Die Kritiker

«Teheran Tabu»

von

Unter dem Label "Sehnsucht nach Freiheit" zeigt das ZDF im Rahmen seines "Kleinen Fernsehspiels" am späten Montagabend einen beeindruckenden Spielfilm.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Elmira Rafizadeh als Pari
Alireza Bayram als Mohsen
Arash Marandi als Babak
Negar Mona Alizadeh als Donya
Zahra Amir Ebrahimi als Sara
Bilal Yasar als Elias
Thomas Nash als Joseph

Hinter der Kamera:
Produktion: Little Dream Entertainment GmbH, Coop99 Filmproduktion GmbH, Red Parrot Studios, ZDF und arte
Drehbuch, Regie und Art Direction: Ali Soozandeh
Kamera: Martin Gschlacht
Produzenten: Frank Geiger und Ali Samadi Ahadi
Einer der größten „iranischen“ Filme der letzten Jahrzehnte dürfte der Animationsfilm «Persepolis» von Marjane Satrapi gewesen sein, der auf ihren gleichnamigen Graphic Novels basierte und vornehmlich in den frühen Jahren nach dem Sturz des Schahs spielte – die Anführungszeichen um das Herkunftsland deshalb, weil der Film mit seiner regimekritischen Haltung unmöglich im heutigen Iran hätte produziert werden können und die Autobiographin längst in Frankreich lebt.

Vor einem ähnlichen Problem stand auch der in Deutschland lebende iranische Künstler Ali Soozandeh, als er mit «Teheran Tabu» die eng miteinander verflochtenen Geschichten einer Handvoll heutiger Bewohner der Hauptstadt des Landes erzählen wollte, die vorbei an religiösem Zynismus, partiarchaler Bevormundung und elender Heuchelei doch nach so etwas wie Freiheit streben. Soonzadehs Lösung ist jener ähnlich, die Satrapi für ihre «Persepolis»-Erzählung wählte: Animation. «Teheran Tabu» will jedoch auch in optischer Hinsicht näher an der Realität bleiben und bediente sich deshalb der Rotoskopie-Technik, mit deren Hilfe reale Schauspieler in Comicfiguren übertragen wurden. Das Ergebnis wirkt bisweilen ähnlich traumhaft-verfremdet wie Ari Folmans «Waltz with Bashir».
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Die Geschichten dagegen entstammen der brutalen Realität des iranischen Alltags: Eine junge Frau schläft bei einer Party zwanglos mit einem jungen Mann; danach müssen sie irgendwie Geld aufbringen, damit ihr ein tatteriger Typ in einem versifften Hinterhof die Vagina zurück in die Jungfräulichkeit operiert. Eine alleinerziehende Prostituierte nimmt ihren fünfjährigen Sohn mit zu Kundenterminen und gerät in die Abhängigkeit eines schmierigen Ayatollahs. Derweil fühlt sich eine intellektuell ambitionierte Lehrerin zunehmend von der Religiosität und überkandidelten Sittsamkeit ihrer Schwiegereltern und ihres eher traditionellen Mannes erdrückt.

In Soonzadehs Narrative werden diese Geschichten sehr kunstvoll miteinander verbunden, auch wenn dabei kein Teheraner Panoptikum entsteht oder gar nur angestrebt wird. Stattdessen werden die Günstlinge und Profiteure des Regimes konsequent (und folgerichtig) als scheinheilige Nutznießer vorgestellt, die das Unterdrückungssystem zu ihrem Gewinn manipulieren: Religion ist nicht Sinn und Zweck des gesellschaftlichen Zusammenlebens, sondern ein irgendwie beliebiger Überbau, und Misogynie ist sein Machtmittel.

Obwohl «Teheran Tabu» den Auftakt zu drei Spielfilmen geben will, die das ZDF im Rahmen seines Kleinen Fernsehspiels unter dem optimistischen Titel „Sehnsucht nach Freiheit“ zeigt, ist seine Wirkung doch erstaunlich desillusionierend. Denn die einzige Hoffnung ist die Emigration: Zu tief verwurzelt sind die unterdrückerischen Leitgedanken von Regime und Gesellschaft, zu fest im Sattel die Machthaber, zu satt die Apparatschiks. Man muss verrückt sein, um in diesem Land zu leben, macht es eine Figur am Rande explizit, und den einzigen Ausweg lässt dieser Film im Tod enden. Deutlicher geht es nicht mehr – und bedauerlicherweise auch nicht konsequenter.

Das ZDF zeigt «Teheran Tabu» am Montag, den 4. Mai um 22.55 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/118015
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