Serientäter

«Disenchantment» wird zur Disenchantment

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Nach zwei Staffeln und 40 Episoden wird eine weitere Bilanz gezogen. Kann die Serie von Matt Groening aktuell punkten?

Vor drei Jahren startete der Streamingdienst Netflix die erste Staffel der Animationsserie «Disenchantment», das sperrige englische Wort bedeutet wörtlich übersetzt „Enttäuschung“ oder „Entzauberung“. Das dritte Format von Matt Groening, der bereits mit «Die Simpsons» und «Futurama» zwei Animationswelten geschaffen hat, sollte sich von den bisherigen Formaten absetzen. Während die gelbe Familie aus Springfield Woche für Woche quasi neu gestartet wird, ist das Weltraumabenteuer von Fry etwas stringenter. Dort existiert mit Frys Schwärmerei zu Leela ein roter, durchgehender Faden.

Im Mittelpunkt der Netflix-Serie steht Prinzessin Bean, die Tochter von König Zøg, der über das Dreamland herrscht. Dessen erste Frau wurde vor Jahren versteinert und Bean versucht einem Geheimnis auf die Schliche zu kommen. Unterdessen wird Bean von einem Dämon namens Luci begleitet und trifft einen Halbelfen namens Elfo. Während die ersten zwei Teile des Formates, die als Staffel eins betitelt wurden, noch eine halbwegs vernünftige Geschichte hatten, wendet sich das Blatt mit dem Beginn der zweite Runde (und somit den Teilen drei und vier).

Bean, die man als verbitterte und erwachsene Lisa Simpsons bezeichnen kann, ist zwar immer noch dem Alkohol zugetragen, doch die Phasen der Sauferei werden deutlich seltener. Stattdessen stoßen Bean, Elfo und Luci kurz nach ihrem vermeidlichen Tod auf neue Wesen, den sogenannten Trogs, die im Boden leben. Einmal mehr versucht an der Oberfläche jemand den leicht dämlichen König Zøg um die Ecke zu bringen, um das Königreich für sich zu gewinnen.

Selbstverständlich endete auch Teil drei mit einem Cliffhanger und zum Start der vierten Runde treffen die symphytischen drei Helden einmal mehr auf Beans manipulative und hinterhältige Mutter Dagmar, die jetzt mit dem Teufel persönlich liiert ist. Zahlreiche weitere Enthüllungen bekommen die Zuschauer in den zehn Episoden serviert, die Netflix seit 9. Februar 2022 anbietet.

Doch das große Problem der Serie ist: Es gibt viele interessante Facetten, deren Potenzial überhaupt nicht ausgeschöpft wird. Es ist schon eine fast meisterliche Arbeit, wie man die Serie qualitativ so gegen die Wand fahren kann. Ob Geschichten wie der Doppel-Doppel-Doppel-Agent, die nicht nur schlecht erzählt wurde, sondern auch inhaltlich jede gute Art von Storytelling mit den Füßen tritt, gibt es beispielsweise ein Wiedersehen mit Beans Mutter und Stief-Mutter. Ob diese Charaktere eine Bedeutung für das Finale mit Teil sechs haben werden? Angesichts der aktuellen Folgenqualität muss man Matt Groening attestieren, er wüsste selbst nicht, wohin die Reise geht.

Einige Figuren tauchen in «Disenchantment» wie gebuchte Darsteller einer Fernsehserie auf und sind auch nur in dieser einen Episode zu sehen. Interessante Handlungsstücke werden abgebrochen, um die nächsten drei flachen Witze abzufeuern. Selbst spannende Geschichten, wie die doppelte Bean und wie sie sich befreit, wird in wenigen Minuten über die Bühne gebracht. Natürlich spoilert ihr Vater auch noch die Handlung, die dann eintreten wird. Zu allem Überfluss wird die Holzpuppe Fritzchen zum Leben erweckt, deren Verhalten an die «Futurama»-Figur Bender erinnert.

Nein, «Disenchantment» ist keine Serie mehr, die man tatsächlich einem Freund weiterempfehlen möchte und die sich für einen Serienmarathon lohnt. Das interessante Gasland Steamland ist auch nur für eine Episode Stichwortkartengeber, ehe die Handlung wieder abgebrochen wird. Es ist wirklich seltsam, dass erfahrene Autoren, die seit 30 Jahren in Hollywood Serien schreiben, eine inhaltliche Bankrotterklärung abliefern.

Das wirft auch kein gutes Licht auf Matt Groening und David X. Cohen, die erst kürzlichen einen frischen Deal mit Disney unterzeichneten. Die beiden (und ihre Entourage) sollen der Serie «Futurama» neues Leben einhauchen. Dabei ist derzeit nicht bekannt, ob die eigentlich abgeschlossene Serie fortgesetzt wird oder es einen richtigen Reboot gibt. Grundsätzlich muss man festhalten, dass diese gesamte «Simpsons»-Sippschaft schon vor Jahren das Händchen von Storytelling verloren hat.

Eine dritte «Disenchantment»-Staffel ist noch nicht bestellt, eine Fortführung dürfte damit wohl zwei Jahre in Anspruch nehmen. Es ist daher davon auszugehen, dass Netflix maximal noch zehn Episoden ordern wird. Die Abrufzahlen waren zuletzt enttäuschend und im Feuilleton geht das Format ebenfalls unter. Netflix hätte sich von Groening und Co. mit Sicherheit mehr erwartet.

«Disenchantment» ist bei Netflix abrufbar.

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