Serientäter

«Leanne»: Chuck Lorre zwischen Südstaatenhumor und Figurenchaos

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Mit «Leanne» versucht Sitcom-Legende Chuck Lorre, Netflix-Publikum und Südstaatenhumor unter einen Hut zu bringen. Doch zwischen überfrachtetem Figurenensemble, klischeehaften Pointen und unentschlossenen Storylines verliert die Serie schnell an Biss – und zeigt, wie schwer es selbst für einen TV-Hitgaranten sein kann, in der Streaming-Ära neue Klassiker zu schaffen.

Chuck Lorre ist einer der wenigen Sitcom-Macher, deren Name allein schon Erwartungen weckt. Mit Formaten wie «Two and a Half Men», «The Big Bang Theory» und «Mom» hat er gleich mehrfach TV-Geschichte geschrieben. In den letzten Jahren bewies er zudem, dass er selbst Spin-offs oder Ableger zum Laufen bringen kann – etwa «Young Sheldon» und jüngst «Georgie and Mandy’s First Marriage». Gemeinsam mit Autorin Susan McMartin («Mom») und der US-Komikerin Leanne Morgan wagte er sich nun an ein neues Projekt für Netflix: «Leanne».

Die Grundidee klingt nach klassischem Lorre-Material: Eine Frau in den besten Jahren wird nach Jahrzehnten Ehe von ihrem Mann verlassen und muss ihr Leben neu sortieren – gewürzt mit bissigen Dialogen, exzentrischen Nebenfiguren und einem Hauch Selbstironie. In der Hauptrolle spielt Leanne Morgan eine fiktionalisierte Version ihrer selbst. An ihrer Seite: Ryan Stiles als Ehemann Bill, Kristen Johnston als jüngere Schwester Carol sowie ein umfangreiches Ensemble.

Die Serie startet dramatisch: Leanne erfährt per E-Mail, dass ihr Mann sie nach 33 Jahren Ehe für ihre Zahnärztin verlassen hat. Statt ins Selbstmitleid zu versinken, sucht sie Unterstützung bei Carol, die gerade aus Chicago zurück in ihre Heimatstadt Knoxville, Tennessee, gezogen ist. Soweit so gut – doch schon in der Pilotfolge werden so viele Figuren eingeführt, dass man schnell den Überblick verliert.

Da ist Sohn Tyler (Graham Rogers), der mit Nora (Annie Gonzales) verheiratet ist, einer Frau, die ihn permanent klein hält. Dieser Konflikt wird in den 16 Episoden allerdings kaum ausgespielt – genau einmal bekommt er nennenswert Raum. Tochter Jose (Hanna Piles) wird anfangs als chaotische, aber liebevolle Dreißigjährige gezeigt, die im Elternhaus putzt. Nach einigen Folgen verschwindet sie jedoch fast vollständig aus der Handlung, um erst kurz vor Staffelende wieder aufzutauchen.

Hinzu kommen Leannes Eltern Margaret (Celia Weston) und John (Blake Clark). Während Margaret kaum Konturen bekommt, bleibt John ein störrischer Rentner ohne Entwicklung. Mehr Gewicht erhält Nachbarin Mary (Jayma Mays), später ergänzt durch FBI-Agent Andrew (Tim Daly). Mit ihm wächst das Ensemble auf neun Hauptcharaktere – eine Menge für eine Serie, die eigentlich von einer persönlichen Krise erzählen will.

Das Problem von «Leanne» liegt nicht in der Ausgangsidee, sondern in der Ausführung. Statt eine klare Hauptfigur mit wenigen, pointiert geschriebenen Nebencharakteren in den Mittelpunkt zu stellen, verteilt die Serie ihre Aufmerksamkeit auf zu viele Köpfe. Dadurch entstehen flache, sprunghafte Geschichten, die selten Tiefe oder emotionale Schlagkraft entwickeln. Lorre und McMartin setzen offenbar auf eine Mischung aus Familiensitcom, Kleinstadtkomödie und Milieustudie über den US-Süden. Doch diese Mischung bleibt unfokussiert. Netflix zielt mit dem Format auf ein breites Publikum, doch die Macher setzen ungewöhnlich viele Figuren in eine Struktur, die für klassische Sitcoms kaum funktioniert. Das Ergebnis ist ein dramaturgisches Zickzack, das weder als Ensemble-Comedy noch als Charakterstudie voll aufgeht.

