Die Kritiker

«Tatort - Was wir erben»

von

Eine alte Frau stürzt in einem Anwesen die Treppe runter: Unfall oder Mordversuch? Es folgt ein «Tatort» unter Corona-Bedingungen – nur ohne Corona.

Stab

Darsteller: Eva Löbau, Hans-Jochen Wagner, Jenny Schily, Jan Messutat, Johanna Polley
Regie: Franziska Schlotterer
Buch: Patrick Brunken
Kamera: Stefan Sommer
Schnitt: Sabine Garscha
Die Corona-Pandemie wird im «Tatort» vom kommenden Sonntag mit keinem Wort erwähnt. Niemand trägt eine Maske, niemand desinfiziert sich die Hände, niemand mahnt zu Abstand oder verlegt eine Besprechung nach draußen. Und doch ist die Corona-Lebensweise in diesem Film allgegenwärtig: Weil es nur wenige Sets gibt, weil die Handlung stark darauf abzielt, immer nur eine Handvoll Figuren aufeinander treffen zu lassen, weil vieles so gestelzt wirkt, als habe man das Drehbuch um die äußeren Rahmenbedingungen herumschreiben müssen: Nur keine Massenszenen, nur keine vollgepferchten Räume.

Nicht nur deshalb wirken all die Filme und Serien, in denen Innenräume mittlerweile mit einer gewissen Selbstverständlichkeit nur noch mit Mundschutz betreten werden und persönlicher Abstand das Maß aller Dinge ist, wesentlich authentischer als «Was wir erben»: Drehen soll sich die Geschichte derweil um eine alte badische Industriellendynastie, deren Matriarchin gerade ihren Nachlass regeln will: Das Haus soll ihre frisch getraute Ehefrau erben, der sie am selben Tag vor dem Standesamt das Jawort gegeben hat und die bis dato als ihre „Gesellschafterin“ von der Familie bezahlt wurde. Sohn, Tochter und Enkelin sind fassungslos und torpedieren den Notartermin, bis die alte Firmenführerin aus Wut und Kränkung die Flucht ergreift – nur um wenig später auf dem Treppenabsatz zu stürzen und sich dabei schwer zu verletzen.

Ob einer der möglichen Erben sie geschubst hat – aus Rache, im Zorn oder aus Missgunst? Das sollen nun die Kommissare Franziska Tobler (Eva Löbau) und Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) klären und verlassen dabei auffallend selten den noblen Landsitz der Familie, in dem sich das Unglück (oder der Mord?) ereignet hat. Das weckt Erinnerungen an „Mord im Orient Express“ oder andere bekannte Stoffe, in denen im Rahmen eines engen Kammerspiels eine atemberaubende Enthüllung an die nächste gereiht werden soll.

Diese – hier eher aus der Not geborene – Experimentierfreude am Sonntagabend mag man schon aus Prinzip loben wollen, weil es immer schön ist, wenn das Fernsehen seine Zuschauer herausfordert, um ganz in seiner Erzählung, seinem Stoff und seinen Figuren aufzugehen. Leider ist dieses Experiment jedoch nicht geglückt. Denn es fehlt an dem wichtigsten Element, das einen solchen Film zusammenhalten muss: Spannung.

Statt dicht an dicht eine Enthüllung auf die nächste folgen zu lassen, drehen sich die badischen Kommissare (und der Handlungsabriss) immer wieder im Kreis, bis am Schluss eine der weniger plausiblen Möglichkeiten als die richtige Lösung präsentiert wird. Dabei driftet der Stoff zu einer Diskussion über die gesellschaftliche Ungerechtigkeit des Erbens an sich ab, wo auch die Lebensumstände der Kommissare aufeinanderprallen: Friedemann Berg ist dank eines nicht zu verachtenden Nachlasses abgesichert, Franziska Tobler wird sich dagegen wohl nie auf einen familiären Geldsegen freuen können. Das streut zwar keine Missgunst zwischen den beiden alten Hasen, die sich auch ansonsten gut leiden können, stößt aber bei beiden ein paar Gedanken an – die das Drehbuch dann aber nicht weiter ausführen will. So verlässt der Zuschauer diesen Film leider um keine Erkenntnis reicher.

Das Erste zeigt «Tatort – Was wir erben» am Sonntag, den 25. April um 20.15 Uhr.

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