Debatte

«The Voice of ESC»

von

Seit Jahren geht Deutschland beim ESC unter. Seit Jahren leidet der einstige Leuchtturm «The Voice of Germany» unter massivem Quotenrückgang. Was diese Probleme miteinander zu tun haben sollen und warum sie füreinander zur Lösung werden könnten, kommentiert Mario Thunert.

Es war das Jahr 2010, als Deutschland zum letzten Mal das gläserne Mikrofon mit nach Hause brachte und den «Eurovision Song Contest» gewann. Die im Jahr zuvor noch völlig unbekannte Lena Meyer-Landrut legte binnen kürzester Zeit einen kometenhaften Aufstieg zu Deutschlands und Europas neuem Musikstar hin und schoss mit ihrem Song „Satellite“ ins Weltall, der zum internationalen Hit mutierte. Möglich machte all dies ihre Teilnahme an «Unser Star für Oslo», dem damaligen Format des Deutschen ESC-Vorentscheids. In mehreren Ausscheidungsshows setzte sie sich als Siegerin des Zuschauervotings gegen 9 weitere unbekannte Sänger*innen durch und wurde unter Beobachtung von bis zu 4,5 Millionen Zuseher*innen über Wochen zur gefeierten Newcomerin.

Konzipiert wurde die Sendung vom Grand Prix-Veteran Stefan Raab, der bereits 2004 mit einem gewissen Max einen stimmgewaltigen Nobody innerhalb eines Gesangswettbewerbs in TV-Total zum Star machen und beim damaligen Vorentscheid platzieren konnte, den dieser letztlich auch gewann. 2010 sollte ihm mit Lena Ähnliches also ein zweites Mal gelingen, nur diesmal im Rahmen einer eigenständigen Primetime-Sendung in Zusammenarbeit mit dem für den ESC verantwortlichen NDR. Dieser suchte nach Jahren des Misserfolgs der deutschen Beiträge nach neuen Ideen sowie Kooperationspartnern und wurde fündig bei Raab mit ProSieben im Schlepptau. Was er als Konzept lieferte, war nicht weniger als eine Revolution des Auswahlverfahrens, welches jenes zu einer Art Castingshow machte.

13 Jahre nach Lena, im Jahre 2023, steht der NDR nun nach einer noch längeren Dekade des deutschen ESC-Siechtums am gleichen Punkt wie 2009: Nämlich mit dem Rücken zur Wand. Was bald sogar dazu führen könnte, dass die Norddeutsche Sendeanstalt die Verantwortung für die Vorauswahl der Teilnehmer*innen ganz abgibt, wie kürzlich DWDL in den Raum stellte. Klas ist: Nach letzten und vorletzten Plätzen in Folge ist dringend wieder ein neues Konzept von Nöten, welches Deutschland aus dem Tal der Tränen in Europas größtem Musik-Wettbewerb befreit. Und wieder drängt sich die Frage auf: Kann es erneut eine Castingsendung von Pro7 sein, die zum Heilsbringer wird?

Dass die Casting-Dramaturgie und Prämisse wie prädestiniert dafür erscheint, stellte Stefan Raab ja unter Beweis. Der erfolgversprechendste Faktor hierbei ist der Umstand, dass das Publikum eine Sängerin/einen Sänger auf dem Weg zu einem sowohl für diese(n) als auch für das Publikum relevanten großen Ziel verfolgt und damit also deren/dessen Genese, Entwicklung und Heranwachsen zum (potenziell internationalen) Star über Wochen beobachtet, mit durchlebt und mit darüber entscheidet.

Hier ergibt sich die Schnittstelle zum ehemals erfolgreichsten Musik-Castingformat «The Voice of Germany», welches 2011 nur ein Jahr nach «Unser Star für Oslo» auf ProSieben und Sat.1 mit einem vergleichbaren Versprechen startete, dieses aber nie einlösen konnte. Denn genau an diesem Punkt offenbaren sich die Schwachstellen der beiden Formate des ESC-Vorentscheids und «The Voice», die sich durch ihr Zusammenfügen zu einer Stärke ergänzen könnten: Was den ESC-Auswahlshows seit Jahren fehlt, ist der für die Zuschauer*innen sichtbar und hörbar werdende Entdeckungs-, Selektions- und Growing-Prozess der Sänger*innen/Künstler*innen über einen signifikanten (regelmäßigen) Zeitraum, den sie nicht nur begleiten, sondern auch beeinflussen können. Es ist ein Vorlauf, der die Rampe zum Hype bilden kann, der aus einer wachsenden Steigerung und Identifikation sowie einem daraus resultierenden wachsenden Mitfiebern entsteht. Ein Hype braucht aber als Grundvoraussetzung das Zulaufen auf einen relevanten und emotional packenden Peak bzw. Ziel. Dieses Ziel mit großer Tragweite und Auswirkung, welches die darauf zulaufenden Entwicklungen mit einer dringlichen und sogar dramatischen Konsequenz belegt, fehlt wiederum «The Voice» seit etlichen Jahren. Gerade die immer schon zuschauerstärkste Phase der Castingsendung, die Blind-Auditions zu Beginn einer jeden Runde, lässt aber weiterhin Zugkraft aufblitzen, was Andockpotenzial für ein neues ESC-Vorentscheid-Modell bietet, welches als neu aufgelegtes Event Aufmerksamkeit garantiert.

