Interview

Jürgen Erdmann: ‚Sat.1 sucht genau im richtigen Segment nach Zuschauern‘

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Der Talkshow-Experte arbeitete schon mit Oliver Geissen zusammen. Erdmann glaubt, dass Sat.1 durchaus mit «Volles Haus» einen Erfolg haben könnte.

Sehnen Sie sich nach guten Talk-Formaten zurück?
Die Frage ist, was ist eigentlich „gut“? Ich bin als Fernsehmacher immer hin- und hergerissen zwischen Quotenerfolg und guten, das heißt nachhaltig wirkenden und die Menschen weiterbringenden Sendungen. Das gilt sowohl für die Daytime als auch für den Abend. Mein Anspruch ist, Innovation und hohe Einschaltquoten zusammenzuführen. Vor allem bei ersterem haben wir eine nie endende tägliche Arbeit.

Sat.1 plant innerhalb seines neuen, dreistündigen Formates «Volles Haus» eine Daily-Talkshow zu starten. Ein Talk innerhalb einer Show – kann das funktionieren?
Natürlich, gerade wenn man mit einer Idee wie «Volles Haus» arbeitet. Es gibt aber wie bei fast allem im Leben zwei Seiten: Die Einbettung innerhalb eines erfolgreichen Formates wird nicht zu Erfolgseinbrüchen führen. Andererseits schwäche ich meinen Talk, wenn er nicht als eigenständiges Programm wahrgenommen wird. Insbesondere für einen Moderator ist es sehr problematisch, wenn er nicht in herausgehobener Stellung agieren darf. Ein Talk muss aus meiner Sicht mit einem konkreten Host in Verbindung gebracht werden. Im Grunde scheint «Volles Haus» eine um Talk erweiterte «Punkt 12»-Sendung zu werden. RTL hat dort aus wahrscheinlich guten Gründen auf eine Talk-Strecke verzichtet.

Bei Arabella Kiesbauer wurde über Übergewichtige diskutiert, jetzt möchte Sat.1 mit Themen wie Pandemie-Folgen, Instagram-Leben und veganem Essen punkten. Kann man mit Sendungen wie „Du lebst vegan und kämpfst ständig mit Vorurteilen. Oder ist für dich Fleisch dein Gemüse?“ erfolgreich sein? Muss Daily Talk möglichst plakativ sein?
Ob die von Ihnen genannten Themen so gebracht werden oder ob das erstmal nur in den Werbebroschüren steht, wissen wir nicht. Die Themen müssen die Mehrheit der Zuschauer – um diese Uhrzeit in erster Linie Frauen – interessieren, d.h. sie müssen deren Lebenswirklichkeit reflektieren. Das zu erreichen ist tägliche, harte Arbeit. Was den Erfolg betrifft, muss man kein Prophet sein: Eine Sendung zum Thema „Vaterschaftstests“ wird in der Daytime immer mehr punkten als eine zum „Veganen Leben“. Andererseits besteht die Gefahr, mit expliziteren Themen die Statik von «Volles Haus» zu gefährden.

Sat.1 möchte die Frau ab 40 ansprechen – sehnen die sich nach Talkshows? Oder sucht der Sender beim falschen Publikum nach Zuschauern?
Sat.1 sucht genau im richtigen Segment nach Zuschauern, wenn man sich die Quotenanalysen anschaut. Das war vor zwanzig Jahren auch nicht anders. Ich weiß nicht, ob sich die Zuschauerinnen nach Talkshows sehnen. Ich weiß aber, dass Talkshows eine hervorragende Möglichkeit bieten, die betreffenden Lebenswelten gut abzubilden und dadurch praktische Lebenshilfe zu offerieren. Sie bieten aber auch die schöne Chance zum Eskapismus innerhalb dieser Welten. Im Sinne von: Gut, dass ich dieses Problem erstmal nicht habe.

Im Frühjahr lief die Feststellung der epidemischen Lage aus. Haben die Talkshows die bisherigen zwei Jahre Corona gut gemeistert?
Ich denke schon. Corona war ein gesellschaftlich dominierendes Thema wie niemals eines zuvor. Da war es logisch und verständlich, dass die Abendtalks sich dem angenommen haben. Und durch den Verzicht auf Studiopublikum wurden Anreize geschaffen für neue Talkstrukturen.

