Interview

Eric Welbers: ‚«Sophie Cross» ist für das Streaming besonders geeignet‘

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Derzeit strahlt Das Erste die Drei-Länder-Produktion «Sophie Cross» im Ersten aus. Produzent Welbers sprach mit Quotenmeter über die Herausforderungen bei der Corona-Produktion.

Herr Welbers, vielen Dank für Ihre Zeit. Krimis laufen in diesem Jahr so erfolgreich wie selten zuvor, braucht es da gleich drei Ländern, um für Nachschub zu sorgen? Was sind die Vorteile einer deutsch-belgisch-französischen Koproduktion?
Krimis laufen derzeit in Deutschland besonders gut, wenn wir die Zuschauer in Landschaften mitnehmen, in die sie auch gerne reisen würden. Diesen Eskapismus bedienen wir hier an einem bisher noch nicht so viel bespielten Ort, der belgischen Nordseeküste. Ausgangspunkt war allerdings unser Wunsch nach einer Zusammenarbeit mit Paul Piedfort, dem sehr erfolgreichen visionären belgischen Drehbuchautoren, der unter anderem mit der belgischen Originalfassung von «Professor T.» und «Mord in Brügge» (ASPE) tolle Referenzen vorweisen kann. So haben wir gemeinsam diese Geschichte von Sophie Cross entwickelt. Eine Koproduktion mit Belgien lag nahe und als dann auch noch Frankreich ins Boot kam, war das Triumvirat komplett. Die Internationalität öffnet uns neue Blickwinkel, neue Herangehensweisen und auch wenn es manchmal komplizierter ist, sich mit mehreren Partnern abzustimmen, so empfanden wir diese Zusammenarbeit als sehr belebend und kreativ.

Gerade in Corona-Zeiten muss man auch nach den Nachteilen fragen. Welche logistischen Schwierigkeiten gab es während der Produktion?
Ursprünglich wollten wir mit dem Dreh bereits im April 2020 beginnen, mussten dann aber um drei Monate verschieben. Wie auch bei unseren deutschen Produktionen, galten natürlich auch hier sehr strenge Hygienevorschriften. Zumal Belgien auch noch massiver von der Pandemie betroffen war als Deutschland. Natürlich hat es den Dreh etwas komplizierter gemacht, aber es war nicht unmöglich. Das gesamte Team lebte während der Drehzeit in einer „Bubble“, es wurde sehr viel und regelmäßig getestet, es gab keinerlei Besuche von Außenstehenden am Set und selbstverständlich galt Masken- und Abstandspflicht. Natürlich haben wir uns sehr gefreut, als der Dreh ohne irgendeine Unterbrechung abgeschlossen werden konnte.

Was sind die erzählerischen Unterschiede zu Filmen, die rein auf den deutschen Markt zugeschnitten sind? Geht man anders an die Sache heran als sonst?
Inhaltlich ist es kein großer Unterschied zu einer rein deutschen Produktion, allerdings ist der Weg von der ersten Idee bis zur Umsetzung natürlich ein anderer, wenn so viele Partner involviert sind. Wie schon erwähnt, gab es unsererseits die Idee, einen Krimi an der belgischen Nordseeküste zu erzählen und den Wunsch, mit Paul Piedfort zu arbeiten. Wir hatten dann schnell die Produktionsfirma Les Gens / Gardner & Domm aus der De Mensen Gruppe und dann den belgischen Sender RTBF an Bord, noch bevor die Degeto dabei war. Zu dem Zeitpunkt dachten wir an eine rein deutsch-belgische Produktion, die auf Flämisch entstehen sollte. Als dann France Télévisions auch noch dazu kam, wurde es insgesamt etwas „französischer“ und diese bunte Mischung ist für diesen Sendeplatz, den die ARD seit Jahren erfolgreich bespielt, wie gemacht.

Im Mittelpunkt von «Sophie Cross» steht eine starke und selbstbewusste Frau, die gegen Widerstände in der Berufswelt ankämpfen muss und sich dabei auch Ärger einhandelt. Warum wird hier dennoch kein klischeehaftes Rollenbild erzählt?
Sophie Cross ist eine starke Frau, die aber eben nicht deswegen härter kämpfen muss als alle andern. Die Widerstände, die unsere Protagonistin in der Berufswelt bzw. hier konkret bei ihrem neuen Job bei der Kripo erfährt, rühren nicht daher, dass sie eine Frau ist, sondern sind der Tatsache geschuldet, dass sie zuvor eine sehr erfolgreiche Strafverteidigerin war, also mitunter auch dafür verantwortlich ist, dass Kriminelle nicht die Strafe erhielten, die die Ermittler sich vielleicht gewünscht hätten. Das kommt vor allem bei Sophies neuem Vorgesetzten Gabriel nicht so gut an, auch wenn sie nun die Seiten gewechselt hat. Zudem ist Sophies Ehemann Thomas Chef der Kripo, d.h. auch die Befürchtung einer „Sonderbehandlung“ steht gelegentlich im Raum. Und natürlich schwingt das Trauma über das Verschwinden ihres Sohnes und ihre zunächst heimliche Suche nach neuen Spuren permanent mit. Ihre Kolleginnen und Kollegen merken trotz aller Skepsis aber bald, dass Sophies berufliche Vergangenheit und Erfahrung die polizeiliche Ermittlungsarbeit durchaus bereichert.

