Interview

Maybrit Illner: ‚Man kann den Zuschauer auch unterfordern‘

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Die Talkshow am späten Donnerstagabend erreichte zuletzt bis zu vier Millionen Zuschauer, das ZDF hat ein heißes Eisen im Feuer. Quotenmeter sprach mit Illner auch über die Kanzlerkandidaten von Union, SPD und Grüne.

Sehr geehrte Frau Illner. Vielen Dank für Ihre Zeit. Zuletzt wechselten die Kollegen Jan Hofer, Pinar Atalay und Linda Zervakis vom Norddeutschen Rundfunk zu der privaten Konkurrenz von RTL und ProSieben. Werden wir Ihre Talkshow weiterhin im ZDF sehen können?
Klar, meine Kollegen und ich, wir arbeiten fröhlich mitten im ZDF, dem „Zentrum der Freude”.

Ihre Talkshow erreicht im Durchschnitt über drei Millionen Menschen am späten Donnerstagabend. Legte «Maybrit Illner» durch die Corona-Krise, dem Bundestagswahlkampf oder eine von uns nicht benannte, dritte Komponente so massiv zu?
In der Corona-Krise geht es für die Menschen um sehr viel: Gesundheit, Freiheit, Existenz. Sendungen wie unsere, die auf der Höhe der Entwicklung blieben, Informationen und Diskussion angeboten haben, wurden geschaut. Das ist immer so, aber erst Recht in so existentiellen und neuartigen Krisen.

Wir haben vor Kurzem errechnet, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen wie seit Beginn der 90er Jahre nicht mehr so beliebt ist. Profitiert Ihre Talkshow auch vom massiven inhaltlichen Abbau der Privatsender?
Man kann nicht jeden Erfolg mit der Schwäche der Konkurrenz erklären. (lacht!) Dschungelcamp, Heidi Klum und ab und zu Fußball - Wir senden immer wieder erfolgreich direkt gegen "Flaggschiffe" der Kommerz-Sender. Politischen Talk haben die sich aber seit Erich Böhme oder Ulrich Meyer nicht mehr getraut. Nach meinem Eindruck hat man dort in den letzten Jahren generell lieber tiefhängende Früchte geerntet und merkt jetzt offenbar, dass man Zuschauer auch unterfordern kann. Eigentlich eine schöne Entwicklung.

Sie müssen seit rund eineinhalb Jahren auf Studiopublikum verzichten, einige Diskussionsteilnehmer werden seither zugeschaltet. Werden Sie die Änderungen auch künftig beibehalten?
Die Pandemie ließ uns keine Wahl. Wir haben dabei gelernt, dass die Zuschauer zuhause sich nicht so sehr an formalen Aspekten stören, wenn das Thema und die Gäste wichtig und interessant sind. Eine Diskussion zwischen Gesprächsgästen im Studio und solchen, die zugeschaltet sind, ist dennoch nicht einfach und kein Ideal-Zustand. Auch das Studio-Publikum vermisse ich. Mal sehen. Wir haben das schlicht noch nicht entschieden.

Blicken wir auf den Bundestagswahlkampf: Die Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock ist mit ihrem aufgehübschten Lebenslauf und ihrem Buch, das viele urheberrechtliche Verletzungen hat, negativ aufgefallen. Wie konnte das passieren? Engagiert die Partei, wenn Sie den Bundeskanzler stellen will, kein Beratungsunternehmen?
Man muss in der Tat kein Journalist, Politiker oder PR-Experte sein, um sich das zu fragen, zumal handwerkliche Fehler hier die Glaubwürdigkeit der Kandidatin beschädigten. Beantworten können das ganz allein die Grünen.

