Die Kritiker

Digital Detox? Wenn Freunde nur noch Hyperlinks sind

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Die Kritiker: In «Hilfe, wir sind offline!» verordnet eine Mutter ihrer Familie kollektives Internetverbot. Ist der Film billige Smartphone-Polemik oder reizüberflutende Sozialkritik?

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Nina Kunzendorf («Nacht der Angst») als Heike, Christoph M. Ohrt («Toter Mann») als Klaus, Tara Fischer («Bruder vor Luder») als Marie, Ludwig Skuras als Benny, Tina Engel als Barbara, Rudolf Kowalski («Bella Block») als Bernd, Michaela Caspar als Frau Mertens, Bettina Stucky als Doris und viele mehr


Hinter den Kulissen:
Regie: Ingo Rasper, Buch: Martin Rauhaus, Musik: Martin Probst und Raffael Holzhauser, Kamera: Sönke Hansen, Schnitt: Nicola Undritz und Günther Heinzel, Produzentin: Ariane Krampe, Produktion: Ariane Krampe Filmproduktion München

Früher, da haben wir noch draußen im Matsch gespielt und uns noch richtig dreckig gemacht! Wer solche Sätze begrüßt und nicht als Reaktion gelangweilt sein Gesicht im Smartphone vergräbt, der dürfte spätestens in den 90er-Jahren geboren sein – eher aber noch früher. Sie ist allgegenwärtig, die oft Stammtisch-artige Verteufelung der Jugend qua Geburtsjahr, welche de facto kaum mehr eine Chance hat das Gegenteil zu beweisen. Nur noch Internet, nie mehr Draußen, so ist die Kritik, die oft über eine gesamte Generation gezogen wird wie Farbe über die Wand. Ganz unabhängig davon, ob sich dreckig zu machen aber nun schon ein Wert an sich ist, versucht sich der ZDF-Film «Hilfe, wir sind offline!» mit dem Phänomen permanenter Erreichbarkeit auseinanderzusetzen.

Denn zweifellos ist mit der Möglichkeit, immer und überall verfügbar zu sein ein gewisser Druck verbunden. Egal ob Arbeitnehmer, der auch nach Feierabend immer wieder auf wichtige oder weniger wichtige Mails antwortet oder Teenie-Mädchen, das die News in der Clique nach Schulschluss via WhatsApp bekommt. Doch, dass es manchem zu bunt wird, wenn er vor dem Essen noch eben darauf warten muss, dass alle anderen ihre 37 Foodporn-Fotos für Instagram gemacht haben, ist wohl nachvollziehbar. Klar, den richtigen Winkel und die optimale Beleuchtung braucht es schließlich, alles kann der Filter ja auch nicht mehr retten. Aber können wir denn nicht einfach essen? Mutter Heike jedenfalls hält es irgendwann nicht mehr aus, wie Kinder und Mann kommunizieren (oder nicht kommunizieren) und legt ihrem Sohn Benny vor lauter Eskalation ein rohes Steak auf das frisch geschenkte Geburtstags-Smartphone. Der wirft es weniger angewidert als viel mehr unterbrochen weg, solange bis Heike völlig ausflippt.

Steckbrief

Frederic Servatius schreibt seit 2013 für Quotenmeter. Dabei ist er zuständig für Rezensionen und Schwerpunktthemen. Wenn er nicht für unser Magazin aktiv ist, arbeitet er im Verlag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder schreibt an seinem Blog. Immer wieder könnt Ihr Frederic auch bei Quotenmeter.FM hören. Bei Twitter ist er als @FredericSrvts zu finden.
Doch es überrascht beim Titel des Filmes wohl kaum, dass damit noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Auch Teenie-Tochter Marie und Systemadministrator Klaus können die Hände nicht von ihren Touchscreens lassen. Für Heike gibt es daher nur eine Reaktion: Jetzt ist erstmal Ende mit Online. Alle Geräte kommen in den Keller, telefonisch gibt es nur noch Festnetz und auf alles andere muss verzichtet werden. Dass die Kinder damit als digitale Outsider dastehen und Mann Klaus als beruflicher Onliner sogar Probleme im Job bekommt, ist der analogen Powerfrau dabei zunächst egal – es wird viel mehr bewusst in Kauf genommen. Benny ist davon erstmal besonders brüskiert – hat er das neueste „Dimsung“-Modell doch gerade erst zum 15. Geburtstag bekommen. Doch wenn es nach Heike geht, kann es genau so nicht weitergehen. Wenn sogar der Liebhaber von historischen Büchern lieber online bestellt, als in ihrem Buchhandel zu kaufen, muss doch mit der Gesellschaft etwas falsch sein, oder nicht?

