Interview

Holger Karsten Schmidt: ‚Unsichtbare Dinge in einen Film zu übertragen‘

von

«Die Toten von Marnow»-Autor bringt am Samstag ein 180-minütiges Werk namens «Lost in Fuseta - Ein Krimi aus Portugal» auf die Fernsehschirme. Wir sprachen mit dem Autor über seine Arbeit.

Hallo Herr Schmidt. Sie haben unter ihrem Alter Ego Gil Ribeiro die TV-Vorlage von «Lost in Fuseta» verfasst. Wie ist das Werk entstanden?
2014 kam die Produzentin Simone Höller mit der Idee auf mich zu, eine Reihe mit einem Asperger-Autisten zu entwickeln. Das traf sich ganz gut, weil ich seit Mr. Spock und «Rainman» Dustin Hoffman von Menschen mit dieser Entwicklungsstörung fasziniert war. Das Konzept sprudelte in einer Nacht quasi nur so aus mir heraus. Das Fernsehen wusste 2014 damit aber noch nichts anzufangen, der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat das Potential aber sofort erkannt und mich damit beauftragt, den Roman der Reihe zu schreiben.

Sie fungieren gleichzeitig auch als Autor des Fernsehfilmes, der am Samstag, den 10. September, im Ersten läuft. Wie wandeln Sie ein Buch in ein Drehbuch ab?
Indem ich es möglichst adäquat mit seinen Figuren und Handlungssträngen übernehme und dort verdichte, wo es mir möglich ist, ohne das Wesen des Originals zu beschädigen. Bei 400 Seiten, die auf 90 Minuten verdichtet werden müssen, geht oft viel verloren. Die Degeto hat mir zu meiner Freude aber 180 Minuten zur Verfügung gestellt. Neben der Verdichtung liegt eine Hauptaufgabe bei einer Adaption darin, unsichtbare Dinge aus dem Roman wie Gefühle und Gedankengänge in das Medium Film zu übertragen, also am besten zu visualisieren ohne alles du dialogisieren.

Selbstverständlich hat die Produktionsfirma in Portugal gedreht. Hatten Sie dort vorab schon Motive für Ihr Buch entdeckt?
Ja, ich war 1988 das erste Mal als Interrailer in Portugal und bin dorthin immer wieder zurückgekehrt. Ich konnte mit einigen Motiven aushelfen, andere haben die Location Scouts vor Ort ausfindig gemacht. Übrigens ist der Film eine komplette Reiseproduktion, was ihn von anderen Destinationskrimis maßgeblich unterscheidet. Christoph Pellander von der Degeto hat ermöglicht, dass wir wirklich zwei Monate lang an Originalschauplätzen drehen konnten. Ich finde, das sieht man dem Film auch an.

Im Mittelpunkt steht Kommissar Leander Lost, der ein fotografisches Gedächtnis hat. Er leidet am Asperger-Syndrom. Wie haben Sie für diese Krankheit recherchiert?
Ich habe mich über diese Entwicklungsstörung ausgiebig bei einer Erzieherin erkundigt, die mit betroffenen Kindern und deren Eltern arbeitet. Und dann habe ich mich natürlich durch die Fachliteratur gelesen. Eine Ärztin schrieb mir, dass sie die Romane Eltern empfiehlt, bei deren Kind gerade diese Störung diagnostiziert worden ist, um ihnen die Sorge zu nehmen.

Und ist der Name „Lost“ eigentlich ein krasser Widerspruch zu seinem Wissen und somit Absicht?
Ich bevorzuge beim Schreiben kurze Namen. Leander Lost hieß ursprünglich mal Leander Witt. Mit dem Titel «Lost in Fuseta» war Kiepenheuer & Witsch aber nicht so recht glücklich, weil dort befürchtet wurde, dass potentielle Leser den Roman als englischsprachig einstufen würden. Ich fand den Titel aber sehr passend. Meine Frau meinte dann salopp: „Nenn‘ Leander Witt doch einfach Leander Lost.“ Das tat ich und der Titel blieb.

Lost nimmt an einem Austauschprogramm für Kommissare teil. Gibt es solche Projekte eigentlich wirklich?
Das weiß ich nicht.

Sie haben bei unerträglicher Hitze an der Algarve gearbeitet und ihr Hauptdarsteller Jan Krauter musste die ganze Zeit mit Anzug und Krawatte drehen. Wie bringt man einen solchen Dreh über die Bühne, ohne die Nerven zu verlieren?
Mit Hingabe – und einem gelegentlichen Sprung in den Atlantik.

Sie schrieben zahlreiche Kriminalfilme für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Gibt es ein Projekt, an das Sie sich gerne zurückerinnern?
Ich erinnere mich an viele gerne zurück, da könnte ich jetzt gar nicht eines besonders herausstellen.

Das Erste strahlt den Zweiteiler «Lost in Fuseta» als Doppelpack aus. Finden Sie solche Programmierungen vorteilhaft oder wird das Publikum bei drei Stunden Laufzeit irgendwann mürbe?
Ich glaube, die Zeiten, in denen ein Publikum nach dem Ende eines ersten Teils drei oder fünf Tage später für einen zweiten Teil einschaltet, gehören überwiegend der Vergangenheit an. In dem Sinne kann ich die Ausstrahlung an einem Stück gut nachvollziehen. Wir haben bei «Die Toten von Marnow» die Erfahrung gemacht, dass das Publikum nach dem Cliffhanger in Teil 2 in die Mediathek gegangen ist, weil es die Ausstrahlung der Teile 3 und 4 nicht abwarten wollte. Was zu 15 Mio. Abrufen in der Mediathek geführt hat.

Hatten Sie eigentlich Mitspracherecht bei der Besetzung des Regisseurs Florian Baxmeyer und den Hauptdarstellern?
Ja, das habe ich zur Bedingung für die Verfilmung gemacht. Ich glaube, es ist grundsätzlich ein Mehrwert für eine Produktion, wenn der Urheber der Geschichte und der Figuren sie begleitet. Denn nur er weiß auch das über die Figuren, was nicht im Drehbuch oder Roman steht.

Vielen Dank!

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