Interview

‚Die Physik gilt für uns alle – ausnahmslos‘: Özden Terli über Olympia-Wetter

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Bei Olympischen Winterspielen richtet sich der Blick von Millionen Zuschauerinnen und Zuschauern nicht nur auf Medaillen, sondern auch auf Wolken, Temperaturen und Schneefallgrenzen.

ZDF-Meteorologe Özden Terli erklärt, warum Olympia eine besondere Bühne für Klimathemen ist, weshalb klassische Wintersportorte wie Oberhof unter Druck geraten – und warum sich Wetterextreme längst nicht mehr technisch wegmoderieren lassen.

Bei Olympia schauen Millionen Menschen auf Wetterkarten und Prognosen. Was bedeutet diese Bühne für Sie als Meteorologen – ist Olympia ein besonderer Moment, um Klimazusammenhänge verständlich zu erklären?
Das sehe ich so – es ist etwas Besonderes. Zukünftig gehört es voraussichtlich einfach dazu. Denn gerade die Olympischen Winterspiele sind stark vom Wetter abhängig. Eine Stunde intensiver Schneefall – und schon sind die Planungen durcheinander oder Wettbewerbe müssen verschoben werden. Klimazusammenhänge zu erläutern, gehört also durchaus dazu, etwa die Information, dass sich die Alpen schneller aufheizen als das Flachland.

Die Winterspiele 2026 finden in Norditalien statt, mit sehr unterschiedlichen Höhenlagen. Wie komplex ist es heute, verlässliche Wetterprognosen für so dezentrale Spiele zu erstellen?
Tatsächlich ist die Vorhersage für die Alpen immer eine Herausforderung – viele Einflüsse spielen eine Rolle. Wo kommt die Luft her und wird sie von Norden oder Süden an die Berge gedrückt? Gibt es Föhn oder andere Besonderheiten? Das muss man berücksichtigen.

Viele Zuschauer erleben Wintersport fast nur noch im Fernsehen. Vermittelt Olympia Ihrer Ansicht nach noch ein realistisches Bild davon, wie winterlich unsere Winter tatsächlich sind?
Derzeit ist Schnee vorhanden und man hat einen winterlichen Eindruck. Ich würde sagen, da hat es gepasst. Allerdings hat die Variabilität zugenommen: Die Wetterlagen verändern sich und der Schnee kommt später, also eher im Januar oder Februar.

Klassische Wintersportorte wie Oberhof kämpfen immer häufiger mit Schneemangel. Sind das für Sie Ausnahmen – oder längst Vorboten einer strukturellen Veränderung?
Die Veränderungen sind bereits in der Vergangenheit angeschoben worden und Sie haben recht: Es ist eine tiefgreifende, systematische Veränderung unserer Atmosphäre. Zu lange wurde zu viel CO₂ freigesetzt – und das sorgt für eine beschleunigte globale Erhitzung, die noch viel Leid über die Menschen bringen wird. Das wird leider ignoriert.

Kunstschnee ist im Profisport inzwischen Standard. Wo liegt aus meteorologischer Sicht die Grenze dessen, was technisch kompensierbar ist – und was nicht?
Für die fernere Zukunft sehe ich auch Probleme mit der Wasserversorgung. Sie benötigen Speicherseen für das Wasser, das die Schneekanonen verbrauchen. Die Herausforderungen werden größer werden, denn auch die Gletscher verschwinden in einem rasanten Tempo, was auch die Trinkwasserversorgung beeinträchtigen wird. Die Veränderungen sind zu schnell im Klimasystem – und das wirkt insbesondere auch auf die Alpenregion.

Sie erklären Wetter oft in wenigen Sekunden, Klima aber in langen Zeiträumen. Wie schwierig ist es, diese Unterschiede gerade bei Großereignissen wie Olympia klarzumachen?
Es ist ein Unterschied, ob die Erklärungen in einer Nachrichten- oder Magazinsendung oder jetzt im Rahmen der Olympia-Übertragungen erfolgen. Die Fakten bleiben gleich, aber jetzt bei Olympia werden wir eher im Gespräch auf die Punkte eingehen, die relevant sind - es ist also weniger eine Präsentation.

Wintersport lebt von Verlässlichkeit – Athletinnen und Athleten trainieren jahrelang auf bestimmte Bedingungen. Wie sehr verändern sich diese Grundlagen gerade?<&v>
Die Veränderungen machen sich in den Alpen schneller bemerkbar. Die Bergregionen sind empfindlicher als wir uns das vielleicht zunächst vorstellen. Die schwindenden Gletscher und die steigende Schneefallgrenze zeigen dies an – und damit auch die Gegenden, in denen überhaupt Wintersport ausgeübt werden kann. Eine Weile wird das mit Schneekanonen technisch zu kompensieren sein, aber eine dauerhafte Anpassung wird schwierig. Das gilt auch für andere Bereiche: Eine fortwährende Anpassung an die globale Erhitzung ist nicht möglich. Das wird schlichtweg unbezahlbar.

Gibt es Disziplinen, bei denen Sie aus heutiger Sicht besonders skeptisch sind, ob sie langfristig noch planbar bleiben?
Talfahrten werden schwieriger – aufgrund der Erwärmung und folglich weniger verlässlichen Schneemengen in tieferen Lagen.

Wenn Sie Wintersportstandorte in Deutschland und Europa vergleichen: Wo wird Anpassung gelingen – und wo stößt man Ihrer Einschätzung nach an natürliche Grenzen?
Ich gehe davon aus, dass eine dauerhafte Anpassung nicht gelingen wird, wenn die Temperatur immer weiter steigt. Und das wird so lange passieren, bis wir aufhören, fossile Energieträger zu verbrennen und CO₂ in die Atmosphäre freizusetzen. Das ist eine physikalische Grundlage. Wenn wir damit aufhören, würde es zu einer Stabilisierung der Temperatur kommen. Allerdings hängt das von weiteren Faktoren ab. Es braucht eine Risikoabschätzung, die jedoch nicht umgesetzt wird.

Ganz persönlich gefragt: Was wünschen Sie sich, dass Zuschauerinnen und Zuschauer nach Olympia anders wahrnehmen – beim nächsten Wetterbericht oder beim Blick auf den Winter vor der Haustür?
Einen bewussteren Umgang mit den Veränderungen beim Wetter. Dass wir diese Veränderungen nicht verdrängen. Die Physik ist für uns alle gültig – ausnahmslos!

Danke für das interessante Gespräch!

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