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Fünf Wege, auf denen China Hollywood verändert

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Die größte Nation der Erde gibt sich demokratisch, doch sie beeinflusst das amerikanische Filmsystem auf drakonische Weise. In den vergangenen Jahren führte das unter anderem dazu, dass negative Töne aus Werken herausgestrichen wurden.

Die Volksrepublik China mag sich selbst als kommunistisch bezeichnen, doch die Methoden, mit denen die maoistische Diktatur ihre Staatsdoktrin national wie international durchsetzen will, sind zumeist äußerst kapitalistische. In der globalen Wirtschaft gilt das 1,4 Milliarden Einwohner beherbergende China als billiges Produktionsland, aber auch als finanzstarker Spieler, der neben USA und EU maßgeblich den Takt vorgibt. Das gilt umso mehr für die Filmindustrie, denn Kunstwerke im weitesten Sinne haben stets Alleinstellungsmerkmale, die sie aller Bemühungen zum Trotz relativ immun gegen billige Nachahmungsversuche macht, und müssen im Wesentlichen nur einmal produziert werden und bringen dann einzig abhängig vom Publikum Geld ein. Folglich ist ein Land, dessen Einwohnerzahl etwa ein Sechstel der Weltbevölkerung ausmacht und in dem die Mittelschicht seit Jahren stetig wächst, ein wichtiger Markt für die Filmindustrie. Man muss also die Zensurwächter des Regimes gnädig stimmen, damit ein Film in der Volksrepublik China überhaupt im Kino laufen darf und vor allem auch ohne negative Propaganda seitens der Regierung. Doch China will sich unter Xi Jinping auch international besser darstellen und finanziert große Hollywood-Produktionen in den letzten Jahren ganz aktiv mit, um in ihnen positiv dargestellt zu werden.

Für Insider der Branche wie Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent Ekrem Engizek ist das zunehmende Einknicken Hollywoods vor den Machthabern in Peking daher wenig überraschend. Der international angesehene Filmproduzent hat schon mit großen Stars wie Ben Kingsley, Cuba Gooding jr., James Franco und 50 Cent zusammengearbeitet.

Öffentliche Haltung der Hollywood-Stars
In Zeiten der Cancel Culture ist es nichts Ungewöhnliches mehr, dass Schauspieler und andere Kreative sich öffentlich für im weitesten Sinne politische Äußerungen entschuldigen müssen. Meist geht dieser Druck jedoch von den Fans bzw. der breiten Öffentlichkeit in der westlichen Welt aus. Doch auch die Sittenwächter Chinas können einen Schauspieler zu einer öffentlichen Entschuldigung nötigen. Damit der neueste Teil der «Fast and the Furious»-Reihe, «F9», in China ohne negative Presse seitens der Kommunistischen Partei anlaufen konnte, musste sich John Cena (Jakob) in einem Video öffentlich für seine Äußerungen zur Republik China, nach der Insel, auf der sie zu 99% liegt, landläufig Taiwan genannt, entschuldigen.

Cena hatte im Vorfeld angedeutet, Taiwan sei ein souveräner Staat. Dies missfiel der Führung der Volksrepublik China, die seit langem Anspruch auf den Inselstaat vor ihrer Küste erhebt und der Republik die eigene maoistische Doktrin aufzwängen will. Cena sah sich – vermutlich auf Druck des Studios – genötigt, ein Entschuldigungsvideo auf Hochchinesisch zu veröffentlichen, indem er seine Liebe zum chinesischen Volk bekundet.

Der Fall Richard Gere
Was passieren kann, wenn man nicht nach den Spielregeln Pekings spielt, zeigt sich am Fall von Richard Gere. Der buddhistische Hollywood-Star ist ein Freund des amtierenden Dalai Lama und wohnte zeitweilig sogar in dessen Exilsitz Dharmshala. Folglich ist er auch der wohl prominenteste Fürsprecher eines unabhängigen und souveränen Tibets, das von China bekanntlich annektiert wurde, weshalb die Zugehörigkeit zur Volksrepublik auch völkerrechtlich stark umstritten ist. Das Hauptproblem hierbei liegt vor allem in den gegensätzlichen Ideologien: Tibet als ein Gebiet, das sich mitunter über das Bekenntnis zum buddhistischen Glauben definiert, auf der einen Seite und das als sozialistischer Staat strikt säkulare China, dessen Führung Religionen zwar gezwungenermaßen toleriert, aber im Grunde ablehnt. Für Gere hatte seine klare und häufig publik gemachte Haltung zur Problematik Tibets zufolge, dass er mit zunehmendem Einfluss der Volksrepublik China auf die US-Amerikanische Filmindustrie immer schwerer Rollen bekam – besonders in großen Produktionen.

Persona non grata
Schon lange bevor China aktiv Einfluss auf Hollywood nahm, kam es wegen Tibet zu Problemen. Den beiden westlichen Hauptdarstellern des Dramas «Sieben Jahre in Tibet», Brad Pitt und David Thewlis, sowie dessen Regisseur Jean-Jacques Annaud und dem Nebendarsteller Jamyang Jamtsho Wangchuk wurde aufgrund ihres Mitwirkens an dem Film, der die Einverleibung Tibets durch Maos China kritisch beleuchtet, lebenslanges Einreiseverbot in die Volksrepublik China erteilt. Dies macht etwa Promotouren für neue Filme in China unmöglich. Dies könnte ein Grund sein, warum China sich bezüglich Brad Pitts später gnädig zeigte und das Einreiseverbot aufhob. Man wollte sich wohl mit Hollywood gut stellen, indem man den Weltstar wieder zur Persona grata machte.

