Die Kritiker

«Kommissar Beck – Undercover»

von

Ein junger Drogendealer wird ermordet. Wollte er zu hoch hinaus? Ging es ihm um das ganz schnelle Geld? Die Stockholmer Polizei zumindest kann diesen Fall nicht so schnell zu den Akten legen, der tote Junge ist nämlich der Neffe eines großen Bosses. Und der wird sicher nicht einfach akzeptieren, dass sich sein Neffe offenbar mit den falschen Leuten angelegt hat.

Stab

REGIE: Portus Kremling
BUCH: Johann Bogaeus
SCHNITT: Håkan Wärn
KAMERA: Mats Axby
KOSTÜME: Maria Felldin Almgren
MUSIK: Adam Nordén
DARSTELLER: Peter Haber, Jennie Silfverhjelm, Kristofer Hivju, Rebecka Hemse, Martin Wallström, Måns Nathanaelson
Was nach einem spannenden Einstieg in die siebte Staffel von «Kommissar Beck» klingt, entpuppt sich leider als ein ziemlich laues Lüftchen, das nicht nur mit fehlender Spannung zu kämpfen hat. Der Film muss auch mit der Quasi-Abwesenheit der Hauptfigur klarkommen, ohne dabei jedoch einen echten Fokus auf eine neue Hauptfigur zu finden. Schon in der 2018 ausgestrahlten sechsten Staffel deutete sich an, dass sich Hauptdarsteller Peter Haber langsam aus der Serie aus Altersgründen zurückziehen würde. Haber hat 1952 das Licht der Welt als Kind einer Schwedin und eines Deutschen erblickt und wäre er nicht nur ein Fernsehkommissar, sondern ein echter Beamter, befände er sich längst in Pension. Es macht also Sinn, ihn langsam seiner Wege ziehen zu lassen. Die Serie ist international, trotz der teils Jahre dauernden Pausen zwischen den einzelnen Staffeln, höchst erfolgreich und Jennie Silfverhjelm wurde in der Rolle der Kommissarin Alexandra Beijer bereits während der fünften Staffel als Nachfolgerin in Stellung gebracht. Doch richtig von der Leine wird sie in diesem Film nicht gelassen, in dem Peter Haber im Grunde nur als Gaststar in einigen wenigen Szenen auftritt, in diesen Szenen jedoch meist eher wie ein Maskottchen wirkt und nicht zwingend – etwa durch die Erfahrung des alten Schnüfflers – tatsächlich aktiv zur Aufklärung des Falles beitragen würde.

Einem Fall, in dem es um Sandor Mokhtar geht, einen 17, vielleicht 18 Jahre alten Jungen, den man gerne ein Großmaul nennen darf. Sandor fühlt sich bereits als King seines Viertels, denn er ist der Neffe von Tarek Mokhtar. Der ist ein echter Drogenboss und kein kleiner Vorstadtpusher. Sandor sonnt sich im Licht seiner Herkunft, er ist arrogant, von sich eingenommen, großmäulig – und das alles, obwohl er sich seine Meriten noch als kleiner Dealer verdienen muss. Was ihm nicht ausreicht. Er will nicht warten, bis sein Onkel ihm größere Deals anvertraut. Seine Chance sieht er gekommen als er feststellt, dass einer seiner Kunden das Kokain, das dieser ihm abnimmt, in Wahrheit dem Vergnügen einer bekannte Wirtschaftslobbyistin dient. Sandor verlangt also stante pede von seinem Käufer 200.000 Kronen, da sich sonst die Presse sicher für die Nasenlöcher der Dame etwas genauer interessieren wird. Am folgenden Tag liegt Sandor erstochen in einem Kanal der Stadt. Nun war Sandor vielleicht ein Großmaul, schlau war er nicht. Er hat nicht nur Spuren hinterlassen, im Grunde hat er seinen Weg mit Wegweisern ausgeschmückt und so brauchen Alexandra und ihr Partner Steinar Hovland nur diesen Wegweisern folgen und schon finden sie Sandors Verbindungsmann, den Dealer, der ihn mit Koks im Auftrag der Organisation seines Onkels versorgt hat: Josef Eriksson. Als Josef sich versucht seiner Verhaftung zu entziehen, gerät er mit Steinar aneinander. Allein Beck (der der Verhaftung passiv beiwohnt) erkennt, warum Josef derart außer sich ist. Josef ist kein Dealer. Josef ist ein Undercover-Polizist, der sich über Monate hinweg das Vertrauen der Dealer aus Mokhtars Umfeld erkämpft hat und von denen als einer der ihren akzeptiert wird. Seine Mission: Tarek Mokhtar ausfindig zu machen, der sich zwar mutmaßlich in die Niederlande abgesetzt hat, der aber irgendwann zurückkehren muss.