Entschlackung durch Digital Detox? Der Weg ist weit.


Zumindest der Weg zur Einsicht ist bei den Familienmitgliedern tatsächlich gar nicht so kurz. Als Heike von vier Wochen internetloser Zeit spricht, ist die Empörung spätestens ausgebrochen. Dass der hölzern vorgetragene Benny mal eben fast 2000 Euro beim Online-Poker verzockt hat, wird da fast zur Nebensache. Und auch das Daddy Klaus online fremd geflirtet hat, birgt eher ein mäßig hohes Schockniveau. Ganz muttiesk ist es bei Heike eher Enttäuschung denn Wut.

Dabei wird recht deutlich, dass das Internet eben nicht nur sein Schlechtes hat. So zitiert Marie neben Abe Lincoln auch andere bedeutende Figuren der Geschichte – alles natürlich gelernt im Netz. Ein zu erwartender Kniff: Auch Heike selbst ärgert sich über die mangelnde Verfügbarkeit und stellt fest, dass auch sie ein Stück weit darauf angewiesen ist, erreichbar zu sein. Das mag man doof finden, gesellschaftliche Realität ist es dennoch. Nicht ganz zu Unrecht stellt Heike aber auch fest, dass die 738 „Fiesibook“-Freunde keine solchen, sondern nur Links sind. Diese kritische Betrachtung gipfelt in der bewussten Überzeichnung auf der einen Seite, wenn es der Familie nicht mal mehr möglich ist ein Ei zu kochen, ohne das Smartphone zur Hilfe zu haben und auf der anderen Seite in absurden Offline-Freizeit-Aktivitäten: Ob die Teenie-Kinder mit Perücke Gangnam-Style tanzen oder die Familie unvermittelt den Robodance macht: Davon, über einen Hai zu springen, ist man nicht mehr besonders weit weg.

„Tschüssi, und Danke für die Kohle“ – Dialoge aus der Hölle


Und so differenziert die Betrachtung an vielen Stellen nun sein mag, über die durch die Bank weg plumpen Dialoge täuscht das kaum hinweg. Ob die Nacktfoto versendende Tochter davon spricht, dass Chantal ja so ‘ne Bitch sei oder ihr Bruder sich zum Geburtstag bei seinen Großeltern mit den Worten „Tschüssi, und Danke für die Kohle“ bedankt, die Jugend jedenfalls wird nicht glaubwürdig eingefangen. Gerade das also, was in der Gesamtbetrachtung eigentlich ganz ordentlich läuft, wird dialogisch immer wieder ignoriert. Auch als Mutter Heike ihrem Sohn das Geburtstags-Smartphone ausmacht, wirkt der Dialog so, als benötige er mal ein Update: „Wegen Dir habe ich jetzt noch drei Leben“ – „Wenn es so weiter geht hast Du bald keins mehr.“ Sätze, die wohl schon seit Markteinführung des Gameboy Colour nicht mehr gesprochen werden.

Da hilft es auch leider kaum, dass mit Marie-Darstellerin Tara Fischer und Nina Kunzendorf als Heike besonders die Frauen-Figuren im Ensemble glaubwürdig spielen. Denn wenn die Tochter ihre Mutter mit den Worten „Dackel mir nicht hinterher“ anbrüllt, dann rettet es da auch die gelungen-enttäuschte Mimik nicht mehr wirklich. Schwächer sind ferner die Männer im Cast. Christoph M. Ohrt wirkt häufig ungewohnt steif und auch sein Film-Sohn bekommt meist wenig klare Sätze raus.

Wer aber denkt, er hätte sein Smartphone-Nutzungsverhalten unter Kontrolle, der sollte sich «Hilfe, wir sind offline!» mal zu Gemüte führen. Tatsächlich analysiert die Produktion die Abhängigkeiten nicht unklug ohne dabei zu sehr die Moralkeule zu schwingen – anders als es Mutter Heike logischerweise tut. Die Reizüberflutung wird jedenfalls gekonnt inszeniert. Nur leider machen insbesondere die oft leeren Gespräche und die letztlich positive Verklärung des Offline-Seins die überraschend differenzierte Betrachtung ein Stück weit zu Nichte. Aber immerhin: Hohle „Früher waren unsere Mülltonnen noch aus Holz“-Kritik bietet der Film nicht. Und wenn Vater Klaus wirklich mal flirten will, dann macht er das gewiss nicht nur, weil es da so ‘ne Website gibt.

«Hilfe, wir sind offline!» gibt es am Donnerstag, 27. Oktober um 20.15 Uhr im ZDF zu sehen.

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