Interview

Collien Ulmen-Fernandes: 'Mütter müssen eine echte Wahlfreiheit haben'

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Collien Ulmen-Fernandes erklärt im Quotenmeter-Interview, wie Kinder schon von klein auf in Geschlechterrollen gedrängt werden. Daher ist es wichtig Gleichberechtigung im Kindesalter zu lehren und zu lernen. Außerdem verrät sie, dass weibliche Berufstätigkeit auf Kinder positive Auswirkungen hat.

Frau Ulmen-Fernandes, vielen Dank für ihre Zeit zum Interview. Das ist tatsächlich keine Floskel, sondern spielt auf ihre vielen Beschäftigungen an. Dazu sind sie Mutter eines jungen Kindes. Wie sehr zehrt die Corona-Pandemie an ihren Kräften und Nerven? Stichwort Homeschooling und Lockdown.
Momentan ist mein Leben nicht anders als vor der Pandemie. Ich drehe Filme und Sendungen, bin dafür im In- und Ausland unterwegs. Ich weiß, dass ich diesbezüglich in einer äußerst privilegierten Situation bin und dass diese Pandemie viele KünstlerInnen an den Rand ihrer ökonomischen Existenz gebracht hat. Ich freue mich, dass ich durchweg weiterarbeiten konnte und bin wahnsinnig dankbar dafür. Auch mit dem Homeschooling kommen wir inzwischen gut klar. Anfangs hat unsere Tochter noch versucht uns auszutricksen, bei der Kontrolle einfach alte Aufgaben gezeigt. Aber diesen Trick haben wir mittlerweile durchschaut. Damit kommt sie jetzt nicht mehr durch. (lacht)

Kürzlich standen Sie zum ersten Mal beim «Traumschiff» vor der Kamera. War das eine willkommene Abwechslung?
Absolut. Es ist natürlich toll, vor allem in diesen Zeiten, auf den Malediven drehen zu dürfen. Die gesamte Traumschiff-Produktion fühlte sich wie eine surreale Parallelwelt an.

Nun widmen Sie sich im Social Factual «Rabenmütter oder Super Moms?» einem ernsten Thema und greifen mit Geschlechterklischees eine komplexe Problematik auf. Wie kam es dazu?
Das Thema haben wir bereits in der Dokumentation «No More Boys And Girls» intensiv behandelt. In der Sendung haben wir uns mit dem Geschlechterbild der jüngeren Generation auseinandergesetzt. In dem Fragebogen, den wir den Kindern eingangs hinlegten, kreuzten tatsächlich 100 Prozent der Kinder an, dass ‚Geld verdienen‘ Männersache und ‚sich um Kinder kümmern‘ Frauensache sei. So sind wir sozialisiert. Das ist die gelernte Norm. In «Rabenmütter oder Super Moms?» kommt eine Zahl vor, die mich tatsächlich sehr erstaunt hat: In nur einem Prozent der deutschen Familien ist die Mutter die Familienernährerin. Wir schauen, warum wir größtenteils, noch immer in diesen klassischen Bildern verharren, wie es diesbezüglich in anderen Ländern aussieht, welche politischen Konzepte es geben könnte, wir begleiten Mütter mit unterschiedlichen Lebenskonzepten in ihrem Alltag. Dazu spreche ich unter anderem mit Politologinnen und Geschlechterforscherinnen.

Wie oft wird eigentlich ihr Mann, Christian Ulmen, mit der anfangs gestellten Frage konfrontiert?
Noch nie. Daran lässt sich schon das Grundsatzproblem erkennen.

Annalena Baerbock, die designierte Kanzlerkandidatin der Grünen, ist ein weiteres Beispiel für diesen strukturellen Sexismus. Im ProSieben-Interview wurde sie gefragt, wie sie es denn im Privaten erkläre, bald möglicherweise Kanzlerin zu sein. Eine Frage, die Armin Laschet nicht gestellt wird.
Das liegt daran, dass die Zuständigkeit für Kind und Haushalt noch immer ganz klar bei der Frau gesehen wird. Kann sie ihrer natürlichen Aufgabe als Familien-Umsorgerin nicht nachkommen, hat sie sich um anderweitige Betreuung und eben auch um die Organisation dieser zu kümmern. Die Verantwortlichkeit und Zuständigkeit bleibt bei ihr. Daher werden Schauspielerinnen, angehende Kanzlerinnen, Moderatorinnen, Geschäftsführerinnen allesamt ständig gefragt, wie sie denn das mit der Kinderbetreuung so organisieren, jetzt wo sie doch gerade hier auf der Bühne stehen.

Nun ist nicht jede Mutter auch Spitzenpolitikerin und Kanzlerkandidatin, oder steht wie Sie in der Öffentlichkeit. Negative Äußerungen und Anfeindungen hören trotzdem viele. Wurde Ihnen das auch schon um die Ohren geschlagen?
Natürlich. Gerade im Kontext mit dem «Traumschiff» habe ich häufig gehört, wie ich als Mutter bitteschön für Dreharbeiten ins Ausland reisen und mein Kind einfach zurücklassen könne. Männer hören diesen Vorwurf nie. Aber auch die Frauen, die wir in der Sendung begleiten, die allesamt nicht in der Öffentlichkeit stehen, kennen den Vorwurf der Rabenmutter, werden für ihre Berufstätigkeit ebenso angefeindet.

