin: Die Technik, die man in Wien von Drohne bis Spionagesoftware einsetzt ist ganz schön edgy. Wenig überraschend, dass das Ermittlerduo dies nicht im Alleingang regelt. Also eigentlich überhaupt nicht selbst regelt. Nun gut.

Was das rein filmische anbelangt, agiert Wien – ebenfalls wie gewohnt – wenig ausgefallen. Wenn nicht gerade ein Igel beim überqueren der Straße beobachtet wird, macht die Kamera genau das, was sie halt tun muss. Nicht mehr und nicht weniger. Bei Schnitt und Musik gibt es nicht einmal diesen einen Moment. Es sei denn, man betrachtet es als außerordentlich kreativ, wenn gelegentlich arabische Musik spielt. Nein, neue Maßstäbe werden bei diesem «Tatort» nicht gesetzt. Immerhin: Eine wirklich gelungene Verfolgungsjagd gibt es (eben jene Szene mit dem Igel): Sinnvoll in die Handlung eingebettet, nicht unnötig dramatisiert, dennoch spannend. Das ist deutlicher besser als jeglicher Cobra 11-Explosions-Verfolgung-Matsch.

Österreich und die Identitätsfrage
Ein Bereich wird inhaltlich außerdem behandelt, der noch typischer Wien ist, als der Fall ohnehin schon. Das Thema Österreich. Irgendwie scheint es im Nachbarland nie zu gelingen, sich nicht mit sich selbst auseinanderzusetzen. Würde man in einem hiesigen Film stets die nationale Identität so betonen, wie es die Kollegen aus Wien pflegen, es würde wohl einiges an Befremden auslösen. In Österreich hingegen gehört es fast zum guten Ton – was nicht bedeutet, dass der Alpenstaat sich nicht selbst nicht kritisch beleuchtet. Im Gegenteil: Korruption und Kleinbürgertum sind im neuen «Tatort» allgegenwärtig. Nicht so, dass sich der Piefke verstecken müsste, aber sehr präsent.

Kleinere Kritikpunkte gibt es bei «Deckname Kidon» also durchaus. Spätestens das Ende aber hilft dem Zuschauer über jegliche Probleme hinweg. Die Story wird in einer faszinierenden Ruhe zu Ende gebracht. Bis in den letzten Sekunden des Finales doch noch der Schock folgt. Überraschend. Klar. Gut. Und ein bisschen offen. Wieder lohnt sich Wien. Wieder lohnt sich der «Tatort». Für alle, für die Handlung im Vordergrund steht, ist dieser «Tatort» sicher eine angemessene Abendbeschäftigung. Wer es künstlerisch mag, der sollte lediglich auf den Igel warten – und bald darauf abschalten.

«Tatort: Deckname Kidon» ist am Sonntag, 4. Januar 2015 um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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