Hingeschaut

‚Rassismus ist der Feind. Nicht Hans-Dieter!‘

von

«Schwarz und Deutsch» - oder: Der Kampf gegen Windmühlen.

"Identität ist mehr als Hautfarbe", lautete der Untertitel dieser am Sonntag erstmals laufenden Doku-Reportage beim hr Fernsehen. «Schwarz und deutsch» ist gemacht für Fernsehzuschauer, die wissen, dass sich unter dem Kürzel "BLM" nicht die Bayerische Landes-Medienzentrale verbirgt.

Rassismus ist leider immer noch ein großes Thema, nicht nur in den USA und seit Georg Floyd, sondern auch in Deutschland. Und weil die Black lives matter-Bewegung sicherlich etwas verändert hat, aber längst nicht in den Köpfen aller ist, tut so ein Beitrag gut. Auch wenn er wohl nicht von denjenigen gesehen wird, die es nötig hätten. Mirrianne Mahn und Tonny Boateng aus Frankfurt standen im Mittelpunkt der Reportage.

Beide Schwarze, beide mit afrikanischen Wurzeln, beide aber seit dem Zuzug waschechte Hessen. Mirrianne Mahn, 32, ist sogar Abgeordnete in der Frankfurter Verordnetenversammlung, vertritt also die Bürger der Stadt, in der sie lebt. In der Metropole mag das "Andersaussehen" noch etwas einfacher sein. Allerdings wurde sie nach ihrer Geburt in Kamerun im beschaulichen Hunsrück groß - in einem kleinen Dorf, in dem Fremde als Sehenswürdigkeiten gelten. Dort wollte sie "die weißeste Schwarze sein, die jemals ihren Fuß nach Deutschland gesetzt hat". Bei den rassistischen Witzen der Lehrer habe sich "mitgelacht, um nicht aufzufallen".

Mirrianne, mittlerweile im pädagogischen und künstlerischen Bereich beruflich tätig, betrieb mal einen Food-Truck, litt früher aber darunter, als eine Art Außerirdische angesehen zu werden. Sie hat sogar mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Ehe sie mit zunehmendem Alter ihre Rolle akzeptierte. Mirrianne erfährt zum Rassismus auch noch Sexismus. Beim politischen Mandat für die Grünen fühlt sie sich manchmal als Störenfried.

Tonny Boateng, heute 42, hat mal für den FSV Frankfurt halbwegs professionell Fußball gespielt. 1988 kam er nach Deutschland und nennt sich einen "Frankfurter Bub´". Und er weiß, dass es früher üblich war in den Stadien, mit Affenlauten zu reagieren, wenn ein dunkelhäutiger Kicker den Ball hatte. Heute rührt sich da schnell Protest, berichtet der Discjockey und Veranstalter, dessen Vorfahren aus Ghana kommen. "Du wirst immer irgendwie anders gemessen", sagt Tonny, der sich mal ein "Geh zurück in dein Land, schwarzer Bimbo", auf dem Fußballplatz anhören musste.

Die Reportage von Melanie Taylor und Peter Gerhardt beschreibt unaufgeregt die Erlebnisse zweier Hessen, die halt ein bisschen anders aussehen als Otto Normal-Frankfurter. Wer Tonny sieht, wie er in einem afrikanischen Restaurant mitarbeitet, bekommt sofort Lust, dort mal hinzufahren und zu speisen. Wer mit Mirrianne die Reise mitmacht in ihre deutsche Heimat, bekommt auf die Schnelle Lust auf Urlaub im Hunsrück. Und stellt sich dann vor, wie die Einwohner auf Fremde reagieren.

"Wie fühlt man sich, wenn man beleidigt wird?", werden beide gefragt. "Im Inneren frisst es einen auf", sagt Tonny. Verbittert wirkt er trotzdem nicht. Eher verzeihend. Und in der Hoffnung, dass das Umdenken jeden Tag ein bisschen mehr fruchtet. "Rassismus ist der Feind. Nicht Hans-Dieter oder Gunter", sagt Mirrianne. Sie hat sich dem Kampf gegen Windmühlen verschrieben. Und will ihre Kinder entsprechend erziehen, um ein Miteinander zum Alltag zu machen. Und um die Notwendigkeit solcher Sendungen zu vermeiden.

Teil zwei der Doku-Reportage im HR läuft unter dem Titel "Die Geschichte der Afrodeutschen" mit dann 45 Minuten Länge am Donnerstag, den 10.06.21, 21:00 Uhr. Das Video des ersten Teils ist in der ARD-Mediathek noch bis 15. Juni 2022 verfügbar und läuft im Dritten des Hessischen Rundfunks nochmals am Dienstag, den 15.06.21, 22:30 Uhr.

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