«Maybrit Illner» avancierte im ZDF zur Quotenkönigin und schaffte trotz Heidi Klum und Fußball im Gegenprogramm mehr als zweieinhalb Millionen Menschen anzulocken. War Frau Illner immer Up-to-date und somit ein wichtiger Ankerpunkt?
Wenn man einen Talk moderiert und nicht up to date ist, funktioniert er per se nicht. «Maybrit Illner» ist eine fleißig und intelligent weiterentwickelte Sendung mit unterschiedlichen Gesprächsebenen. Zudem ist Maybrit Illner ein schönes Beispiel für eine gelungene gesamtdeutsche Sichtweise. Sie ist eine hervorragende und zugewandte Talkerin und engagiert sich gesellschaftlich in beispielhafter Weise.

«Im Anschluss läuft bekanntlich «Markus Lanz». Seine Sendung wurde zum politischen Medieneckpfeiler. Glauben Sie, dass er an diesem Konzept auch in Zukunft festhalten wird?
Klar. Markus Lanz hat vorher schon, aber auch durch die Corona bedingte Abwesenheit des Publikums eine erstaunliche journalistische Tiefe entfaltet. Er hat in den letzten Jahren eine neue Klasse der politischen Interviewführung erreicht. Ich persönlich genieße das sehr, weiß aber, dass das starke Beharren auf Antworten beim Publikum manchmal nicht so gut ankommt. Robert Habeck hat hier kürzlich eine gute Antwort gegeben. Die Welt ist nicht schwarz-weiß.

Das Erste geriet in Erklärungsnot, warum bei der Präsidentschaftsstichwahl in Frankreich zwischen Macron und Le Pen kein «Anne Will» lief. Ist Frau Will noch die geeignete Talkerin, wenn sie nur 22 Folgen pro Jahr machen möchte?
Jeder Talk-Host im Abendprogramm kann seinen Job. Und jeder hat eigene Stärken und Schwächen. 22 Folgen pro Jahr wären zwar wenig, aber ich möchte darüber kein Urteil über die Weiterbeschäftigung von Anne Will fällen. Zufälligerweise war es aber ein Will-Zuschauer, der mit einem Twitter-Kommentar ein Kernproblem der Talks aufzeigte: „Bei Anne Will sitzen wieder fünf Leute mit einem Monatseinkommen jenseits 10.000 Euro und debattieren über Arme. Also alles wie immer.“ Man darf darüber aber nicht vergessen, dass man sehr gut über die Gefährlichkeit von Steckdosen diskutieren kann, ohne vorher den Finger reingesteckt zu haben.

Maybrit Illner wurde bekanntlich mehrfach durch eine Corona-Infektion und eine Erkältung ausgebremst. Den Quoten hat das nicht geschadet. Sind die Köpfe vor der Kamera so wichtig?
Sie sind sehr wichtig! Die Personality des Hosts ist etwas, das das Publikum kennt und im besten Falle schätzt. An der Laufzeit der Shows können Sie normalerweise gut ablesen, wer wertgeschätzt wird und wer nicht. Moderiert wegen eines Krankheitsausfalls jemand anderes eine Sendung mit einem fremden Namen, klappt das ein paar Mal. Es ist etwas Außergewöhnliches, das das Publikum durchaus reizt. Eine langfristige Lösung ist es nicht.

Derzeit pausieren die öffentlich-rechtlichen Talkshows. Sollten die ARD und das ZDF einen besseren Sommerpausen-Plan aufstellen?
Ich weiß um die Schwierigkeit, stringente Sendepläne zu stricken. Ich bin sicher, die Spezialisten bei ARD und ZDF wissen genau, was sie tun. Und dass auch Moderatorinnen und Moderatoren irgendwann eine Pause und Urlaub benötigen, liegt auf der Hand. Andere Sender und Streaming-Dienste bieten genügend Programm, das die Zuschauer gerne wahrnehmen. Außerdem gibt es ein Leben jenseits der Talk-Show, habe ich gehört (wenngleich ich gerade mit einer renommierten Moderatorin an einem neuen Abend-Talk arbeite und dafür eine hoffentlich bahnbrechende Grundidee habe).

Vielen Dank für das konstruktive Gespräch!

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