Die Kino-Kritiker

«Songbird» – Der erste Hollywoodfilm über den Corona-Virus

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Der Film von Michael Bay spielt vier Jahre nach dem Ausbruch des Corona-Virus. Durch Mutationen ist der Virenstamm deutlich aggressiver geworden.

Als vor knapp einem Jahr der erste Lockdown ausgerufen wurde, hörte man Leute immer wieder sagen, sie kämen sich wie in einem Film vor. Verschlossene Läden, leere Straßen und vereinzelte Menschen, die einem verängstigt aus dem Weg gehen. Eine Pandemie – so etwas kannten die Mehrheit bisher nur auf Horror- und Katastrophenfilmen, die einem das Ende der Welt ankündigen. Die Schreckensfantasie der Filmemacher schien von der Realität eingeholt worden zu sein.

Mit «Songbird» ist nun aber der erste Hollywoodfilm entstanden, der nach vorn prescht und die aktuelle Covid-Lage dazu nutzt, eine viel düstere Zukunftsvision zu prognostizieren als wir es gerade weltweit erleben. Schon als Ende Oktober der erste Trailer im Netz herauskam, hagelte es Kritik, fielen Worte wie ‚pietätlos‘, ‚zynisch‘ und ‚ekelhaft‘. Das alles noch vor dem zweiten Lockdown, der uns nach vier Monaten weiterhin fest in Griff hat. Da kann es einem wirklich erst mal wirklich eiskalt den Rücken herunterlaufen, jetzt einen Film zu sehen, der so nah an der Wirklichkeit sein will. Bei genauer Betrachtung erlaubt sich «Songbird» (ab sofort bei Amazon Prime) dann doch nur die üblichen Übertreibungen eines Films, der mit unseren Ängsten spielen will.

Nichts mehr zu retten?
Vier Jahre sind seit dem Ausbruch der Corona-Virus-Pandemie vergangen. Nach mehreren Mutationen ist der Virus so gefährlich geworden, dass Infizierte Gehirnschäden davontragen und nur noch eine 50-prozentige Überlebenschance haben. Auch in Los Angeles müssen sich die Menschen nach über 100 Millionen Tote weltweit Zuhause verbarrikadieren. Frei bewegen dürfen sich nur jene, die immun sind und ein gelbes Bändchen am Handgelenk tragen, um von den Militärpatrouillen an Absperrungs- und Kontrollpunkten durchgelassen zu werden.

Einer von ihnen ist Nico (K.J. Apa), der seine Freiheit nutzt, um als Fahrradkurier sein Geld zu verdienen. Seine Freundin Sara (Sofia Carson) lebt mit ihrer Großmutter in einem Apartment. Aber sie können sich weder in die Augen schauen, noch sich berühren. Die Kommunikation läuft über Monitore ab, die Übergabe von Gegenständen durch eine UV-Lichtschleuse, um mögliche Krankheitserreger abzutöten. Doch die Oma erkrankt, und jeder weiß, was das bedeutet. Alle Personen eines Haushalts werden in den nächsten Stunden in Quarantäne-Camps abgeführt, aus denen es kein Entrinnen mehr gibt. Nico will das verhindern und findet heraus, wo man illegal ein gelbes Armband bekommt. Das dubiose Ehepaar Piper (Demi Moore) und William Griffin (Bradley Whitford) führen einen kriminellen Handel damit, in dem auch ein psychopathischer Gesundheitsinspektor (Peter Stomare) involviert ist.

Die Zutaten eines Zukunftsthrillers
Ein gnadenloser Überwachungsstaat, in dem ein Menschenleben nichts mehr zählt, widerliche Typen, die ihre Macht missbrauchen und ein korruptes System aufgebaut haben, ein harmloser Held, der über sich hinauswachsen muss und zumeist hilflose Frauen in Opferrollen – all das sind die typischen Zutaten eines Zukunftsthrillers, wie sie einem jahrzehntelang immer wieder serviert werden. Insofern ist «Songbird» alles andere als ein origineller Thriller, der einen vom Hocker reißen könnte. Interessant ist der Film jedoch aus einer anderen Sicht. Denn er entstand tatsächlich im Sommer 2020 quasi inmitten der Pandemie und musste von Regisseur Adam Mason («Into the Dark») mit kleiner Crew und mit wenigen Mitteln innerhalb von zwei Wochen abgedreht werden.

Dass da kaum Zeit für ein clever ausgearbeitetes Drehbuch war, versteht sich von selbst, weshalb die Story erst am Schluss so wirklich in Gang kommt. Große Actionmomente gibt es natürlich auch nicht, dafür aber sehr viel Dialoge, die eigentlich helfen könnten, die Charaktere dem Publikum näherzubringen. Das gelingt eher nicht, weil man es entweder mit Abziehbildern zu tun bekommt wie im Fall Peter Stomare («Fargo»), der als schmieriger Schurke mächtig übertreiben darf, oder weil die Darsteller insbesondere die Newcomer K.J. Apa («Riverdale») und Sofia Carson («Descendants») blass bleiben. Nur Paul Walter Hauser («Der Fall Richard Jewell») als Überwachungsspezialist und Demi Moore («Ein unmoralisches Angebot») als zwielichtige Betrügerin haben einige gute Auftritte, bleiben aber untergeordnete Charaktere.



Den Abstand wahren
Dass hinter diesem Projekt der große Actionmeister Michael Bay («Transformers») als einer der Produzenten steckt, verwundert dann aber doch. Warum hat er nicht mehr investiert, um einen für seine Verhältnisse gerechten Kracher aus der Corona-Krise herauszuholen? Vermutlich, weil er das Ganze nur als Experiment gesehen hat. Denn er musste damit rechnen, dass er einen Shitstorm nach sich ziehen würde, aus dem Vorwurf, dass «Songbird» viel zu verfrüht mit der aktuellen Situation auseinandersetzen würde, und das auch noch für ein billiges Horrorszenarium. So unsensibel wie eine Witwe, die nach der Beerdigung ihres toten Mannes wieder ein rotes Kleid trägt.

Womöglich ist es aber genau das, was ihn gereizt haben könnte. Denn das schnelle Geld kann es bei Bays Vermögenverhältnisse nicht wirklich gewesen sein. Natürlich ist zudem die Frage berechtigt, ob die dramatischen Überspitzungen im Film die allerorts wütenden Verschwörungstheorien noch zusätzlich anheizen könnten. Nein, denn dazu ist «Songbird» offenkundig zu reißerisch und einfach nur plump in seiner Inszenierung. Es gilt also auch hier: Abstand wahren! Insofern, dass man sich den Film gar nicht erst ansieht, weil einem das Thema Corona sowieso schon den ganzen Tag um die Ohren gehauen wird, oder dass man ihn sich aus der nötigen Distanz ansieht: Alles nur Show!

Fazit: Gespenstische Bilder, die auf die derzeitige Corona-Situation anspielen, letztendlich aber doch nichts anderes tun als Klischees klassischer Katastrophenfilme zu verbraten, die einen nicht wirklich Angst machen können.

«Songbird» ist bei Amazon verfügbar.

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