Die Tatsache, dass Josef ein Polizist ist, macht ihn allerdings nicht weniger zum Verdächtigen. Was, wenn er Sandor umgebracht hat, um Tarek aus seinem Versteck zu locken?

Wie bereits eingangs geschrieben steht, klingt die Handlungszusammenfassung alles andere als unspannend. Nur weiß die Story recht wenig aus dieser Ausgangssituation zu machen. Statt den Fokus etwa ganz auf Josef zu richten, verhaspelt sich die Inszenierung in diversen Nebenschauplätzen. Da ist etwa Steinar Hovlands Sehnsucht nach Zuhause. Der Polizist, ein gebürtiger Norweger, vermisst seine Kinder, er fühlt sich einsam, ja er versucht über Tinder vielleicht ein Date zu finden. Das ist alles ja ganz nett, die Kriminalfilme der Reihe «Kommissar Beck» leben seit nunmehr über 20 Jahren davon, dass sie nie nur einen Kriminalfall behandeln, sondern immer auch Platz für persönliche Geschichten finden und ihren handelnden Figuren dadurch eine echte Persönlichkeit verleihen. Im Fall von «Undercover» jedoch dienen diese persönlichen Geschichten in erster Linie dem Strecken der Story der Kriminalhandlung, denn die ist dünn. So machen Steinar und Alexandra im Nu jene Wirtschaftslobbyistin ausfindig, die gerne mal eine Linie zum Vergnügen zieht. Ergibt sich daraus ein Verdacht, eine Spur, irgend etwas?

Nein, die Dame – die sich angeblich in höchsten Wirtschafts- und Politikkreisen bewegt -, wirkt unsicher wie ein sechsjähriges Mädchen, das mit der Hand in der Keksdose erwischt worden ist. Man redet, man baut irgend eine Pseudospur zu ihrem Quasi-Freund auf (ihrem Drogeneinkäufer), was alles nicht nur auf eine irritierende Weise durch das unsichere Auftreten der Lobbyistin unglaubwürdig wirkt, der ganze Akt entstammt vielmehr dem Klemmbausteinkasten „Falsche Fährten für Dummies“, denn trotz des Erpressungsversuches von Sandor spürt man förmlich, dass aus diesem Handlungsstrang nichts wird. Warum? Weil er in der Folge quasi vergessen und kaum weiter verfolgt wird, da sich die Ermittler doch wieder auf Josef einschießen. Während Martin Wallström, der Darsteller Josefs, immerhin einige Szenen hat, die erkennen lassen, dass dieser Josef im Grunde ein verzweifelter Ermittler ist, der in seinem Kampf gegen das organisierte Verbrechen an einem Punkt angelangt ist, an dem er definitiv nicht mehr davor zurückschreckt Dinge zu tun, die nicht durch die Gesetze, denen er eigentlich dient, gedeckt sind - liefert der Rest des Ensembles Dienst nach Vorschrift. Was den Schauspielerinnen und Schauspielern nicht vorzuwerfen ist.



Das Drehbuch gibt ihnen einfach nichts zu tun. Sie verwalten im Grunde die zu erzählende Geschichte, sagen brav ihre Dialogzeilen auf und dann muss etwa alle 15 Minuten Peter Haber einmal auftreten, damit die Serie noch unter dem Titel «Kommissar Beck» verkauft werden kann. Zwar gelingt der Story nach rund einer Stunde Spielzeit ein überraschender, narrativer Bruch, der für einen Moment die ausgetretenen Pfade des bis dato wenig erquicklichen Kriminalspiels verlassen und die Story für einen Moment in eine vollkommen unvorhergesehene Richtung führen, doch mit diesem Bruch weiß die Inszenierung nicht wirklich viel anzufangen. Statt dessen wird vollkommen unnötig noch schnell ein Gewaltakt in die Story eingefügt, um für den Showdown ein bisschen Action zu generieren, welche davon ablenken soll, dass der gesamte Film im Grunde eine laue Luftnummer darstellt. Die Story kann, trotz interessanter Ausgangssituation, einfach nicht packen, die Schauspieler bieten kaum mehr als Hausmannskost, selbst visuell ist dieser Kriminalfilm im besten Fall Durchschnitt, was um so mehr negativ ins Gewicht fällt, bedenkt man, dass «Kommissar Beck» ab 1997 maßgeblich den Look skandinavischer Kriminalfilme, den Nordic Noir, geprägt hat. Dass dieser Spielfilm im Grunde seinen Nachfolgern, Epigonen, Plagiatoren hinterher läuft und auch visuell kaum mehr als konventionelles Fastfood zu bieten hat, ist eine wenig erfreuliche Erkenntnis am Ende dieses müden Staffelauftaktes.

«Kommissar Beck» ist ab Sonntag, den 4. April 2021, um 22.00 Uhr im ZDF zu sehen.

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