«Sophie Cross» ist eine Mini-Serie. Online laufen diese häufig sehr erfolgreich. Das Erste setzt eher auf Krimi-Reihen, die lange fortgeführt werden können. Was lässt sie daran glauben, dass «Sophie Cross» Erfolg haben wird?
«Sophie Cross» ist keine Mini-Serie sondern eine Krimi-Reihe, mit abgeschlossenen Fällen aber mit einer sehr starken Horizontalen, die noch lange nicht auserzählt ist. Wir denken, dass da noch einiges kommen kann. Die Mischung aus cleveren Kriminalfällen, einer relevanten Horizontalen, einer hervorragenden Besetzung und einer großartigen Inszenierung vor traumhafter Kulisse machen «Sophie Cross» in meinen Augen zu einem Format mit großem Potential.

Vor wenigen Wochen startete die „European Collection“, ein Digital-Projekt verschiedener europäischer Rundfunkanstalten zu aktuellen Themen aus Politik und Gesellschaft. Der Trend zeigt also hin zu einer stärkeren europäischen Vernetzung. Wird es in Zukunft mehr internationale Koproduktionen geben?
Ja, das halte ich für durchaus wahrscheinlich. Es wird immer mehr Content benötigt und der Wettbewerb wird größer. Letztendlich versuchen die Europäer durch diese Zusammenarbeit, sich gegen die großen internationalen Streaming-Anbieter durchzusetzen. Die sprachlichen und kulturellen Hürden sind inzwischen gesunken und es steigt u.a. auch die Akzeptanz von Untertitelungen. Die Bündelung von grenzüberschreitender Kreativität kann nur für alle Beteiligten und vor allem für das Publikum eine echte Bereicherung sein.

Dem Ersten fehlen häufig junge Zuschauer, versucht man durch den Glanz einer internationalen Koproduktion diese Zuschauergruppe zum Öffentlich-Rechtlichen zu locken? Wen möchten Sie mit «Sophie Cross» besonders ansprechen?
Ich bin überzeugt, dass «Sophie Cross» für ein sehr breites Publikum ansprechend ist. Wir erzählen starke Kriminalfälle in ungewohnter Umgebung mit Figuren, die es so noch nicht gab. Zudem ist das Format durch seine Internationalität und die starke Horizontale sehr gut für das Streaming geeignet. Diese gleichzeitige Auswertung starker internationaler Koproduktionen über die Mediathek ist natürlich für die ARD, wie für alle klassischen TV-Sender, ein Zugang zu dem Publikum, das das lineare Programm überhaupt nicht mehr nutzt und ermöglicht damit eine massive Erhöhung der Reichweite.

Welche Rolle spielte dabei die Besetzung von Alexia Barlier als Sophie Cross, die über eine große internationale Erfahrung verfügt und sowohl bei Netflix aus auch in verschieden US-Filmen zu sehen ist?
Wir haben ein Casting gemacht und überlegt, wer am besten auf diese Rolle passt. Es sollte eine Französin sein, die international bekannt ist. Glücklicherweise sind wir auf Alexia Barlier gestoßen, die diese Rolle und die Bücher toll fand, und wir haben uns über ihre Zusage sehr gefreut. Sie, wie auch Thomas Jouannet und alle anderen großartigen Kolleginnen und Kollegen, sind für uns ein echter Glücksfall.

Wie schaut es derzeit eigentlich auf dem französischen Krimi-Markt aus? Ist das Genre dort ähnlich erfolgreich wie hierzulande?
Ja, auch das französische TV-Publikum schaut durchaus gerne Formate dieser Art. Recht neu ist, dass inzwischen aber auch Reihen aus Deutschland sehr erfolgreich laufen, wie zum Beispiel «Kommissar Dupin». Der französische Krimi-Markt ist nicht so groß, wie der deutsche, aber es ist interessant zu beobachten, dass Formate der europäischen Nachbarn dort nun auch vermehrt den Weg in die Programme finden.

Danke schön!

Am Samstag läuft im Ersten der vorerst letzte «Sophie Cross»-Teil. Alle Folgen sind in der ARD-Mediathek abrufbar.

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