Die Kritiker

«Ostfriesenangst»

von

Ein Mann verschwindet im Watt. Ein Verbrechen kann nicht ausgeschlossen werden. Vor allem, da die Aussagen derer, die mit ihm durchs Watt gewandert sind, alles andere als glaubwürdig klingen. Schließlich wird eine Leiche am Strand von Aurich angespült. Der Mann ist erschossen worden. Allerdings ist es nicht der Vermisste.

Stab

Regie: Hannu Salonen
Kamera: Mikael Gustafsson
Drehbuch: Christian Limmer
Schnitt: Heike Parplies, Marco Pav D'Auria
Musik: Michael Klaukien
Redakteur: Daniel Blum
Darsteller: Julia Jentsch, Christian Erdmann, Barnaby Metschurat, Kai Maertens, Harald Windisch, Ernst Stötzner, Natalia Belitski,
Der fünfte Fall der Kommissarin Ann Kathrin Klaasen (Julia Jentsch) beginnt mit einer Wanderung. Eine Schulklasse aus Bochum macht sich auf den Weg durchs Watt. Bevor sich die Jugendlichen jedoch auf den Weg machen, hält ihr Lehrer eine Erbauungsrede, die Mel Gibsons William «Braveheart» Wallace zur Ehre gereichen würde. Sie sollen an sich glauben. Sie sollen sich von niemanden einreden lassen, dass sie den Weg, der vor ihnen liegt, nicht schaffen würden. Sie sind stark! Und so begeben sich die Schülerinnen und Schüler auf den Weg nach Norderney. Durchs Watt. Ohne Führer. Was genau so endet, wie es enden muss: In einem Desaster. Das Wasser steigt, ein leichter Nebel kommt auf. Mit letzter Kraft gelingt es den Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet, sich an Land zu retten. Entkräftet, durchnässt. Nur ihr Lehrer – der ist verschwunden.

Ann Kathrin Klaasen wird mit den Ermittlungen betraut. Ein Verbrechen ist nicht zwingend anzunehmen, doch ein Mann ist verschwunden und die Schülerinnen und Schüler wollen von seinem Verschwinden allesamt nichts mitbekommen haben. Der Mann war, das wird sehr schnell klar, nicht wirklich beliebt. Die Trauer über sein Verschwinden fällt doch etwas übersichtlich aus. Vor allem aber ist da eine Todesanzeige des Lehrers, die ein Schüler vor Wochen im Internet gepostet hat. Irgendjemand hat offenbar einen gewaltigen Brass aus diesen Mann gehabt und heißt es nicht – Gelegenheit macht Mörder?

Oder so ähnlich zumindest.
In einem Gespräch mit einer Schülerin namens Laura fallen Ann Kathrin einige Ungereimtheiten auf. Sie lässt sich davon jedoch nichts anmerken und lässt Laura ziehen, um sie jedoch mit ihrem Kollegen (und irgendwie auch Freund) Frank Weller zu beschatten. Laura führt die beiden direkt zu einem Mitschüler namens Sascha – dem Autor der Todesanzeige. Sascha hat jedoch keine Lust sich von der Polizei befragen zu lassen und rennt davon. Frank nimmt die Verfolgung auf. Als Sascha auf ein Baugerüst klettert, klettert Frank hinterher, verliert jedoch den Halt und stürzt auf den harten Asphalt. In ihrer Panik tauchen Laura und Sascha, der Laura vollkommen aufgelöst von dem Unfall des Polizisten erzählt, unter und schlagen sich diesmal erfolgreich bis auf die Insel Nordeney durch, wo eine Tante von Laura ein kleines Ferienhaus besitzt.

Während Frank mit einer Gehirnerschütterung im Krankenhaus liegt, wird Ann Kathrin zum Strand gerufen. Die Leiche eines Mannes, auf den die Beschreibung des Lehrers passt, ist von der Flut angeschwemmt worden. Erschossen! So also haben sich die Schülerinnen und Schüler ihres Lehrers entledigt - und dann darauf gezählt, dass ihre schändliche Tat von der Flut hinfort gespült würde. Es muss also nur noch geklärt werden, wer die Waffe abgefeuert hat. Denkt Ann Kathrin – um am Strand, milde ausgedrückt, überrascht zu werden. Der Tote ist nicht der Lehrer aus Bochum. Als wäre dies nicht schon Überraschung genug, betritt auch noch eine Wiesbadener BKA-Beamtin namens Elisabeth Fädli (Natalia Belitski) den abgesperrten Strandbereich, um Ann Kathrin und ihren Kollegen lapidar mitzuteilen, dass der erschossene Mann ihr Partner sei, womit der Fall nun in die Zuständigkeit des BKAs falle. Erklärungen? Hintergründe? Fehlanzeige. Ann Kathrin wird von den Ermittlungen abgezogen. Sie soll sich wieder auf den Lehrer konzentrieren. Woran Ann Kathrin natürlich nicht im Traum denkt.

