Debatte

FYEO: Gutes Konzept unter falscher Flagge

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Der Bezahldienst aus Unterföhring verfolgte eine gute Idee, die auch von der internationalen Konkurrenz kopiert wurde. Eine Analyse von Fabian Riedner.

In dieser Woche war es soweit: Die ProSiebenSat.1 Media SE teilte mit, dass die Podcast-Applikation For Your Ears Only – kurz FYEO – ab Herbst 2021 eingestellt wird. Der Teil von Seven.One möchte weiterhin Podcast produzieren und mit Partnern wie Studio Bummens (gehört zu Florida TV) auch diese Projekte vermarkten. Aber wie schon bei maxdome hat die ProSiebenSat.1-Gruppe ein weiteres, international ambitioniertes Projekt in den Sand gesetzt. Bereits im Juli 2006 – lange vor Netflix – startete die ProSieben-Gruppe den weltweit ersten Streamingdienst, der nie einen positiven Geschäftsbericht vorweisen konnte. Damals waren astronomische Abo-Gebühren schuld, dieses Mal ist es der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Sendergruppe.

Aber der Reihe nach: FYEO startete im April 2020 auf dem deutschsprachigen Markt und wollte eine Premium-Marke für Podcasts, Hörspiele und weitere Audio-Produkte werden. Die App bot verschiedene kostenfreie und -pflichtige Dienste an, für die man zeitweise ein Nutzerkonto benutzte. Der Premium-Dienst, den die Nutzer 14 Tage kostenlos testen konnten, kostete 4,99 Euro und wurde über die Stores von Apple und Google abgewickelt. Soweit, so gut. Doch die überschaubare Anzahl an exklusiven Eigenproduktionen machten das Angebot nicht wirklich massentauglich und selbst mit 250 Hörbüchern stockte der Ausbau zuletzt merklich.

FYEO bietet verschiedene Podcast aus allen möglichen Genres an. In „Zentrale Zeitgeist“ unterhalten sich beispielsweise Kat Kaufmann und Aurel Mertz über die Themen des Lebens, in „In Sekten“ beschäftigt sich Berni Mayer mit dem dunkeln Thema. „Wir schaffen das“, ein Podcast über Angela Merkels Worte, die auf die Provinz treffen, ist ebenfalls im Angebot. Man kann sich über das Angebot der verschiedenen Podcasts eigentlich nicht beschweren, jedoch kämpft man zeitgleich gegen die Podcast-App von Apple, Spotify und Audio Now aus der RTL-Gruppe. Das RTL-Angebot profitiert von zahlreichen Gesichtern der Sendegruppe, die dort ihre Stimme zur Verfügung stellen.

Die Idee für Podcasts eine monatliche Gebühr zu verlangen, ist recht neu – und sie ist auch ein Wegbereiter. Spotify und Apple haben bereits angekündigt, auf diesen Zug aufspringen zu wollen. Inzwischen ist die Monetarisierung der Podcasts möglich, Spotify arbeitet derzeit noch an der technischen Umsetzung. Jedoch wird sich Seven.One Audio mit der Einstellung der App und als Inhalte-Lieferant der zwei Riesen abhängig machen.

Die Audio-Streaming-App FYEO konnte sich in Deutschland allerdings nie durchsetzen, weil der damalige Vorstandsvorsitzender Thomas Ebeling das Herzstück erst einstellen wollte, dann an die Eigentümer verkaufte: N24. Der von Thorsten Rossmann geleitete Nachrichtensender ist inzwischen Teil der Axel Springer-Familie und ist aus dem Welt-Kosmos nicht mehr wegzudenken. Im Jahr 2010 wurde der Verkauf von N24 durchgeführt, seither hat die ProSiebenSat.1-Gruppe jegliche journalistische Grundlage verloren – und alle Gesichter ebenso.

Um regelmäßige Informationsprogramme benötigt man den Axel Springer-Konzern. Es gibt zwar immer mehr Versuche, mit Dokumentationen zu punkten, aber solange nicht «Joko & Klaas Live» der Absender ist, ist die mediale Aufmerksamkeit gering – stetig sinkend. Vergangene Woche wollte man mit der «akte» zur Primetime aufschlagen, ein Unterfangen, das mit Desinteresse gestraft wurde.

Fazit: Die Aktiengesellschaft wird seit Jahren nicht mehr als Informationsträger wahrgenommen. Erst in eineinhalb Jahren startet man mit der Produktion der eigenen Nachrichten. Es rächt sich, dass man lieber auf kurzfristige Erlöse setzte, statt langfristig in Inhalte Geld zu stecken. Unter „N24 Audio“ hätte FYEO vermutlich mehr Erfolg gehabt.

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