Debatte

Der Journalismus leidet unter Twitter

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Der Kurznachrichtendienst ist eine Wurzel des Übels beim Journalismus. Medien stürzen sich immer wieder auf Aussagen, die dort getätigt werden. Dabei sind nur zwei Prozent der Deutschen bei Twitter. Eine Analyse von Fabian Riedner.

Der amerikanische Kurznachrichtendienst Twitter ist scheinbar das Kommunikationstool der Deutschen. Obwohl das soziale Netzwerk gerade einmal eineinhalb Millionen aktive Konten in der Bundesrepublik Deutschland vorweisen kann und somit eklatant hinter Facebook, Instagram und TikTok hinterher hängt, findet Twitter in den Medien eine riesige Beachtung – als sei dies die Plattform der überwiegenden Bevölkerung. Das ist natürlich nicht korrekt: Twitter ist ein Nischenprodukt und bildet die Meinung von maximal zwei Prozent der deutschen Bevölkerung ab.

Twitter fördert die Echauffierungsgesellschaft, in der die Menschen leben. Als die Episode der WDR-Sendung «Die letzte Instanz» am 29. Januar 2021 wiederholt wurde und über Rassismus und neutrale Sprache wie die Abschaffung der „Zigeunersauce“, platzte der Kurznachrichtendienst aus allen Nähten. Selbst der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma schaltete sich ein, allerdings haben diese, wie auch die Kurznachrichten-Texter nicht bemerkt, dass die Folge bereits Ende November 2020 ausgestrahlt wurde. Twitter-User leben also im Affekt, es wird genau dies kommentiert, welche Situation im Moment wahrgenommen wird.

Bevor die Medien ins Internet expandierten, mussten Politiker, Institutionen oder andere Menschen mit Hilfe eines Kamerateams oder einer Zeitung Gehör finden. Mit Twitter kann jede Person einen Account eröffnen und seine Meinung, sei sie sinnvoll oder nicht, in die Welt herausposaunen. Noch ein passendes Hashtag finden und ein paar andere Konten verlinken, schon wird der Text von anderen wahrgenommen. Darauf stürzen sich inzwischen auch die Verlage, die einzelne Aussagen, die nur in 280 Zeichen geschrieben werden können, interpretiert werden.

Mit dieser kurzen Zeichenanzahl findet auch keine Diskussion statt. Wie auch? Wie lassen sich Themen wie Rassismus, gender-neutrale Sprache oder die Kultur-Debatte um Jan-Josef Liefers ernsthaft diskutieren. Es werden Scheinmeinungen veröffentlicht, weil kein Standpunkt auf diese kurze Zeichenanzahl reduziert werden kann. Doch selbst namhafte Journalisten jeder überregionalen Tageszeitung sind Teil dieser Blase und bedienen diesen Journalismus, sofern man dies noch so nennen kann.

Das führt auch dazu, dass die Tageszeitungen unbedeutender werden. Die derzeitige Twitter-Nutzung der Verlage führt nicht dazu, die Menschen zu den digitalen Angeboten zu locken, sondern verlagert die Nutzung auf das soziale Medium. Dabei macht das Unternehmen keinen Hehl daraus, die Meinungsbildung auf das soziale Netzwerk zu verlagern.

Die Technologie von Twitter führt auch dazu, dass eine technologische Demenz entsteht. Nicht die wertigsten Inhalte befinden sich am Kopf des Nachrichtendienstes, sondern die neuesten Beiträge. Jedoch ist es mit Hilfe des Internets möglich, dass die gesamte Diskussion gespeichert wird. Doch weder Fernsehanstalten noch Verlage nutzen ihre Recherche-Möglichkeiten aus, um die Diskussion zu analysieren. Es werden nur die pointierten und griffigen Aussagen herausgepickt. Oftmals suchen die Redaktion die prominentesten oder schlagfertigsten Meinungen heraus.

Im Mittelpunkt vom deutschen Twitter steht nicht die Mitte der Gesellschaft, sondern eine spitze Zielgruppe aus Journalisten, Prominenten, Politikern und Meinungsmachern unterschiedlichster Coleur. Wenn von einem Shitstorm die Rede ist, dann spricht der Standpunkt von Aktivisten, die ihre Meinung verkaufen wollen. Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als Twitter als Leitmedium abzuerkennen.

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