«Leanne» möchte als Karikatur einer konservativen Südstaatenfamilie aus westküstenliberaler Sicht gelesen werden. Doch statt frischer Perspektiven gibt es oft nur altbekannte Klischees: Die Hauptfigur zweifelt trotz jahrzehntelanger Ehe an ihrem Aussehen, der Sohn ist konfliktscheu, die Tochter ständig im Rausch. Tennessee wird zum humoristischen Hintergrund, in dem jeder ein bisschen verschroben und rückständig wirken soll – ein Ansatz, der leicht herablassend wirkt.

Das zentrale Thema – eine Ehe, die nach 33 Jahren endet – wird immer wieder neu aufgerollt, oft ohne echte Entwicklung. Zwar gibt es einzelne Pointen, die zünden, doch der Humor bleibt überwiegend zahm und vorhersehbar. Wer Lorres frühere Serien kennt, wird den Biss und die pointierte Figurenzeichnung vermissen. Der Serienaufbau erinnert vage an «Two and a Half Men»: Dort zog Alan nach seiner Scheidung bei seinem Bruder Charlie ein, hier übernachtet Carol bei ihrer Schwester Leanne. Doch während Alan und Charlie klare Gegensätze verkörperten, fehlen Leanne und Carol diese scharfen Konturen. Die Hauptfigur ist weder der trottelige Sympathieträger noch die coole Gegenfigur – und Carol bleibt zu blass, um als starker Gegenpol zu funktionieren.

Eine der wenigen gelungenen Episoden ist die mit Dylan (Blake Gibbons), Carols kurzem Love Interest. Das Paar harmoniert bestens, bis er plötzlich von der Polizei gesucht wird. Leider endet diese Konstellation nach nur einer Folge – verschenktes Potenzial, das man früher vielleicht über mehrere Episoden oder gar Staffeln ausgespielt hätte.



Auffällig ist, wie unentschlossen die Serie im Verlauf wirkt. Figuren, die anfangs zentral erscheinen, tauchen später kaum noch auf. Stattdessen übernehmen Nebenfiguren wie Mary und Andrew größere Rollen. Besonders bizarr: In einer der letzten Folgen werden Leanne und Carol nach einem Kirchgang von Mary seitlich gerammt, woraufhin beide ihre „spirituelle Reise“ beginnen. Das Staffelfinale ignoriert diese Entwicklung komplett – ein Bruch, der symptomatisch für die inkonsequente Erzählweise ist.

«Leanne» schwankt zwischen seichter Alltagskomödie und milder Gesellschaftssatire, findet aber nie den richtigen Ton. Das liegt auch daran, dass emotionale Momente oft schnell vom nächsten flachen Gag abgelöst werden – und umgekehrt. Die Serie will vieles sein: witzig, berührend, bissig. Am Ende bleibt sie jedoch eine Aneinanderreihung von Szenen, die für sich genommen funktionieren könnten, im Gesamtkontext aber wenig Resonanz erzeugen.

Vielleicht hätte «Leanne» vor 20 Jahren, eingebettet in ein starkes Network-Sitcom-Umfeld, eine Chance gehabt. Heute jedoch, im direkten Vergleich mit anderen Lorre-Produktionen bei Netflix, fällt sie deutlich ab. Wer Lust auf pointierte Dialoge, markante Figuren und durchdachten Humor hat, wird bei den Klassikern des Autors fündiger – und klickt vermutlich schnell weiter.

«Leanne» ist seit dem 31. Juli 2025 bei Netflix abrufbar.

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