Debatte

Missgunst und missbilligende Worte

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In Deutschland herrscht eine zunehmende Neidkultur. Darunter musste auch die finnische Regierungschefin Sanna Marin leiden, deren Freizeit in den Mittelpunkt gerückt wurde.

Bereits vor der Corona-Pandemie entstand in Deutschland ein Klima der Missgunst. Während des Lockdowns haben Nachbarn unter anderem die Polizei gerufen, wenn private Partys veranstaltet wurden oder strafmündige Jugendliche in Skate-Parks ihrem nichtberuflichen Hobby nachgingen. Im Vordergrund mag vielleicht ein Zusammenhalt und das Stoppen der Pandemie gestanden haben – aber in vielen Fällen sollten die anderen genauso leiden, wie man vielleicht selbst.

Ins politische Sommerloch fielen unter anderem das Partylied „Layla“, das in einem Bierzelt am Main für Aufruhr sorgte, sondern auch weitere Themen an. Wie könne man auf einer Veranstaltung, die offiziell eine Stadt austrägt, zu einem Lied tanzen, bei der eine Betreiberin eines Bordells glorifiziert wird. Die Debatte war würdelos, weil sie am Thema vorbei ging. Nach der Ausladung der Sängerin Ronja Maltzahn im März 2022 von einer Klima-Demonstration, wurde Ende Juli auch das Konzert der Band „Lauwarm“ im schweizerischen Bern abgebrochen. Es hagelt Verbote – man spricht von Geschmack und kultureller Aneignung in diesem Sommer.

Obwohl in der Ukraine ein Krieg mit Russland seit einem halben Jahr – und eigentlich schon viel länger – tobt, eine weitere mögliche Corona-Welle vor der Tür steht, Deutschland in einer Energie-Krise steckt und Bundeskanzler Olaf Scholz im Warburg-Fall zur Cum-Ex-Aussage mehr Gedächtnislücken eingestehen muss, als ein gewöhnlicher Emmentaler, stürzten sich die Medien bereits auf das nächste irrelevante Thema. Klickt vermutlich schöner und geiler (siehe Layla-Songtext)!

Es dreht sich um die finnische Regierungschefin Sanna Marin, die seit zwei Jahren Ministerpräsidentin des Landes Finnland ist. Das Video wurde im privaten Umfeld erstellt, die Veröffentlichung sollte der Regierungschefin natürlich zu missbilligende Taten unterstellen. Wie könne man inmitten eines Krieges in Europa feiern, titelten einige Blätter. Selbst der deutschsprachige Blätterwald wie ‚Bild‘, ‚Spiegel‘ oder andere Medien nahmen das Thema auf. Wenigstens hat sich die «Tagesschau» entschieden, das Thema weder in Bild noch Wort auszuschlachten.

Die finnischen Boulevardblätter leakten nicht nur ein Video mit der offenbar angetrunkenen Ministerpräsidentin, die zusammen mit Freunden eine Party feierte, sondern unterstellte Marin den Konsum von Drogen. Um die Affäre schnell aus der Welt zu schaffen, schaffte die 36-Jährige Fakten und unterzog sich einem Drogentest – der natürlich negativ ausfiel. Auch in Deutschland ist das Thema ein gefundenes Fressen. Bundeskanzler Olaf Scholz ist mit seiner Familie in einer bayerischen Berghütte, seine Vorgängerin Angela Merkel machte auch eher Wanderurlaube. Die Medien hierzulande suggerieren: Wie können die Finnen so etwas tolerieren?

In Finnland wurde die Frage diskutiert, ob eine Ministerpräsidentin überhaupt Alkohol konsumieren dürfe, obwohl doch Russland direkt vor der Tür stehen könnte. Dabei wird vergessen, welche wahnsinnigen Taten sich andere Regierungschef leisteten. Beispielsweise hatte Donald Trump das Amt des US-Präsidenten inne, damals hatte man noch Angst, er würde Atombomben werfen. Jetzt machen sich die Medien tatsächlich Sorgen, dass ein Land wie Finnland im Chaos untergehen würde, wenn die Regierungschefin auch mal ein normaler Mensch bleibt.

Auch hier muss festgehalten werden: Weil Marin eine junge Frau ist, soll das natürlich in einer Corona-Zwischenwelt schlimmer sein? FDP-Mann Wolfgang Kubicki hat klar Corona-Regeln gebrochen, seine Restaurantbesuche hinter verschlossenen Türen wurden heruntergespielt. Dabei vermittelt das Video von Marin doch eine viel wichtigere Aussage: In Zeiten von über 20 Kriegen, vielen Krankheiten, dem Corona-Virus und schwieriger diplomatischer Beziehungen zu Russland soll das Feiern mit Freunden und Bekannten untersagt werden?

Marin vermittelt ein Lebensgefühl, das ausschließlich von der Auflage lebt. Man könnte heute noch diskutieren, ob es sinnvoll ist, eine Hochzeit in Deutschland mit mehreren hundert Menschen zu veranstalten oder die zahlreichen Feste und Sportveranstaltungen zu besuchen. Doch nach mehreren Krisen sollten die Medien und deren Leser nicht in Missgunst über eine feiernde Politikerin üben, sondern sich vielmehr über die Menschen freuen, die gemeinsam Zeit verbringen können. Vielleicht sollte man aber auch einfach die Debattenkultur verschieben und sich wichtigeren Problemen widmen: Wer möchte der finnischen Regierungschefin schaden, indem man ein internes Video zur Diffamierung teilt?

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