Die Kritiker

«Milk & Honey»: Eine RTL-Sitcom bei VOX, nur pikanter?

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Nicht ganz. Dennoch geht der neuen VOX-Dramedy «Milk & Honey» trotz des Etiketts "Von den Machern von «Club der roten Bänder»" viel erzählerisches Potential abhanden.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Peter Gersina, Nina Wolfrum, Edzard Onneken
  • Drehbuch: Klaus Wolfertstetter (Chefautor), Arndt Stüwe, Florian Schumacher, Karin Kaçi , Ira Wedel, Julia Neumann
  • Darsteller: Artjom Gilz, Nik Xhelilaj, Marlene Tanczik, Nils Dörgeloh, Anne Weinknecht, Deniz Arora, Katharina Schlothauer, Birte Hanusrichter, Bernhard Piesk, Heike Jonca, Sabine Vitua, Gitta Schweighöfer, Heike Trinker
  • Redaktion: Frauke Neeb
  • Produktionsfirma: Talpa Germany Fiction – Carsten Kelber, Karsten Roeder
Die erste eigenproduzierte, fiktionale VOX-Serie liegt hinter uns: Die Köpfe hinter «Club der roten Bänder» wollten aufhören, wenn es am schönsten ist und haben daher noch vor Beginn der zweiten Staffel bekannt gegeben, dass Runde drei das Ende darstellen wird. Nun gut, so ganz hat man sich schlussendlich nicht an diese Ankündigung gehalten – im Februar 2019 wird die Erfolgsgeschichte noch ein bisschen mehr gemolken, und zwar mit einem Kinofilm zur Serie. Eine frühe Ankündigung nahm aber wie versprochen Gestalt an: Mit «Milk & Honey» nimmt sich die zweite VOX-Serie frei nach dem israelischen Pay-TV-Drama «Johnny und die Ritter von Galiläa» einer Gruppe von Freunden an, die einen Escort-Service gründen. Wo «Club der roten Bänder» mit seinem magischen Realismus und seinen inspirierenden Leidensgeschichten in seinen besten Momenten allerdings aus der deutschen Serienlandschaft herausstach, ist «Milk & Honey» zu großen Teilen nur Serienallerlei, der so auch schon vor einigen Jahren bei RTL hätte laufen können …

Nach einem jahrelangen Auslandsaufenthalt kehrt der vom Pech verfolgte Johnny (Artjom Gilz) in seine Heimat zurück, wo ihm seine nicht mehr ganz so kleine Schwester Charlie (Marlene Tanczik) offenbart, dass die Imkerei seines verstorbenen Vaters am Ende ist. Dass der einzig verbliebene Mitarbeiter Arian (Nik Xhelilaj) trotzdem noch immer ordentlich verdient, liegt daran, dass er heimlich ein lukratives Nebengeschäft betreibt und sich unter dem Deckmantel der Imkerei als Escort verdingt. Johnny sieht darin einen großen Affront, aber der Ärger verfliegt bald, da Johnny das gute Geld, dass in dieser Einnahmequelle steckt, dringend benötigt.

Dann geht es weiter wie im Galopp: Rasch überzeugt Johnny auch seine Jugendfreunde Michi (Nils Dörgeloh) und Kobi (Deniz Arora) davon, als Escort zu arbeiten und ihm dabei zu helfen, die überraschend hohe Nachfrage mitten in der brandenburgischen Provinz zu befriedigen. Die Expansion wird ebenso sehr von Ehrgeiz getrieben wie von der Naivität der Freunde, die feststellen müssen, dass sie in den gewissen Stunden längst nicht alles raus haben, was Frauen wollen und sie selber so können. Hinzu kommt, dass Johnny immer noch an seiner Jugendliebe Katharina (Katharina Schlothauer) hängt, die inzwischen aber mit Tim (Bernhard Piesk) zusammenlebt. Und Michis Frau Andrea (Anne Weinknecht) muss sich erst noch entscheiden, was sie vom neuen Nebenverdienst ihres Mannes hält …

Auch wenn VOX im Vorfeld bemüht war, stets den Bezug zwischen «Milk & Honey» und «Club der roten Bänder» herzustellen, steht die zweite Eigenproduktion des Privatsenders viel mehr in der Tradition solcher RTL-Comedyserien wie «Doc meets Dorf» oder gar noch älteren Formaten des großen VOX-Bruders. Mit wenigen Handgriffen ließe sich «Milk & Honey» von seinem Escort-Service-Element befreien – und schon hätten wir eine völlig alltägliche, deutsche Privatfernsehen-Comedyserie.

