Interview

Michael Antwerpes: ‚Bei Olympia entscheidet ein Fehlschuss über ein ganzes Leben‘

von

Wenn die fünf Ringe auftauchen, wird aus einem Biathlonrennen mehr als nur Sport. Für Michael Antwerpes ist Olympia ein Ausnahmezustand – für Athletinnen und Athleten ebenso wie für die Berichterstattung.

Im Gespräch erklärt der langjährige Kommentator, warum sich Biathlon bei Olympischen Spielen radikal vom Weltcup unterscheidet, weshalb Fehlschüsse dort gnadenloser wirken als je zuvor und warum ihn diese Wettkämpfe auch nach Jahrzehnten nicht kaltlassen.

Olympische Spiele sind für viele Athletinnen und Athleten der absolute Höhepunkt. Woran merkt man als Kommentator und Beobachter, dass Biathlon bei Olympia noch einmal „anders“ ist als im Weltcup?
Zunächst mal dadurch, dass überall die ikonischen 5 Ringe zu sehen sind und keine omnipräsenten Werbebanden wie im Weltcup. Das IOC hat da ganz strikte Regeln, ebenso wie bei der Kontrolle von Zutritten zu bestimmten Bereichen. Im Weltcup dürfen wir nahezu überall hin, z.B. auch Athleten selbstständig ansprechen - bei Olympia: keine Chance.

Biathlon lebt vom Wechsel zwischen maximaler körperlicher Belastung und höchster Präzision. Warum ist gerade diese Kombination bei Olympischen Spielen so gnadenlos – mental wie sportlich?
Es geht für Biathleten darum, ob sie durch einen Olympiasieg in ihrer Heimat „unsterblich“ werden und dadurch auch bis weit nach der Karriere Geld verdienen können, abgesichert sind. Da entscheidet also unter Umständen ein Fehlschuss über Dein restliches Leben. Und bei Olympia ist es gnadenlos, wenn Du nur Zweiter wirst. Das ist wie beim Lotto: mit Zusatzzahl Jackpot, ohne „nur“ Gewinner.

Sie begleiten den Biathlon seit vielen Jahren journalistisch. Hat sich Ihr Blick auf olympischen Erfolg verändert – weg von Medaillen, hin zu anderen Kriterien?
Es ist deutlich kommerzieller geworden, es wird viel mehr Geld bewegt als bei meinen ersten Spielen 1994 in Lillehammer. Aber was bleibt, ist der ganz besondere Glanz einer Olympiamedaille - und die großen Emotionen bei denen, die sie um den Hals gehängt bekommen. Das lässt mich auch nach 32 Jahren nicht kalt bei den perfekt inszenierten Siegerehrungen.

Olympia bedeutet auch: vier Jahre Vorbereitung für wenige Rennen. Wie sehr verändert dieser Druck die Rennen – und die Entscheidungen, die Athletinnen und Athleten auf der Strecke treffen?
Die modernen Aktiven stehen ja unter Dauerdruck, ausgelöst durch die Omnipräsenz in den klassischen Medien und vor allem in den sozialen Netzwerken. Sicher ist diese mentale Komponente bei solch wichtigen Rennen ein entscheidender Faktor - aber das gehört im Spitzensport zum „Alltag“! Im Zweifel kann die Psyche zum Vorteil werden für ältere, erfahrenere BiathletInnen.

In den letzten Jahren ist der Sport internationaler und dichter geworden. Ist das Biathlon-Feld heute ausgeglichener als früher – und was heißt das für die Erwartungshaltung des Publikums?
Aktuell hat sich generell die Leistungsdichte enorm erhöht! Aber was früher die deutsche Mannschaft in Serie abgeräumt hat, wandert nun in erster Linie nach Norwegen und Frankreich. Für das Publikum ändert sich nicht viel: denn nach meiner Erfahrung sind Biathlonfans sehr international ausgerichtet und ärgern sich nur in Maßen, wenn die Deutschen nicht gewinnen. Es geht in erster Linie um diesen faszinierenden Sport und seine Duelle.

Viele Fans erleben Biathlon heute sehr emotional und live – oft über lange Wettkampftage hinweg. Worin unterscheidet sich die olympische Berichterstattung von einem klassischen Wintersport-Wochenende?
Es geht ja bei den Spielen immer um Medaillen. Dieses Spannungsmoment versuchen wir natürlich regelmäßig zu transportieren. Bei den Spielen werden auch längere Strecken aus dem gemeinsamen ARD/ZDF-Studio gesendet werden. Beim Biathlon ist es konkret so, dass ein Experte vor Ort in Antholz ist, während der andere im Studio in Mainz präsent ist. Bei der Hälfte wird dann gewechselt.

Als Kommentator muss man erklären, einordnen und zugleich Emotionen zulassen. Wie finden Sie bei Olympia die Balance zwischen analytischer Distanz und mitfiebernder Nähe?
Das ist eine über viele Jahre gelebte Erfahrung. Wir sind seit jeher bemüht, keine nationalistischen Töne zu bemühen. Freude über deutsche Erfolge: ja! Aber bitte keine Fraternisierung und Kumpelei, kein „wir“ haben gewonnen.

Fehler gehören im Biathlon zwangsläufig dazu – besonders am Schießstand. Warum wirken Fehlschüsse bei Olympischen Spielen oft dramatischer als sonst?
Weil es eben um alles oder nichts geht. Und das nur alle vier Jahre! Im Weltcup kann man eine schlechte Leistung als „Lerneffekt“ abtun, bei Olympia ist es IMMER eine große Enttäuschung!

Der Sport hat sich technisch und taktisch stark weiterentwickelt. Gibt es Aspekte im heutigen Biathlon, die Zuschauerinnen und Zuschauer erst bei Olympia wirklich bewusst wahrnehmen?
Das glaube ich nicht - der einzige Unterschied ist, dass pro Wettkampf nur 4 statt 6 StarterInnen einer Nation zugelassen sind. Und dass einige Exoten aus Griechenland, Spanien oder der Türkei am Start sein werden. Aber generell werden die Rennen bei Olympia nicht anders übertragen als im Weltcup, man bekommt also keine speziellen Extra-Einblicke. Da ist mittlerweile ein technisches Niveau erreicht, das kaum noch zu toppen ist.

Ganz persönlich gefragt: Was fasziniert Sie nach all den Jahren an Biathlon bei Olympischen Spielen immer noch neu – und was geht Ihnen dabei vielleicht näher als früher?
Es werden meine letzten Winterspiele sein, deshalb möchte ich die besondere Spannung am
Schießstand nochmals besonders intensiv aufsaugen. Biathlon lebt davon, dass im letzten Duell der Wettkampf noch „kippen“ kann, dass vermeintlich wie sichere Sieger aussehende SportlerInnen am Ende nur Vierte werden. Und natürlich kribbelt es noch ein wenig mehr, wenn statt 4 Millionen vielleicht 10 Millionen zuschauen. Ansonsten aber bin ich da mittlerweile im positiven Sinne „abgebrüht“ - es war und bleibt ein tolles Erlebnis, aber kein lebenswichtiger Faktor.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Kurz-URL: qmde.de/168692
Finde ich...
super
schade
Teile ich auf...
Kontakt
vorheriger ArtikelQuotencheck: «Unter Uns»nächster ArtikelMichaela Hartnagel-Keil: ‚Ich bin spät gestartet – aber genau zur richtigen Zeit‘
Schreibe den ersten Kommentar zum Artikel

Letzte Meldungen


Mehr aus diesem Ressort


Jobs » Vollzeit, Teilzeit, Praktika


Surftipp


Surftipps


Werbung