Konkret würde dies bedeuten, den Prozess von «The Voice» mit den Überraschungseffekten und Entdeckungsmomenten starker Stimmen der Blind-Auditions zum Ausgangspunkt eines neuen Vorentscheids zu machen, der in einem veränderten Spezial «The Voice of ESC» aufgeht und die reguläre Version in zunächst einem Jahr (bspw. 2025 oder 26) ersetzt. Hierbei kann der Vorentscheid von den Stärken der grundsätzlich in «The Voice» verankerten Casting-Mechanismen profitieren, die aufgrund der gesteigerten Relevanz mit der ESC-Teilnahme als garantierten internationalen Aufmerksamkeits-Höhepunkt wieder Tragweite und Wirkung entwickeln können, und auch den Zuschauer*innen das Gefühl vermitteln, dass es wirklich um etwas Bedeutendes geht. In Ergänzung dazu, wäre der Team-Wettbewerbs-Charakter der Show in der Lage, dem Vorentscheid-Verfahren eine gänzlich neue Facette hinzuzufügen. Diese Vereinigung der beiden Formate liegt auch deshalb nahe, weil immer wieder ehemalige The Voice-Kandidaten/Kandidatinnen (wie Andreas Kümmert oder Michael Schulte) erfolgreich an den Vorentscheiden teilnahmen, nur eben ohne den durchgängigen dramaturgischen Bogen ihrer Entdeckung nutzen zu können, der durch eine Zusammenlegung gegeben wäre.

Allerdings müssten auch am Konzept des ProSieben/Sat.1-Dauerbrenners konzeptionelle Anpassungen erfolgen, um als erfolgreiche Vorentscheid-Version zu fungieren. Zunächst einmal wäre es wichtig, den Song, mit dem dann beim ESC angetreten wird, direkt von Beginn an prominent zu platzieren, damit dieser quasi als ‚heiliger Gral‘ in Szene gesetzt werden kann, um den die Teilnehmer*innen kämpfen und der zugleich die Teilnahme bedeutet. Sollte es wirklich gelingen, eine starke Komposition auf die Beine zu stellen (wofür scheinbar einfach mehr Ressourcen, Vorlaufzeit und unkonventionellere Wege investiert werden müssen), ließe sich so von Anfang an eine auch sinnlich affizierende Fallhöhe eines potenziellen Hits aufbauen, die eine Sogwirkung über die ganze ‚Staffel‘ entfaltet. Zum Start wäre es auch denkbar, den Zuschauer*innen mehrere bereits von Demosänger*innen eingesungene Songs zur Abstimmung zu geben. In maximal 4-5 Blind-Auditions tragen dann zunächst (unbekannte) talentierte Teilnehmer*innen in dem üblichen The Voice-Ablauf selbstgewählte Songs vor (ein deutlich engerer Kreis als in regulären Staffeln). Die zweite Auswahlrunde könnte daraus bestehen, dass die Coaches 3-4 extrem erfolgreiche aber auch anspruchsvolle Hits auswählen (bspw. auch die eigenen) , die dann den verbliebenen Kandidaten-Kreisen zugeteilt werden, folglich also mehrere von diesen die gleichen Songs nacheinander interpretieren müssen. Ab dieser Phase entscheiden die Jury-Leader sowie die Fernsehzuschauer*innen jeweils zur Hälfte übers Weiterkommen ihrer Schützlinge. Im dritten Teil würde dann konkret zur Arbeit mit und an dem Gewinnertitel übergegangen, indem auch der Probenprozess und das Einsingen im Tonstudio gezeigt wird, innerhalb dessen mehrere individuelle Versionen des Songs zusammen mit den Coaches erarbeitet, angepasst und umgeändert werden, so, dass jede(r) der wenigen verbliebenen Kandidatinnen/Kandidaten 2-3 verschiedene potenzielle Varianten des Songs live auf der Bühne performen, zwischen denen dann nur noch die Zuschauer*innen abstimmen können. Im Finale stehen sich 2 verbliebene Teilnehmer*innen mit den von den Zuschauer*innen jeweils für sie präferierten Varianten des Siegertitels gegenüber und kämpfen um den Gewinn des Songs, mit dem sie dann am ESC teilnehmen dürfen.

Als weiteres spannungssteigerndes Element könnten nicht nur vereinzelte, sondern alle Auftritte in den Blind-Auditions verschleiert stattfinden, damit nur die Stimmen der Kandidaten/Kandidatinnen fokussiert werden. Im weiteren Verlauf würden diese dann aber im Unterschied zum üblichen Vorgehen nicht enttarnt, sondern bis zum Finale weiter geheim gehalten. Sie ließen sich bspw. stilisiert als Phantome in schwarzen Hoodies mit unausgeleuchtetem Gesicht oder als Silhouetten inszenieren, wodurch bis zum Ende niemand weiß, wer die Personen genau sind, zu denen die gefeierten Stimmen gehören. Letztendlich bestünde vielleicht sogar die Möglichkeit, die ESC-Performance des/der deutschen Teilnehmer*in zu einem aufsehenerregenden Moment zu machen, indem dieser Auftritt ebenfalls als verschleiertes Phantom stattfindet.

Auch wenn sich noch reiflich diskutieren lässt, wie genau die Auswahlrunden von „The Voice of ESC“ gestaltet werden sollten, so liegt es auf der Hand, dass beide Formatreihen durch eine (vielleicht auch bloß einmalige bzw. unregelmäßige) eventhafte Verschmelzung nur gewinnen können. Mit hochkarätig besetzten Coaches durch die erste Riege deutscher Musikstars und Musikproduzenten/Produzentinnen, der Moderation von Matthias Opdenhövel und Barbara Schöneberger oder Anke Engelke sowie der Ausstrahlung auf den zwei Sendern ProSieben und Das Erste, wäre der größte Show-Aufschlag seit «Masked Singer» möglich.

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