Dies ist also der zweite Auftritt der Julia Jentsch in der Rolle der kauzigen ostfriesischen Ermttlerin Ann Kathrin Klaasen, nachdem sie die Rolle 2019 von ihrer Vorgängerin Christiane Paul übernommen hat. Und dieser zweite Auftritt macht den Mist, der sich «Ostfriesengrab» nannte und im Februar 2020 den Wunsch erweckte, nach der Ansicht des Filmes die Augen mit Brennspiritus auszuwaschen, um diesen 90 Minuten zu Bild gewordenen Lebenszeitraub von der Hornhaut zu brennen, mehr als vergessen. Was es mit diesem «Ostfriesengrab» auf sich hat, ist hier nachzulesen.

«Ostfriesenangst» ist sicher kein Meisterwerk, gerade in der zweiten Hälfte der Spielzeit wird Kommissar Zufall doch arg strapaziert, um die Geschichten des verschwundenen Lehrers und die des erschossenen BKA-Beamten zusammenzuführen. Doch die Inszenierung erlaubt sich auf diesem Weg keine Schnitzer. Der finnische, in Deutschland lebende Regisseur Hannu Salonen gibt mit «Ostfriesenangst» seinen Einstieg in die Spielfilmreihe. Mit ruhiger Hand führt er die einzelnen Handlungsstränge zusammen und lässt den Schauspielern viel Raum, um ihre Figuren mit Leben zu füllen. Dabei geht seine Inszenierung Hand in Hand mit der vorzüglichen Kameraarbeit seines finnischen Landsmannes Mikael Gustafsson, der mit den finnischen Serien «Bordertown» und «Arctic Circle» zwei herausragende Arbeiten abgeliefert hat, wie man sie in dieser Qualität sonst nur aus BBC-Serien oder Premium-Fernsehhochglanzproduktionen her kennt. Dass dieser Finne nun offenbar dem Ruf seines Landesmannes an die Nordseeküste gefolgt ist, entpuppt sich als Glücksfall. Gerade die Inszenierung der Wattszenen bewegt sich weit über Durchschnitt, herausragend sind immer wieder jene Aufnahmen, die das karge Land einfangen und die Region zu einem aktiven Mitspieler werden lassen. Aber auch intime Bilder beherrscht der Kameramann. Etwa im Krankenzimmer von Frank, in dem die Kamera ein stiller, fast heimlicher Beobachter in den Momenten bleibt, in denen Frank und Ann Kathrin einfach nur einander anschauen und die Zuneigung greifbar wird, die diese beiden (kauzigen) Figuren füreinander empfinden.

Die Filme rund um die Ermittlerin Ann Kathrin Klaasen wurden von Anfang an von einer bleiernen Schwere getragen, die sich aus dem Trauma ableitet, das die Kommissarin auf ihrer Seele trägt. Ihr Vater, ebenfalls ein Polizist, ist im Dienst erschossen worden, seine Mörder wurden nie gefasst. Dieser Tod ist für sie eine nie verheilende Wunde. Hannu Salonen nimmt der Inszenierung ein Stück weit diese Schwere. Spielte ihr Vater in den Vorgängerfilmen stets eine größere Rolle – als ein Trugbild, mit dem Ann Kathrin regelmäßig Gespräche führt – belässt es Salonen in seinem Film bei einer solchen Szene. Diese erinnert an Ann Kathrins Trauma, doch liegt dieses Trauma eben nicht wie eine alles bestimmende Zentnerlast über der Inszenierung. Da liegt der Fokus dann doch auf der Kriminalhandlung. Was als weise Entscheidung betrachtet werden darf.

«Ostfriesenangst» ist am Samstag, den 20. März 2021, im ZDF zu sehen.

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