Einflussnahme auf Inhalte und Darstellungsweisen in Hollywood-Filmen
China nimmt nicht nur indirekt auf kreative Entscheidungen und die PR bei Hollywood-Produktionen Einfluss, indem sie die Macht des Marktes spielen lassen. Nein, China bestimmt über finanzielle Unterstützung und direkte Beteiligung an Produktionen Inhalte der Filme, das Casting und die Darstellung der Volksrepublik China in den Blockbustern. Warum das finanzstarke Hollywood das mitmacht? Wenn eine chinesische Produktionsfirma beteiligt ist, umgeht man die sehr hohen Abgaben an den Staat, wenn der Film in China laufen soll.

Hier nur einige prominente Beispiele: Der Ancient One (der Älteste) aus den Marvel-Comics wurde eigentlich vor 500 Jahren in Kamar-Taj in Tibet geboren. Im MCU wurde aus ihm eine keltische Frau, die von Tilda Swinton gespielt wurde. Whitewashing zuliebe des asiatischen Marktes? Ja. Denn ein weiser Mentor aus Tibet wäre für die Zensoren Chinas undenkbar in ihren Kinos. In «Valerian – Die Stadt der tausend Planeten» kommt ohne erkennbaren Grund einer Nebenfigur, Sergeant Neza, am Ende eine tragende Rolle zu. Warum? Er wird vom in China äußerst populären Popstar Kris Wu verkörpert.

Überhaupt sind die Chinesen ihrer Ablehnung gegen das Genre zum Trotz gerade im Bereich Science-Fiction gerne mit von der Partie. Schon in Roland Emmerichs «2012» retteten die Chinesen die letzten Überlebenden der Menschheit mit ihren Archen. Sandra Bullock in «Gravity» und Matt Damon in «Der Marsianer» verdanken ihr Überleben beide der chinesischen Raumfahrtbehörde. Im zurecht gefeierten «Arrival» ist es das Einlenken des chinesischen Generals Shang, das ein militärisches Vorgehen gegen die Besucher abwenden kann. Der Film «World War Z» wurde, weil er das Missfallen der chinesischen Zensurbehörde erregte, komplett überarbeitet.

Aber auch andere Genres sind betroffen. Bei «Top Gun: Maverick» wurden etwa die im ersten Teil von 1986 auf die militärischen Bündnispartner Taiwan und Japan verweisenden Aufnäher mit den jeweiligen Landesflaggen auf Mavericks Jacke gegen ein rotes Dreieck auf weißem Grund und einen Uroboros auf rotem Grund ersetzt. Beides ist politisch unverfänglich.

Die eigenen Künstler auf Linie halten
2020 war für die gesamte Kulturbranche eine noch größere Katastrophe als für die meisten anderen. Die erfolgreichsten Filme des Jahres waren zur Abwechslung mal asiatische Produktionen: der aus Japan kommende Anime «Demon Slayer The Movie: Mugen Train» und der aus der Volksrepublik China kommende «The 800». Letzterer sollte ursprünglich im Juni 2019 auf dem Shanghai International Film Festival Premiere feiern, wurde aber dann von den chinesischen Zensoren kurzfristig aus dem Programm genommen. Ein Film, der zu Beginn des Zweiten Japanisch-Chinesischen-Kriegs spielt, galt als antikommunistisch. Über ein Jahr später kam der Film dann um 13 Minuten gekürzt ins Kino. Dem Film «The Hidden Sword», der dasselbe Thema behandelt, erging es ähnlich. So kann es also den chinesischen Filmemachern, wie in diesen beiden Fällen Guan Hu und Xu Haofeng, also in ihrer Heimat ergehen.

Geht man wie die dafür mit dem Oscar ausgezeichnete Regisseurin von «Nomadland» Chloé Zhao ins Ausland, ist man aber keineswegs vor den Sittenwächtern Chinas sicher. Die Produktionsfirma Searchlight wies die Presse gezielt und nachdrücklich daraufhin, dass Zhao als Chinesin und nicht als asiatische Amerikanerin zu bezeichnen sei. Auch sonst wollte man China gnädig stimmen. Geholfen hat es nichts. Der Film wurde im April aus chinesischen Kinos entfernt und die Oscar-Verleihung vollständig zensiert. Da überrascht es kaum, dass zum Beispiel «Mulan»-Darstellerin Liu Yifei wohl mehr Angst vor der Führung Chinas als vor den Demonstranten in Hongkong hatte.

Fazit: Chinas Zensurwächter versuchen also mit politischen und finanziellen Mitteln, die ironischerweise wenig zum kommunistischen Selbstverständnis passen wollen, das Bild von der Volksrepublik sowohl im In- als auch im Ausland zu steuern. China will sich der Welt als großherziger Retter zeigen und nach innen weiter seine Staatsdoktrin ganz propagandistisch durchdrücken. Dabei nimmt man nicht nur auf kreative Entscheidungen und die Filme selbst Einfluss, sondern lenkt auch das Bild, das die eigene Bevölkerung von Hollywood-Größen und deren Ansichten haben soll. Dass Hollywood das Spiel eines Regimes, das wie praktisch kein zweites für Menschenrechtsverletzungen in unserer Gegenwart steht, mitmacht, ist gerade vor dem Hintergrund des weltoffenen, progressiven und liberalen Images, mit dem die US-amerikanische Filmbranche sich gerne präsentiert, umso problematischer, weil es hilft, die Diktatur als Wolf im Schafspelz in die Welt zu tragen.

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