Unions-Kandidat Armin Laschet, der ebenfalls Kritik einstecken musste (Masken-Deals, Flut in Nordrhein-Westfalen, Copyright-Verletzungen in seinem Buch), bildet mit Gesundheitsminister Jens Spahn ein Kandidaten-Team. Der CDU-Minister musste viel Kritik einstecken, da er sich bei einem Spenden-Abendessen in der Pandemie mit Corona ansteckte, Journalisten aufgrund seiner Villa abmahnen ließ und unter anderem weder die Corona-App, noch andere Dinge wirklich effizient erledigte. Wie kann es sein, dass das Gedächtnis der Wähler so kurz, dass die Union immer noch bei den Umfragen vorne liegt?
In den Popularitätswerten der Politiker bilden sich Affären oder Fehltritte ja ab. Dass ihre Parteien nicht in gleichem Maße leiden, kann man vielleicht mit dem alten Spruch erklären: “Wenn einem der Pastor nicht gefällt, tritt man nicht gleich aus der Kirche aus.” Viele Menschen wählen vielleicht immer noch die Partei und nicht den Kandidaten, auch wenn die Milieus mit ihren Bindungen bröseln.

Überraschenderweise hat die SPD in den vergangenen Jahren viele Projekte umgesetzt. Die prekär-beschäftigten Wählen inklusive der unteren Mittelschicht müssten eigentlich diese Volkspartei wählen. Aber so richtig kommt Olaf Scholz nicht in Fahrt, obwohl seine Partei Millionen Menschen mit dem Mindestlohn half und die Kosten fürs Pflegeheim der Eltern aussetzte. Warum färben die Scholz‘ positive Umfragewerte nicht auf die SPD ab?
Zwei Parteien haben aktuell Probleme mit ihren Kandidaten, ein Kandidat hat eher Probleme mit seiner Partei. Die SPD hat offensichtlich ein Imageproblem, das sie sich zum Teil selbst erarbeitet hat. Sie kommt einem manchmal vor wie ein Restaurant, das alle halbe Jahre den Pächter wechselt, und jedes Mal werden von den alten Stammgästen welche vergrault.

Wird der aktuelle Bundestagswahlkampf über Verfehlungen der Anderen geführt, weil die Themen für viele nicht greifbar sind: Gendern, Klima-Amt oder einen Mietendeckel?
Die Schmerzen der Corona-Krise lassen gerade nach und viele Menschen atmen durch. Dass man sie deshalb nicht ernsthaft mit Zukunftsfragen wie „Klima” oder „Rente” behelligen darf, ist allerdings eine merkwürdige Analyse vieler Wahlkämpfer. Fast alle drücken sich bei fast allen unangenehmen Fragen um konkrete Aussagen. Deshalb sind Themen wie „Steuern”, „Rente”, „Klima” so schwer greifbar.

Die Politik steht schon für bizarre Situationen: In Nordrhein-Westfalen ist es erlaubt, Häuser wegzubaggern, während Windräder nicht mehr modernisiert werden dürfen. Fehlt es hierzulande an einem Gesamtplan, wie man Politik gestaltet, die aufeinander aufbaut und nicht konträr funktioniert?
An Plänen fehlt es nicht. In der Corona-Krise und jetzt in der Flut ist man schon dankbar, wenn das politische Handwerk beherrscht wird und wenn Zuständigkeiten klar geregelt sind. Es sind viele konkrete Verbesserungen nötig und möglich. Auch beim Klimaschutz hat die Politik ja weniger ein Erkenntnisproblem, als eines mit der Umsetzung.

In mehreren Untersuchungen ist herausgekommen, dass junge Menschen nicht zwischen Meinungen via Social-Media und Informationen in den Medien unterscheiden können. Wo könnte man dort in Deutschland ansetzen?
„Zehn Gründe, warum Du deine Social Media Accounts sofort löschen musst” heißt ein Buch von Jaron Lanier. Auch wenn man ihn so nicht wörtlich nehmen muss, sollte man seine Argumente kennen. Medienerziehung ist vielleicht nicht sexy, aber ziemlich nützlich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Talkshow «Maybrit Illner» kehrt am Donnerstag, den 26. August 2021, um 22.15 Uhr aus der Sommerpause zurück.

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