Die Kritiker

«Tatort: Macht und Ohnmacht»

von

Massive Polizeibrutalität als «Tatort»-Thema. Kann das funktionieren?

Inhalt


Hinter den Kulissen

  • Produktion: X Filme Creative Pool GmbH
  • Regie: Thomas Stiller
  • Drehbuch: Dinah Marte Golch und Edward Berger
  • Kamera: Philipp Sichler
  • Producer: Michael Polle
München. Vier Polizisten. Matteo Lechner und Frank Bressinger, Georg Zimmermann und Iris Bülow hetzen drei jungen Männern hinterher, die den Kioskbesitzer Latif Kara so brutal zusammengeschlagen haben sollen, dass er im Koma liegt. Es ist unklar, ob der Vater dreier Kinder überlebt …

Völlig überraschend taucht Carlo Menzinger im Münchner Polizeirevier von Matteo Lechner auf. Carlo will heiraten und bittet seinen ehemaligen Mentor und Freund, sein Trauzeuge zu werden. Lechner reagiert nicht ganz so begeistert, wie Carlo es sich erhoffte.

Hat es etwas damit zu tun, dass die Polizisten die Verdächtigen wegen einer fehlenden Aussage freilassen müssen? Carlo Menzinger findet seinen alten Freund überhaupt sehr verändert vor. Und dann gibt es plötzlich einen Toten, der zu Lechners Leuten gehörte. Das unbefangene Wiedersehen mit seinen früheren Kollegen, den Münchner Hauptkommissaren Ivo Batic und Franz Leitmayr, ist herzlich, aber kurz. Denn unversehens findet Carlo sich inmitten von deren Ermittlungen wieder. Als Hotelier aus Thailand ist er zwar ohne Einfluss und polizeiliche Kompetenz, doch sein Einsatz wird - fast wie früher - unverzichtbar für die Aufklärung des komplizierten Falles.

Darsteller
Miroslav Nemec («Zur Sache, Lena!») als Kriminalhauptkommissar Ivo Batic
Udo Wachtveitl («Richterin ohne Robe») als Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr
Michael Fitz («Der Schwarzwaldhof») als Carlo Menzinger
Emilio de Marchi («Die Anstalt – Zurück ins Leben») als Matteo Lechner
Sascha Alexander Gersak («Im Angesicht des Verbrechens») als Georg Zimmermann
Sonsee Neu («Pastewka») als Iris Bülow
Lasse Myhr («Machen wir's auf Finnisch») als Frank Bressinger

Kritik
Die hier dargestellten Polizisten bewegen sich nicht am Rande einer Dienstaufsichtsbeschwerde oder lassen im Dienst mal Fünfe gerade sein. Das Ausmaß der Polizeibrutalität im neuen Münchener «Tatort» erstreckt sich nicht auf einen rauhen, süddeutschen Kasernenhofton, sondern nimmt mit den Schikanen und Schlägereien, die die Polizisten hier verüben, Rodney-King-Ausmaße an.

Drehbuchautorin Dinah Marte Golch (Edward Berger erhielt ferner einen Credit für die Drehbuchbearbeitung) zeigt in „Macht und Ohnmacht“ Polizisten, die für diesen Beruf vorn und hinten nicht geeignet sind, die ihre Frustration und ihre Überforderung mit den heutigen kriminellen Zuständen als Grund dafür nehmen wollen, sich mit diktatorischen Kompetenzen auszustatten und den Rechtsstaat abzuschaffen. Ein Mann wie Zimmermann, der vor der Verhaftung einen Tatverdächtigen bis zur Bewusstlosigkeit prügelt oder ihnen eine Knarre in den Mund schiebt und sie foltert, um sie zu einem Geständnis zu bewegen, wäre eine Schande für jede Polizeidienststelle der Republik.

Es ist wichtig, diese apokalyptischen Zustände zu zeigen, und es ist löblich, einen derartig gesellschaftskritischen Stoff zur besten Sendezeit auszustrahlen. Doch das Drehbuch muss in einem solchen Falle ganz klar Position beziehen, darf nicht einmal in Ansätzen den Versuch unternehmen, ein derartiges Gesindel mit dienstlichem Druck oder psychischer Belastung für ihre abstoßenden Taten und ihre Pervertierung des Rechtsstaats zu exkulpieren.

Golch entscheidet sich für eine recht intelligente Lösung. Sie zeigt das Hadern dieser Polizisten „an der Front“ sowie die Zerrissenheit von Leitmayr und Batic, die nun im Zuge einer internen Ermittlung in diesem polizeilichen Verbrecherring herumstochern müssen und das nur mit einigem Widerwillen tun. Vor allem Leitmayr lässt Golch hier ganz klar Position beziehen, von der Wichtigkeit von Recht und Gesetz sprechen, auch wenn er vor seinem faktisch zum Verbrecher gewordenen Kollegen Matteo Lechner, gegen den er ermitteln muss, damit als „der Feind“ dasteht, und sich fragen lassen muss, auf welcher Seite er steht. Eine Frage, die tief in die polizeilichen Strukturen blicken lässt.

Am Schluss schlägt die Ideologie der Rambo-Polizisten fehl, sind die Schläger in Uniform die Gescheiterten. Leider jedoch nur teilweise: Denn den Plot um den arroganten Anwalt, der seine Frau schlägt, vermögen Leitmayr und Batic mit den Mitteln des Rechtsstaates nicht zu lösen, sondern lassen sich, zwar nicht in dieser Radikalität, aber doch im grundlegenden Prinzip, auf das Niveau ihrer Kollegen herab, die sie gerade des mehrfachen Mordes überführen wollen. Keine wirklich saubere dramaturgische Lösung – das Bekenntnis zu den Mitteln des Rechtsstaates hätte in dieser Beziehung noch klarer ausfallen müssen.

Dennoch: Die Zeiten der kreativen Talfahrt scheinen im Münchener «Tatort» mit dieser Folge vorbei. Dank eines dynamischen, relevanten Drehbuchs sowie einer versierten Regiearbeit von Thomas Stiller.

Das Erste strahlt «Tatort: Macht und Ohnmacht» am Montag, den 1. April 2013, um 20.15 Uhr aus.

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