Ein paar Freunde gründen einen selbstständigen Paketlieferdienst, aber einer von ihnen bekommt Ärger mit der Gattin, weil das ja eine so unsichere Einnahmequelle ist. Nein, die Freunde arbeiten als Pizzabäcker, und einer von ihnen, ehemals Spitzen-Geschäftsmann, muss eine Ex-Konkurrentin bedienen, wie peinlich! Oder … Ach, ist ja auch egal, denn das tragende Element der Serie ist eben nicht das Konfliktfeld, das durch Sexarbeit entsteht, sondern die ewig gleiche Chose aus (vom Berufsleben unabhängigen) Liebesdreiecken, nölenden Ehefrauen und verschleppten Streitigkeiten – und natürlich gibt es so regelmäßig kleine Missverständnisse, dass sich die Uhr danach stellen ließe.

Wenn «Milk & Honey» dann doch mal etwas daraus macht, dass es in der Serie um Escort-Dienstleister geht, bleibt das Format so keusch, dass man sich zwangsweise fragt, weshalb VOX die Serie auf den späten Abend schiebt. Selbst im öffentlich-rechtlichen Vorabendprogramm gab es schon pikanteres zu sehen als die schematischen, in Aufbackbrötchen-Werbespot-Lichtsetzung gehaltenen Sexszenen, auf die «Milk & Honey» größtenteils setzt. Und wenn es denn mal etwas frivoler wird als Kuschelbegattung im Bett oder auf dem Schlafsofa, etwa wenn mal im Auto kopuliert wird (Oh! Schreck lass nach!), dann ist das Bild so nachtschwarz, dass man die Szenen genauso gut auch ganz auslassen könnte.

Nicht der Mangel an visuellen Reizen ist das Problem, wer hübsche Körper begaffen möchte, hat im Webzeitalter mehr als genügend Möglichkeiten dazu, sondern der Umstand, dass eine Serie über Sexarbeit eben dieses Element nutzen sollte, um ihre Figuren auszuarbeiten. Doch aus den formelhaften Sexszenen, durch die sich «Milk & Honey» verschämt durch hetzt, lassen sich nur rudimentäre Erkenntnisse über die ungleichen Escort-Kumpels ziehen. Wir haben den Bubi Michi, der Rest ist ähnlich drahtig gebaut, und schlussendlich stolpern sie alle durch dieselben Verwicklungen, selbstlos recht gut betuchte Dorf-Damen zu beglücken, ohne Grenzen zu überschreiten. In deutlich kürzerer Laufzeit schafft es «Magic Mike XXL», seiner größeren Figurentruppe mehr Kontur zu verleihen und zwischen den Zeilen nuanciertere Aussagen über sexuelle Dienstleistungen zu treffen als «Milk & Honey», das in die immer gleiche Kerbe schlägt, dass es schwer fällt, Körperlichkeit vom Herzen zu trennen.

Aus dem anspruchs- und ideenlosen Wohlfühltakt bricht «Milk & Honey» nur in einzelnen Episoden-Nebenplots aus, etwa, wenn Arian der Entzug seiner Aufenthaltsgenehmigung droht. Aber auch aus diesem Stoff macht «Milk & Honey» nur wenig. Der große Trumpf im Ärmel der neuen VOX-Serie ist allein die Darstellerriege: Artjom Gilz, Nik Xhelilaj und Deniz Arora sowie Nils Dörgeloh nehmen das scheue Material und drücken es mit großer Überzeugung aus. Egal, ob sich die Freunde und Arbeitskollegen über Privates austauschen, über Berufliches streiten oder sie einfach nur gemeinsam rumhängen, sie säuseln, schimpfen und scherzen das Dialogmaterial plausibel daher und bringen auch übelste Schema-F-Sätze so rüber, dass sie längst nicht derart klischeehaft klingen, wie sie sich Schwarz auf Weiß lesen.

Auch Marlene Tancik als Johnnys Schwester Charly ist ein großes Plus für die Serie: Die Mimin schafft es, Charlys Hipstertendenzen gewitzt auszuspielen, und ihre Rolle dennoch so zu erden, dass sie als "Provinzprodukt" glaubwürdig bleibt – und ihre Involvierung in Johnnys Unternehmen sorgt für ruhige, unterschwellig gespielte Dramatik. Dennoch: Es ist schon schade, dass das schmissigere, aufgewecktere RTL-II-Format «Call the Boys» auf der Serien-Resterampe verweilt, während «Milk & Honey» zumindest eine zehnteilige, erste Season sicher hat.

«Milk & Honey» ist immer mittwochs ab 21.15 Uhr in Doppelfolgen bei VOX zu sehen.

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