Hingeschaut

«SOS Garten»: Die Rückkehr des Spießbürgertums

von
Andrea Göpel wechselte vom RTL-«Mein Garten» zu Sat.1-«SOS Garten» – und brachte die Reality-Elemente gleich mit.

Die Zeiten, in denen Vorgartenobsessionen und florales Talent Inbegriff einer spießbürgerlichen Reihenhauskultur waren, sind seit Jahren vorbei: Hippe Neuberliner begrünen ihre gentrifizierten Altbaubalkone, Langzeitstudent Claus streitet sich seit Jahren in immer neuen Folgen der VOX-Reality «Ab ins Beet!» mit seinen Nachbarn im Schrebergarten und das sogenannte „Guerilla Gardening“ verleitet Umweltaktivisten in Groß- und Kleinstädten rund um den Globus zu nächtlichen Saatattacken auf Kreisverkehren und Verkehrsinseln. Im deutschen Fernsehen musste das Gartenformat in den vergangenen Jahren allerdings einen herben Rückschlag erleiden, denn die Zeichen der Zeit verholfen Staatsflüchtlingen («Goodbye Deutschland»), Singles («[Berufs- oder Interessensgruppe] sucht Frau») und den Verlierern des Kaputtalismus («Anwältin der Armen») zu einem regen Aufschwung, der die grünen Oasen weitgehend verdrängt hat.

Doch jetzt blüht das Gartenformat wieder in seiner vollsten Pracht, denn die Konjunktur der Reality-Soap mit dem Schwerpunkt Garten ist im vollen Gange. Doch nicht nur das: Dank Andrea Göpel, die von RTL gegen Oliver Pocher ausgetauscht wurde und jetzt auf Sat.1 herumggärtnert, findet das Gartengenre in dem neuen Format «SOS Garten» jetzt endlich zu der Kleinbürgerei zurück, die es verdient hat. Neugierige Nachbarn, extrovertierte Ehemänner und jede Menge guter Worte der sensiblen Psychologin Andrea «Wir schmeißen das jetzt alles weg!» Göpel pflastern den Weg zu einem neuen Garten. «Mein Garten»-erprobt hat Göpel von RTL allerdings nicht nur ihr gesamtes Team mitgebracht, sondern auch einiges an wertvollen Reality-TV- und Ekelfernsehpraktiken. Bereits mit dem Titel legt die Sat.1-Sendung gut vor, die Beschreibung eines findigen PR-Schreiberlings gibt dann aber das genaue Ziel an:

„Die Pflanzen-Profis verwandeln die schlimmsten Gärten Deutschlands in blühende Oasen. In Deutschlands spektakulärer Gartensendung werden den Sat.1-Zuschauern atemberaubende Vorher-Nachher-Effekte geboten. Andrea Göpel rückt mit schwerem Gerät und vielen Helfern dem Garten-Grauen zu Leibe.“ Das „Garten-Grauen“ ist im ersten Fall des «SOS Garten»-Teams das Schuttlager eines zweifachen Familienvaters, pardon, zweifachen „Messie-Vaters“, der im Hinterhof eine schwunghafte Sammlung von allerlei Gerümpel, Renovierungsüberbleibseln und Autoteilen beherbergt. Mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Horrormusik wird jeder Haufen genau dokumentiert, jede Maus schreiend zur Kenntnis genommen. Diese Praktiken sind aus allerlei Reality-Dokus bekannt, wirken in einem Garten leider nicht annähernd so schrecklich wie in einem verdreckten Haus – der Zuschauer kommt dennoch nicht drum herum.

Mit seltsam inszenierten Wutausbrüchen des „Messie-Vaters“, den das Produktionsteam leider in keiner Einstellung als unsympathisch, messie-haft oder asozial charakterisieren konnte, versucht «SOS Garten» erfolglos, Spannung, Emotion und Nährboden für Konflikte zu säen. Die in Reality-Dokus sonst so wirksame Polarisierung gelingt nicht ganz, und so birgt die von Göpel in rosa gestrichene Hundhütte das einzige Streitpotential für den Zuschauer. Denn in Wahrheit ist «SOS Garten» bloß eine in «Color your life» lackierte Version der Göpel-Sendung «Mein Garten», die mit noch weniger Tipps und Tricks für echte Gartenfreunde keinerlei Anreiz bietet, sich an sonnigen Sonntagabenden lieber vor den Fernseher als in den eigenen Garten zu setzen. Und für Fans von Reality-Dokus und Ekel-TV ist diese vergorene Mischung an Soap- und Doku-Elementen, die «SOS Garten» vorgaukelt, sowieso nicht spannend genug. Denn wer ekelt sich schon vor einer Maus im Garten?

Kurz-URL: qmde.de/51298
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