Ihre Sendung «Rabenmütter oder Super Moms?» ist am 6. Mai bei ZDFneo zu sehen. Darin versuchen Sie dem Begriff ‚Rabenmutter‘ auf den Grund zu gehen und wollen die verkrusteten Ansichten, dass Frauen automatisch für die Familie verantwortlich sind, aufbrechen. Wäre es dafür nicht sinnvoller ein älteres Publikum anzusprechen, wie es beispielsweise das ZDF-Hauptprogramm bietet?
Eine aktuelle Jugendstudie hat ergeben, dass ein Großteil der jungen Menschen – die Befragten waren alle unter 25 – der Ansicht ist, dass es gut wäre, wenn der Mann der Alleinverdiener oder wenigstens der Hauptverdiener wäre. Dieses Rollenbild hat auch «No More Boys And Girls» ergeben. Wir erleben in Deutschland gerade tendenziell eher einen Backlash. Ich sehe auch die Medien in der Verantwortung: Eine Analyse der Fiktion hat ergeben, dass 80 Prozent der Frauen in der fiktionalen Welt als Hausfrauen dargestellt werden, nur 20 Prozent arbeiten und nur 1 Prozent hat einen akademischen Grad, sind Ärztinnen oder Wissenschaftlerinnen. In Filmen und Serien für Kinder ist das Geschlechterbild sogar noch viel stereotyper.

Was ist in ihren Augen als Mutter ihre größte Angst, wie sich Geschlechter-Klischees auf die kommenden Generationen auswirken können?
Wie sich das auswirken kann, sieht man in «No More Boys And Girls». Auch der Trend des Gendermarketings trägt seinen Teil dazu bei. Auf Produkten für Mädchen findet man verniedlichende Begriffe und Aufschriften, die mit Äußerlichkeiten zu tun haben – T-Shirt-Prints wie ‚little beauty‘ und ‚pretty girl‘ –, während geistiges Empowerment nur in der Jungsabteilung zu finden ist, mit Shirt-Claims wie ‚Genie im Wachstum‘ oder ‚born to be legendary‘, wie eine großangelegte T-Shirt-Analyse ergeben hat. Neulich hielt ich ein Jungs-Buch in den Händen mit dem Titel ‚How to be clever‘. Das Pendant für Mädchen hieß ‚How to be beautiful‘. Dieser Trend nimmt seit 15 Jahren zu und hat Auswirkungen auf die Kinder. Mädchen halten sich für weniger intelligent. Ihnen wird schließlich ständig und überall suggeriert, dass sie in erster Linie für das Schön- und Niedlich-Sein zuständig sind. In einer amerikanischen Studie wurde Kindern eine Geschichte von einem superschlauen Kind erzählt. Hinterher sollten sie raten, ob das Kind ein Junge oder ein Mädchen ist. Die meisten Kinder, Jungs wie Mädchen, tippten, dass es sich um einen Jungen handeln muss. Schließlich ist das Kind ja sehr, sehr clever.

‚Ich habe nicht umsonst viele Jahre und viel Energie in meine Ausbildung investiert, um dann mein Hirn im Kreißsaal zu verlieren‘, sagt eine der vier Mütter im Film. Ist das nicht die perfekte Antwort auf alle ‚Rabenmütter‘-Beschimpfungen?
Die perfekte Antwort auf alle Rabenmütter-Beschimpfungen ist eine Studie der Harvard-Universität zum Thema ‚Auswirkungen weiblicher Berufstätigkeit‘. Für diese Studie wurden Daten aus 24 Ländern ausgewertet, mit dem Ergebnis, dass die Kinder berufstätiger Mütter gleich auf mehreren Ebenen profitieren: Sie machen schneller Karriere, sie verdienen besser und sie führen gleichberechtigtere Beziehungen.
Es geht mir nicht darum zu sagen, dass alle Mütter arbeiten gehen müssen. Vor allem geht es um Wahlfreiheit. Manchmal habe ich das Gefühl, dass man es als Mutter nur falsch machen kann. Bleibst Du zu Hause bist Du das Heimchen am Herd, gehst Du arbeiten bist Du die Rabenmutter. Jedes Modell von Mutterschaft wird diskutiert und verurteilt. Das muss aufhören, damit Mütter eine echte Wahlfreiheit haben.

Die Reportage beleuchtet das Phänomen Rabenmutter aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Eine Soziologin beispielsweise stellt klar, dass es in Ostdeutschland viel häufiger der Fall ist, dass beide Elternteile arbeiten gehen. Der Grund ist simpel wie erstaunlich: Es war einfach schon immer so, weil die Kinderbetreuung früher besser organisiert war. Heißt das im Umkehrschluss, die Politik macht einfach zu wenig für die Gleichberechtigung?
Im Gender Gap Report liegt Deutschland hinter Ländern wie Ruanda, Burundi und Nicaragua. Im derzeitigen Tempo wird es noch 170 Jahre dauern, bis Frauen und Männer dieselben Chancen haben. Wir wagen in der Sendung daher auch den Blick in andere Länder, um zu schauen, was die besser machen als wir, welche politischen Konzepte man sich abschauen könnte. Der Themenblock ist viel zu umfangreich, um ihn hier kurz herunterzubrechen. Wer sich dafür interessiert, kann sich ja die Sendungen anschauen: Am 6. Mai um 20:15 auf ZDFneo. Fakt ist: Wir haben definitiv keine 170 Jahre mehr Zeit, um auf echte Gleichberechtigung zu warten, daher sollten wir das Thema jetzt anpacken.

ZDFneo zeigt «Rabenmütter oder Super Moms?» am Donnerstag, 6. Mai, ab 20:15 Uhr. Das von Collien Ulmen-Fernandes moderierte Social Factual ist bereits ab 10:00 Uhr in der ZDFmediathek verfügbar.

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